Frau Schneider?“ Der Polizist sah die junge, schlanke Frau fragend an, die augenscheinlich gerade aus der Dusche kam und deren lange, braune Haare noch so nass waren, dass sie auf den Boden tropften. „Fährt Ihr Sohn ein gelb-schwarzes Mountain-Bike?“
Irritiert griff Christine an ihren Bademantel. Sie schloss den Gürtel immer nur mit halben Schleifen ohne extra Knoten, so dass sich dieser öfters löste. Hoffentlich dachte der Polizist nicht, dass sie jedem fremden Mann halbnackt öffnete. Ob Mark noch oben in seinem Zimmer bei den Hausaufgaben war?
„Ja. Mein Sohn hat ein Mountain-Bike. Es müsste aber eigentlich in der Garage stehen, er ist vor einer guten Stunde von der Schule gekommen. Warum fragen Sie?“ Sie wunderte sich darüber, dass der Polizist sie so ernst anschaute und hoffte, dass es nichts Längerfristiges bedeutete und er schnell wieder verschwindet, damit sie sich endlich die Haare fönen konnte. Doch der Polizist wich nicht von der Stelle.
„Bitte entschuldigen Sie, Frau Schneider, aber könnten Sie nachsehen, ob Ihr Sohn tatsächlich da ist? Ein Mountain-Bike mit der Adresse Ihres Sohnes in der kleinen Werkzeugtasche wurde vor zirka dreißig Minuten in der Dommerstraße in einen Unfall verwickelt. Wir wissen nicht, wie der Junge heißt, der es gefahren hat, da er ohne Bewusstsein war, als wir am Unfallort eintrafen. Kann ich nicht vielleicht doch einen Moment hereinkommen?“
Ohne eine Antwort zu geben, drehte Christine sich alarmiert um, rannte die Treppe hoch und achtete nicht auf den sich mal wieder lösenden Gürtel. „Mark, Mark wo bist du? Bist du oben? Antworte doch!“ Mit einem drückenden Gefühl in der Magengrube lief sie den oberen Flur entlang und öffnete die Zimmertür mit dem großen, roten Zutritt-Verboten-Schild.
Marks Zimmer war wie immer ein einziges Chaos. Trotzdem konnte man auf den ersten Blick sehen, dass er nicht da war. Seine Schultasche lag auf dem Stuhl neben dem Schreibtisch und war umgefallen. Herausgerutschte Bücher und verknitterte Hefte verdeckten ein paar Computer-CDs mit grell-bunten Covers, die viel Action verhießen.
Sie drehte sich schnell um und schaute noch mal kurz unter das Hochbett, fand aber nur die verstaubte Carrera-Bahn. Dann ging, nein lief, sie weiter in ihr eigenes Arbeitszimmer, während sie verzweifelt versuchte, diesen dämlichen Bademantel-Gürtel wieder zu verschließen.
„Mark, bist du da drin? Verflucht noch mal, wenn du deinen Walkman mal wieder auf volle Lautstärke hat, verstecke ich alle Batterien im Haus!“ Aber auch das Arbeitszimmer war leer.
Von unten aus dem Flur kam eine Stimme. „Frau Schneider? Soll ich hochkommen?“
Meine Güte, der Polizist, den hatte sie völlig vergessen. „Nein danke, ich komme sofort runter.“
Doch dann blieb sie auf der unteren Treppenstufe stehen, blass und etwas hilflos. „Ich glaube, mein Sohn ist nicht da. Ich versteh’ das nicht. Er wollte Hausaufgaben machen. Vielleicht ist er nur kurz rüber zu Rob, das ist sein Freund, während ich unter der Dusche stand. Rob wohnt nur ein paar Straßen weiter.“
Ein schrecklicher Gedanke tauchte in ihrem Kopf auf. „Oh nein! Er muss dazu durch die Dommerstraße fahren!“ Sie schnappte nach Luft, sah, dass der Polizist zum Sprechen anhob, ließ ihn aber vor lauter Nervosität nicht zu Worte kommen und sprach gleich weiter „Wo haben Sie das Fahrrad gefunden? Und was ist mit dem Jungen? Ist er im Krankenhaus? Was ist eigentlich genau passiert?“
Der Polizist kam auf sie zu und legte die Hand auf ihren Arm. „Jetzt beruhigen Sie sich erst einmal. Warum rufen Sie nicht bei dem Freund Ihres Sohnes an und erkundigen sich, ob er dort angekommen ist?“ Freundlich lächelnd zeigte er auf das Funktelefon, welches aus ihrer Bademantel-Tasche herauslugte.
