Terracliff

Cece und Darias Geheimnis
Saga der Erdlinge, Band 2


© 2026 Michaele Gruen
Kategorien
Portal Fantasy, Urban Fantasy, Young Adults, Parallelwelt

Genre Mix

Portal Fantasy Dystopie mit urbanem Touch, Parallelwelten, Young Adults & All-Agers, Macht & Unterdrückung

Klappentext

Die Unterwelt schweigt. Doch das Schweigen ist trügerisch.

Cece reist unter dem Vorwand eines Praktikums nach Südengland und trifft auf Nestor, der sie mit nach Terracliff, einer verborgenen Wasser- und Höhlenwelt nimmt. Als Julius schwer verletzt wird, erkennt Cece, dass nicht alle einen Frieden mit den Wolklingen wollen.

Zwischen alten Feindschaften, neuen Verbündeten und einer Liebe, die gerade erst erwacht, muss sie entscheiden, wem sie vertrauen kann. Doch Darias Einfluss reicht weit und bedroht alle, die der Geschichte von Blythe, geboren im England des 17. Jahrhunderts, zu nahe kommen.

Portal Fantasy zwischen unserer urbanen Welt und einer Parallelwelt, in der Macht über Gerechtigkeit steht – und Mut den Unterschied macht.

Leseprobe

Lengsdorf

95 Meter über NN

Ihre Augenlider schmerzten. Was war das für ein rotes Licht, das sie blendete? Sie wusste es nicht. Unfähig, die Augen zu öffnen, zerrte sie an ihren Händen, die in einer Art Stoff gefangen waren. Ihre Versuche, sie zu befreien, scheiterten. Mit Gewalt riss sie die Hände samt Stoff nach oben und rieb damit ihre verklebten Augen.

»Aua« … Etwas kratzte durch ihr Gesicht und kitzelte die Nase. Haarwurzeln … ein Wurzelnest … Ich bin im Todesfeld! Panisch schlug sie um sich und irgendwas biss in ihre Hand. Hinter ihren geschlossenen Augen tauchte die Erinnerung an die langen Stäbe mit den scharfen Spitzen auf, die die Gardisten in die Wurzelnester und damit in die Körper der Gefangenen stießen. Deren dreckiges Lachen verwandelte sich in ein Fauchen und etwas zog schmerzhaft an ihren Haaren. Ihr Schreien klang zunächst dumpf und der Stoff drohte sie zu ersticken. In der Ferne hörte Cece eine Tür knallen und kurz darauf schrie eine weibliche Stimme wütend auf sie ein. Eine Stimme, die sie an Peppa erinnerte.

»Nein!«, schrie Cece laut und die Angst um ihre jüngere Schwester kanalisierte ihre Wut und sie richtete sich mit aller Kraft auf.

Verwirrt starrte sie in ein grelles, viereckiges Licht, direkt über ihr, und Schreie drangen von der Tür in ihr Hirn.

»Cece, warum hast du Benny geschlagen?! Der arme Kerl hatte sich in deinen Haaren verfangen. Selbst schuld, wenn du so lange pennst! Es ist nach zehn!«

Das Viereck verwandelte sich in das Dachflächenfenster ihres Zimmers und der erstickende Stoff war ihr Kissen, das nun harmlos in ihrem Schoß lag. Die Traumbilder verschwanden beim Blick in Peppas fassungslose Augen, die ihren Kater Benny schützend auf dem Arm hielt.

Keine Wurzeln, kein Todesfeld. Nur eine zornige Schwester mit einem zu großen Schutzinstinkt. Zumindest, wenn es ihren Kater betraf. Ein Blick auf ihn genügte und Cece war sich sicher, dass Benny sie auslachte. Sie unterdrückte ein Gähnen. »Habt ihr schon gefrühstückt?«

»Natürlich.« Peppa verdrehte die Augen. »Du kannst dir Zeit lassen. Mama und Papa sind zur Metro gefahren. Du sollst den Tisch abräumen, wenn du fertig bist.«

»Jaja, lass mich erst mal wach werden.« Doch Peppa hörte ihr nicht mehr zu. Die weißen Kopfhörer stachen unter ihrem roten Wuschelkopf hervor und sie sang lauthals »Girls Just Wanna Have Fun« zur unhörbaren Melodie mit.

Cece schmunzelte. Dass Cyndi Lauper eine dauerhafte Konkurrenz zu Peppas Lieblingsgruppe Abba war, wagte sie zu bezweifeln. Grinsend streckte sie sich und die flauschigen Ärmel ihres Nachthemds rutschten an ihren leicht gebräunten Armen runter.

Deren Farbe verblasste wie der Sommer, die Herbstferien standen vor der Tür und die morgendliche Luft wurde täglich kühler. Heute war Samstag und damit schulfrei. Schwungvoll sprang sie mit beiden Füßen gleichzeitig aus dem Bett. Eine Gänsehaut kroch ihre nackten Beine hoch, und sie warf sich ihre Joggingsachen über, bevor sie im Bad verschwand. Zähne putzen, laufen, frühstücken. So liebte sie ihre Samstage.

Im Spiegel entdeckte sie am Haaransatz einen weiteren Kratzer. Dieser Kater, irgendwann werfe ich ihn aus dem Fenster. Aus dem Lautsprecher klang Radio Bonn-Rhein-Sieg mit den Verkehrsnachrichten. Mal wieder Stau auf der 565, das heißt, Mama und Papa werden nicht so schnell zurück sein. Das passt mir prima, lächelte sie sich selbst im Spiegel an. Ob Nick und Julius gleich auf dem Sportplatz sind?

Sie spuckte die schaumigen Zahncremereste ins Waschbecken und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Das musste reichen, duschen würde sie nach dem Sport.

Peppa saß am Küchentisch und las ein Buch. Die drei Fragezeichen, eine völlig zerfledderte Ausgabe. Sie liebte es, Detektivgeschichten mehrfach zu lesen, obwohl sie die Lösung längst kannte. »Ich will Kriminalkommissarin werden und werde keinen Mörder laufen lassen, nur weil ich ein wichtiges Detail übersehe«, antwortete sie ernsthaft auf die Frage ihres Vaters, ob sie den Fall nicht auswendig kannte.

»Ich bin zum Sportplatz, räumst du den Tisch für mich ab?«, rief Cece ihr vom Flur aus zu. »Ich bin dann morgen dran, okay?«

Peppa schaute von ihrem Buch auf und ihre Augen blitzten sie über den Buchrand frech an. »Nur wenn du mir verrätst, ob du Julius geküsst hast.«

Cece lachte. »Niemals!« Sie ließ offen, was genau sie mit niemals meinte: Küssen oder verraten. Bevor Peppa nachbohren konnte, lief Cece die Treppe hinunter. Die Tür fiel mit einem lauten Krach hinter ihr ins Schloss und sie verschwand im Gang zwischen Wohnhaus und Büro, wo ihr Fahrrad stand. »Guten Morgen«, grüßte sie Markus, den Glasergesellen ihres Vaters. Der grinste verschwörerisch und rief ein »Bleib sauber« hinterher. Vermutlich fragte er sich auch, ob sie Julius geküsst hatte.

Die Jungs warteten schon auf dem Sportplatz und lümmelten sich auf einer der oberen Sitzreihen herum. Nick, wie immer mit den Füßen überkreuz, lag auf der darunterliegenden Sitzbank, sein armeegrüner Rucksack neben sich. Er redete auf Julius ein und bemerkte sie erst, als er ihn anstieß.

»Hallo Cece«, lächelte Julius sie an.

»Wann hast du das letzte Mal was von unseren Freunden gehört?«, warf Nick ihr statt einem Gruß entgegen. Vermutlich hatten die beiden über das Thema gesprochen.

Cece schloss ihr Fahrrad am Geländer fest und setzte sich zu ihnen. »Ich war gestern Abend in der Waldau, am Gehege, ihr wisst schon.«

»Wieso hast du nichts gesagt? Ich wäre mitgekommen … und Nick bestimmt auch«, beschwerte sich Julius.

Verblüfft schwieg Cece einen Moment, nicht sicher, ob Julius enttäuscht, besorgt oder ernsthaft beleidigt war. »Ich habe das spontan entschieden. Es war nach neun, dunkel und es schüttete aus allen Eimern«, antwortete sie verlegen, da sie überhaupt nicht an ihn gedacht hatte.

»Und, hat es sich gelohnt?«, hakte Julius verschnupft nach. Nick grinste.

»Nein«, gab Cece enttäuscht zu. »Unsere Nachricht lag genau auf dem Platz, wo wir sie versteckt haben. Etwas verrutscht vielleicht, aber ich tippe eher auf Mäuse als auf Erdlinge.« Das letzte Wort flüsterte sie und schaute über die Köpfe der Jungs hinweg, ob jemand zuhörte.

Vom Sportplatz hallten helle Kinderstimmen durcheinander, bis die dunkle Stimme von Dirk, Fußballtrainer der Altersklasse ›E‹, sie zur Ordnung rief. Zwei Läufer wärmten sich an der unteren Sitzreihe auf und unterhielten sich. Ansonsten waren die grauen Bänke aus groben Steinen leer. Schweigend setzte sie sich unterhalb von Nick und Julius. Die Enttäuschung stand allen dreien ins Gesicht geschrieben.

»Und … war es das jetzt?«, durchbrach Nick die Stille.

Wie von der Tarantel gestochen sprang Cece auf. »Nein«, rief sie so laut, dass selbst die Kinderstimmen kurz innehielten. »Auf keinen Fall«, setzte sie leiser hinterher. »Val hat versprochen, sich zu melden. Ich vertraue ihr.«

»Ich weiß nicht.« Julius schüttelte zweifelnd den Kopf. »Geduld hin oder her, sechs Monate Wartezeit sind ganz schön lang.«

Cece nickte, wenn auch zögerlich. Ja, sie hatten das hinlänglich diskutiert, und Warten blieb als einzige Option. Wenn selbst Val oder Fidelia keine Möglichkeit fanden, ihnen irgendein Zeichen zu hinterlassen, war irgendetwas im Busch. Dennoch … die beiden gehörten zu den wenigen, die aus der in der Erdkruste verborgenen Stadt Terradisto auf die Erdoberfläche zu ihren Feldern durften. Und trotzdem kein Zeichen?

Sie schüttelte den Kopf. »Was für Alternativen haben wir? Außer stumpfem Abwarten, meine ich. Der Gang ist verschüttet und der Tunnel ist maximal tödlich.«

»Wir halten an dem Plan fest.« Nicks Stimme klang voller Tatendrang. »Ich baue bereits an einer mobilen Funkstation. Die wäre innerhalb von Stunden einsatzbereit. Die Frage ist nur, wie schnell wir bereit sind. Terracliff liegt nicht im Siebengebirge, sondern an Englands Küste.«

»Meine Bewerbung für ein Praktikum bei National Trust in Eastbourne läuft. Es fehlt noch die Erlaubnis unserer Schule, dass ich drei Monate aussetzen darf.«

»Lehnst du dich nicht ziemlich weit aus dem Fenster? Das ist eine lange Zeit. Was ist, wenn sich Val oder die anderen erst in drei Monaten melden? Oder gar nicht. Dann riskierst du dein Abi wegen zu vieler Fehlstunden.«

»Mir egal. Einen Aufenthalt in Kanada hatte ich schon länger im Visier. Jetzt ist es halt England. Die sprechen auch Englisch.«

»Nein«, widersprach Nick, »die sprechen britisch und glaub mir, das ist ein echter Unterschied. Ich spreche aus Erfahrung.«

»Wann startest du mit dem Praktikum?«, mischte sich Julius in die Diskussion.

»In zwei Wochen, warum?«

»Unsere Teambewerbung für das Freiwassertraining bei den King Swimmers in Dover wurde angenommen. Mein Trainer hat gestern meine Mutter angerufen.«

Nick klopfte ihm auf die Schulter. »Echt cool, Mann. Wann geht’s los?«

»In zwei Wochen. Falls meine Mutter zustimmt …« Julius starrte auf den Boden und kickte ein paar größere Kiesel auf die untere Bank. »Sie hält es für zu gefährlich. Totaler Blödsinn. Das sind alles anerkannte Profis. Die wissen, was sie tun.« Julius machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich will da unbedingt mitmachen, unabhängig von unseren anderen Plänen. Der Schwimmverband ist da. Wenn ich eine Kanalüberquerung unter acht Stunden schaffe, habe ich Chancen auf die Kaderliste.« Seine braunen Augen blitzten aufgeregt unter den wie üblich ungekämmten blonden Locken.

»Das ist nichts für Weicheier.« Nick haute ihm kumpelhaft auf den Oberarm. »Wieso ist deine Mutter dagegen?«

»Die Überquerungen sind im Herbst besonders heftig. Hohe Wellen, kaltes Wasser. Dann sind es über 30 Kilometer, bis du von Dover in Cap Gris-Nez ankommst.« Er zuckte mit den Schultern. »Deswegen das Trainingslager vorher. Wenn du nicht fit genug bist, lassen sie dich erst gar nicht mitschwimmen.« Julius hob sein Kinn und dehnte seinen Oberkörper, sodass seine breiten Schultern die Jacke fast sprengten.

»Dann wäre ich auf jeden Fall raus, ich breche schon nach vier Bahnen zusammen«, gab Cece unumwunden zu und lachte. »Übrigens, wenn alles klappt, bin ich auch in zwei Wochen da.« Cece zwirbelte fröhlich den Zeigefinger durch ihren schulterlangen Zopf.

»Wie das denn? Schwimmend ja wohl nicht.« Nick konnte es einfach nicht lassen. Nur seine schelmischen Augen verhinderten, dass Cece ihm böse sein konnte.

»Blödmann. Wenn ich das Praktikum kriege, fahren meine Eltern mich nach England.«

»Tja, die liebe Familie. Dann bleibe ich wohl hier und bau in Ruhe die Funkstation zusammen. Falls sie überhaupt gebraucht wird.« Die Enttäuschung, nicht mit dabei zu sein, verschwand hinter einem Lächeln.

Cece spürte die Mauer aus unausgesprochenen Worten, die sich zwischen ihnen hochzog. »Daran habe ich keinen Zweifel. Was ist mit Fritz, ist er wieder dabei?«

»Eher nicht.« Nick schaute an Cece vorbei. »Die Apfelernte läuft.«

»Ich versteh das nicht. Wie kann es sein, dass er nicht mal nachmittags oder am Wochenende frei hat? Was ist mit seiner Tante, kann die nicht mit seinem Vater reden? Frag ihn doch mal!«

»Das habe ich längst. Aber er muss sich bei seinem Vater durchsetzen. Das kann weder seine Tante noch ich für ihn übernehmen.« Nick baute sich vor ihr auf. »Lass ihn in Ruhe. Wenn er Hilfe will, merk ich das schon.«

Julius zog Nick am Ärmel: »Setz dich. Cece hat es verstanden. Richtig?« Auffordernd schaute er sie an.

An ihrem Pulli zupfend schaute sie Nick beschämt an. »Entschuldige. Mir tut Fritz leid.« Sie hob ihre ausgestreckte Hand. »Was auch immer kommt, wir sind vorbereitet. Fritz kann dazustoßen, wann immer er Zeit hat.« Grinsend schlugen die Jungs ein.

»Puh. Ich muss dringend ein paar Runden laufen.« Ihre Füße trippelten von rechts nach links und zurück und ihr Puls stieg in freudiger Erregung. Die Jungs nickten uninteressiert. »Ich fahr morgen nochmal zum Gehege und schau, ob sich was geändert hat. Treffen wir uns da?«

Julius und Nick hoben ihre Daumen und beobachteten Cece, wie sie sich ihren Schlabberpulli auszog und ihn hoch zu ihrem Fahrrad warf, wo er am Lenker hängen blieb. Dann zog sie ihr enges Laufshirt glatt und hüpfte trittsicher die Steinbänke runter.

»Seit wann läuft Cece ohne ihren Schlabberpulli?«, murmelte Nick überrascht, und seine Augen folgten Ceces schlanker Figur in ihrer neuen Joggingkluft.

»Keine Ahnung. Ist mir nicht aufgefallen«, log Julius. »Vermutlich ist ihr zu warm.«

»Wir haben Oktober.« Nick sah ihn verwundert an.

»Stimmt«, grinste Julius, »aber warm.«

 

Waldau

170 Meter über NN

Es hatte die Nacht über geregnet und die dunklen Wolken schienen sich auf den nächsten Guss vorzubereiten. Die Wurzeln auf dem Trampelpfad blitzten im Licht der Fahrradlampen wie frisch geputzt und erinnerten Nick an die knochigen Finger des Schulskeletts.

Er fuhr vorneweg und sein Vorderreifen rutschte zum wiederholten Male an einer Wurzel ab. Obwohl er das Fahrrad mit seinem Fuß stabilisierte, landete er in einer Schlammpfütze, deren Inhalt sich in dicken Schlieren bis zum Kinn verteilte. »Fuck«, hörte Julius ihn fluchen und wich im letzten Moment aus.

»Wer ist nur auf die dämliche Idee gekommen, im Halbdunklen durch den Wald zu fahren?«, rief er genervt.

Julius bemühte sich nicht um eine Antwort und konzentrierte sich auf den Pfad. »Da ist Cece«, brach er wenige Minuten später das konzentrierte Schweigen. Hinter dem aufsteigenden Nebel wirkte sie wie ein durchsichtiger Geist, der mit irgendetwas winkte.

»Beeilt euch!«, rief sie aufgeregt.

Julius und Nick kamen schlitternd vor ihr zum Stehen und entluden Schlammspritzer auf Ceces Hose. Völlig desinteressiert grinste sie die beiden an.

»Sie haben eine Nachricht hinterlassen. Endlich! Am besten fahren wir gleich zurück und zu mir.«

»Können wir bitte erst erfahren, was drinsteht, bevor du uns durch den Schlamm zurückschickst?«, fragte Nick. Er kannte Ceces Zielstrebigkeit, wenn sie einen Entschluss gefasst hatte. Nur dass dem im Normalfall lange Diskussionen vorausgingen.

Kommentarlos reichte Cece ihm den Zettel, ihr Fuß fahrbereit auf dem rechten Pedal abgestützt. Nick wischte seine schlammigen Hände an der Jeans ab und hielt das quadratische Stück Papier so, dass Julius mitlesen konnte.

Bereitet die Funkstation vor. Daria hat Rudolfs Lebensreise nach Terracliff genehmigt. Wenn wir zurück sind, erfahrt ihr den Standort.

»Ist das alles? Kein Gruß, keine Unterschrift?« Nicks Stimme schwankte zwischen Wut und Enttäuschung. »So viel zu unserem Plan. Dann wirst du wohl umsonst in England auf sie warten.« Enttäuscht reichte Nick das Stück Papier zurück.

»Warte. Da ist was auf der Rückseite«, stoppte Julius ihn. »Sieht aus wie das Symbol auf dem Tagebuch. Oder irre ich mich?«

»Ja. Ich meine Nein.« Cece nahm den Zettel und steckte ihn in ihre Regenjacke. »Deswegen müssen wir schnell zu mir nach Hause.«

»Wozu die Hektik? Da steht klipp und klar, dass sie sich erst nach ihrer Rückkehr bei uns melden.«

»Stimmt. Aber das Symbol soll uns was anderes sagen. Ich bin sicher, dass es Val heimlich hinzugefügt hat.«

Nick erkannte an Ceces zuckendem Auge, dass sie etwas zurückhielt. Doch er hatte Fragen, bevor er auf eine Dusche und sein warmes Zimmer verzichten würde. »Val? Wie kommst du auf sie?«

Etwas verschämt senkte Cece den Blick. »Ich hab so ein Gefühl.« Sie biss sich auf die Unterlippe und sammelte ihre Argumente. »Zunächst einmal bin ich sicher, dass die Anweisung von Pastorus Rudolf kommt. Das ist seine Art: Wenig verraten, alles erwarten.« Sie holte die Nachricht erneut aus ihrer Jacke und zeigte auf den in der unteren Ecke gezeichneten, runden Mauereingang mit einer Silberdistel darunter. »Die Zeichnung deutet auf den Geheimgang in unserem Keller.«

»Das wissen mittlerweile alle. Wo und vor allem was für eine Botschaft siehst du?«

»Das Symbol wurde eilig hingekritzelt. Balduin war es nicht, da es keine für ihn wichtige Information darstellt. Damit bleibt nur Val oder Fidelia übrig. Ich tippe auf Val.« Ihre Mundwinkel zogen sich voller Überzeugung nach oben.

»Selbst wenn Val es hinzugefügt haben sollte, was sagt uns das? Ich bin völlig ratlos«, gab Julius zu.

»Das kennen wir so von dir«, frotzelte Nick. »Was ist, Cece, erhellst du uns oder müssen wir weiter Rätsel raten?«

»Das Symbol ist hundertpro von Val.« Cece setzte sich auf den Fahrradsattel. »Ich wette um die ABBA-Schallplatten meiner Schwester, dass sie eine Nachricht an unserem Geheimgang hinterlassen hat.«

»Das zählt nicht, du kannst ABBA nicht leiden. Außerdem ist der Zugang zerstört, da kommt keiner mehr durch.«

»Ich stimme dir teilweise zu.« Nicks »Ach nee« ignorierte sie geflissentlich. »Ja, ein Mensch passt nicht durch das Geröll. Aber was ist mit einer Nachricht? Irgendwas Kleines, Zusammengerolltes. Das wäre möglich, oder etwa nicht?«, wandte sie sich ruppig an Nick, dem langsam die Lust an der Diskussion ausging.

»Einverstanden. Wir fahren zu dir, klären das, und den Rest des Tages verbringe ich im Bett mit meiner PlayStation. Mir ist langsam kalt.«

»Wir sollten uns beeilen«, brachte Julius sich ein und zeigte nach oben, wo dunkler werdende Wolken über den Baumwipfeln zogen. »Das sieht nicht gut aus.«

Jegliche Antwort ging in einem Platzregen unter, der sie innerhalb von Sekunden wie begossene Pudel aussehen ließ. Nick schwang sich auf sein Fahrrad und verschwand hinter einem Sprühnebel aus Schlamm. Julius, der dicht an ihm dran war, wischte sich die Spritzer aus dem Gesicht, um dann stehend heftig in die Pedale zu treten. Warte nur, bis ich genug Geld für mein Moped zusammen habe, grinste er in sich hinein.

Nick und Julius warteten vor Ceces Haus, die verschlammten Räder im Gang zwischen Wohnhaus und Büro geparkt. Durch das gekippte Fenster drang Frau Brauns Stimme, die summend das Abendessen vorbereitete. Als Cece etwas atemlos ihr Fahrrad in den Gang schob, schepperte irgendetwas in der Küche, gefolgt von einem Schrei ihrer Mutter: »Peppa, bring den Kater raus oder ich schmeiß ihn aus dem Fenster!«

Nick duckte sich automatisch und schaute nach oben. Ein hektisches Getrappel war zu hören. »Benny, wo bist du, hast du dir wehgetan?« Peppas Stimme säuselte liebevoll. Cece grinste die Jungs an. »Keine Sorge, das ist völlig normal bei uns. Ich hole den Büroschlüssel, wartet so lange.«

Sekunden später war Cece wieder da und öffnete die Glastür. »Kommt schon.« Kaum drin, bewaffnete sie sich mit einem schmalen Schraubenzieher, während die nassen Sachen der Jungs auf den Boden tropften. »Zieht die Jacken und Schuhe aus.« Sie lief die Kellertreppe herab und die Jungs folgten ihr.

Unten schaltete Cece das Licht ein, das sanft durch die Lampenschirme aus bunter Bleiverglasung fiel.

Nachdenklich starrten alle die Wand hinter der Theke an. Wenn Cece sich irrte, musste sie die Wand erneut streichen. Zum vierten oder fünften Mal? Egal.

Entschlossen kniete sie sich vor die Tür, stieß den Schraubenzieher in den Spalt und zog ihn entlang der Kante.

Nick stand direkt hinter ihr, gespannt, was von dem Schrank samt versenkbarer Rückwand übrig war.

Mit lautem Quietschen zog Cece die Schranktür auf. »Der vordere Teil scheint unversehrt. Wenn sie nur den Gang gesprengt haben, existiert der Raum dahinter vielleicht noch.« Sie kroch in den Schrank hinein. »Mist, ich habe die Taschenlampe vergessen. Julius! In dem Schränkchen oben liegt eine. Holst du die bitte?«

Julius lief die Kellertreppe hoch, während Cece im Halbdunklen den Boden abtastete. Nick hing halb über ihr. »Was ist die Frage?«

Sie tastete den Boden zum dritten Mal ab. »Ob sie den Knopf zerstört haben, der die Wand runterfährt. Warte, da ist was.« Ein Klick und verstaubtes Knirschen begleiteten den Mechanismus. Die Rückwand versank, aber in der Dunkelheit war nichts zu sehen außer aufgewirbeltem Staub.

»Hier ist die Taschenlampe.« Julius reichte sie über die Theke. So sah er nur den Lichtschein, den Cece in alle Richtungen schwenkte. »Da ist nichts.«

Enttäuscht landete ihre Stirn auf dem Boden und die Haare stoben eine Staubwolke bis zu Nick.

»Lass mich mal.« Nick nahm ihr die Lampe ab. »Vier Augen sehen mehr als zwei.« Damit quetschte er sich neben sie in den kleinen Raum.

Cece zog ihren Bauch ein, um so wenig Platz wie nötig zu beanspruchen. Die Nähe engte sie ein. Bilder von ihrer Flucht durch den stockdunklen Kriechtunnel in Terradisto, dann die Explosion mit den herunterfallenden Steinbrocken, durchfluteten ihr Gedächtnis. Das ist vorbei. Reiß dich zusammen! Zähl bis zehn und atme! Bei ›Sieben‹ verschwand ihr Fluchtreflex.

Nick schien von all dem nichts zu bemerken, da er den Lichtstrahl konzentriert auf die gleiche Stelle hielt. »Schau, da in der Ecke, etwas unterhalb der Decke, ist da nicht ein Loch?«

Sofort vergaß Cece das Engegefühl und hangelte ihren Arm nach vorne, bis sie mit ihren dünnen Fingern die Stelle erreichte. Sie rieb über den rauen Stein und es bröselte lockerer Sand heraus. »Da ist was«, murmelte sie. Mit ihren kurzen Fingernägeln kratzte sie weiter. Ein leises Klong ertönte, als ein Holzröhrchen, nicht größer als ihr kleiner Finger, herunterfiel.

Sie musste sich maximal strecken, um es zu erreichen, und stieß Nick dabei mit ihrer Schulter heftig in die Seite. Dann wollte sie nur noch raus.

»Heh, pass auf, ich brauch meine Rippen noch«, beschwerte sich Nick.

»Lass mich raus, ich hab was und außerdem ist mir das zu eng.« Rückwärts kroch Cece heraus, das Haar voller Staub und ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. Dass Nick sich seine Rippen rieb, merkte sie nicht mal. »Das ist eine Kapsel.« Sie richtete sich auf und hielt das Holzröhrchen in das Thekenlicht.

»Jetzt mach schon auf«, verlangte Julius ungeduldig.

Eine kleine Drehung genügte, und ein zusammengerolltes Stück Papier fiel aus der Kapsel in Nicks wartende Hände. Vorsichtig rollte er es auseinander.

»Hoffentlich ist es nicht so kryptisch wie du und Fritz damals mit eurem Sandmännchen-Rätsel«, stichelte Julius, doch keiner reagierte. Stattdessen reichte Nick die Nachricht an Cece weiter. »Hier, du Rätselprofi, sagt dir das was?«

Cece nahm den Zettel. Humulus Tang auf Ebene Null. »Wir treffen uns in Terracliff.«

»Woran erkennst du das, du Oberschlaue?«, platzte es aus Nick heraus.

»Diese kryptischen Rätsel sind nervig«, stöhnte Julius.

Ohne auf die Kommentare einzugehen, legte sie den Zettel auf die Theke. Keiner achtete auf das kaleidoskopartige Muster, das die Tiffany-Lampe auf das verknitterte Papier warf.

»Schaut«, Cece zeigte auf das erste Wort. »Humulus steht für die zehnte Phase und damit für Oktober.« Ihr Finger glitt weiter. »Tang ist gleichbedeutend mit Seetang und Ebene Null meint die Erdoberfläche. Das bedeutet, dass sie über den Tausch von Seetang und Heilkräutern mit den Erdlingen in England verhandeln werden. Ich denke, dass Rudolf seine Lebensreise dazu nutzt, in Terracliff die ersten Gespräche zu führen.« Aufgewühlt rollte sie das Stückchen Papier wieder zusammen.

»Weißt du, was nervt?« Nick schüttelte den Kopf. »Dass du so leichtfüßig mit Lösungen um die Ecke kommst, dass ich mir wie ein Trottel vorkomme.«

Cece lag ein ›Denk da mal drüber nach‹ auf den Lippen, schluckte es aber herunter. »Du bist kein Trottel, ich denke nur anders. Die Fragen zerfallen in meinem Kopf in die wichtigen Teile, der Rest fällt hinten runter. Was übrig bleibt, setze ich neu zusammen und – voilà – habe ich die Lösung.«

Sie zeigte auf das Papier. »Dafür sind die CB-Funksprüche für mich ein Buch mit sieben Siegeln, weil sie nicht logisch aufgebaut sind. Oder Julius mit seinem Pflanzenwissen. Ohne den säßen wir wohl immer noch in Terradisto.«

»Nach sechs Monaten vermutlich skelettiert.«

Der tödliche Ernst in Julius’ Satz ließ die drei schweigen, bis ein lautstarkes Miauen sie erschreckte. Benny, der Kater, hatte sich in den roten Plüschsessel verzogen, um außerhalb der Reichweite von Ceces Mutter zu sein. Seine Irritation über die drei wandelte sich in ein vorsichtiges Schnurren, eindeutig mit der Hoffnung auf Futter verbunden. Nick und Julius prusteten los. Der Kater duckte sich alarmiert, bis sich Cece seiner erbarmte, ihn die Treppe hochtrug und durch die Glastür hinausließ. Die Jungs folgten ihr.

»Ich muss nach Hause, die Zwillinge warten. Lass uns morgen in der Schule weiterreden und Fritz auf den neuesten Stand bringen.«

Nick holte zuerst Julius’ Fahrrad raus, da es seines blockierte.

»Total blöd, dass Fritz nachmittags auf der Plantage arbeitet. Ich bin froh, dass das nicht mein Vater ist«, schimpfte Julius und verstummte, geschockt über sich selbst. Nick sah ihn stumm an.

»Gut, dass meine Mutter das nicht gehört hat. Sie ist immer noch nicht über den Tod meines Vaters hinweg.« Julius nahm sein Fahrrad: Ich auch nicht.

Cece wusste von dem Unfalltod und der Fahrerflucht und nestelte an dem Türschloss.

»Habt ihr nächstes Wochenende schon was vor?«, fragte sie, und leichte Hitze stieg in ihre Wangen. »Ich habe zum Geburtstag Karten für ein Konzert in der Harmonie geschenkt bekommen. Dort spielt die Tributband von A…«

»Sag nicht ABBA«, unterbrach Nick.

»Blödmann – ich rede von A-ha. Meine Eltern haben vier Karten gekauft. Familientag und wie üblich kann mein Vater nicht. Wenn ihr Lust habt, lade ich euch ein.«

»Ich wäre gern dabei. Die Musik ist cool und die Harmonie sowieso.«

Julius’ spontane Zusage freute Cece. »Nick, was ist mit dir?«

Der saß schon auf seinem Fahrrad. »Klar doch. Fritz wird dir übrigens zu Füßen liegen. Der spielt das Album ›Hunting High and Low‹ rauf und runter und …« Nick stockte, »oder hast du einen anderen eingeladen?«

»Nein. Ich fänd’s cool, wenn Fritz dabei ist.«

….