Wie üblich um diese Zeit hatte sie mit Beatrix telefoniert, um sie ganz schwesterlich davon zu überzeugen, am Wochenende den Animateur für Mark zu spielen, da sie selbst arbeiten wollte. Danach schnell geduscht und das Telefon automatisch in die Bademanteltasche gesteckt.
Schnell wählte sie die Nummer von Marks Freund. Keiner meldete sich.
Hilfesuchend schaute sie zu dem Polizisten, zuckte die Schultern und bemerkte erst jetzt seine Kollegin, die sich im Hintergrund abwartend verhielt. Christine nickte ihr kurz zu und versuchte, sich wieder auf die Stimme des zu ihr sprechenden Mannes zu konzentrieren.
„Keiner da? Frau Schneider, vielleicht erkläre ich Ihnen erst einmal, was passiert ist. Können wir uns solange setzen?“ Und damit führte er Christine die drei Stufen in das tieferliegende Wohnzimmer herunter, und schob sie sanft zur Couch. Dann setzte er sich neben sie und winkte unauffällig die Polizistin heran.
„Vor einer halben Stunde stieß ein Wagen mit dem Fahrrad ihres Sohnes zusammen. Der Fahrer selbst beging danach Fahrerflucht.“ Christine wollte etwas einwerfen, aber der Polizist hob die Hand und sprach weiter. „Wir befragen zurzeit Passanten und eventuelle Zeugen. Der Junge wurde inzwischen mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Ich denke, es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Aber wie bereits gesagt, er war nicht bei Bewusstsein, als wir am Unfallort eintrafen. Bitte ziehen Sie sich doch kurz etwas an und wir fahren zusammen ins Krankenhaus. Nur so können wir sicher feststellen, ob es sich um Ihren Sohn handelt. Wenn Sie wollen, kann ich auch gerne jemanden für Sie anrufen, der Sie begleitet.“
Christine überlegte kurz und schüttelte den Kopf. Michael, ihr Ex-Mann, war sicherlich wieder auf irgendwelchen Auswärtsterminen. Vor acht oder neun Uhr abends war er selten zu erreichen. Und bis dahin würde sie auch schon viel mehr wissen. Vielleicht … in ihr keimte die Hoffnung auf, dass dies alles überhaupt nichts mit Mark zu tun hatte. Der Polizist hatte recht. Sie musste nur ins Krankenhaus fahren und sich überzeugen, dass es nicht Mark war. Es konnte nur ein Irrtum sein.
Doch während sie dies noch überlegte, begann ihr Magen zu rumoren und sie spürte, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. „Nein, nein, dass mache ich später schon selbst. Ich ziehe mir nur kurz etwas über. Ich bin sofort wieder da.“ Und sie rannte wiederum nach oben in das Badezimmer.
Dort hing noch immer der heiße Dampf in der Luft und sie hatte Schwierigkeiten zu atmen. Schnell zog sie sich Jeans und T-Shirt über, die noch feucht vom Dampf über dem Badewannenrand hingen. Selbst die Turnschuhe fühlten sich klamm an.
Ohne es verhindern zu können, liefen Bilder von verletzten, blutenden Kindern mit der Geschwindigkeit eines MTV-Video-Clips durch ihren Kopf. Und immer veränderten sich die Gesichter dieser Kinder gleich einer Metamorphose in Marks Gesicht mit seinen blauen Augen und der kleinen Narbe an der Stirn.
Entschlossen schüttelte sie diese Bilder ab. Nur keine Panik. Langsam ging sie wieder die Treppe herunter und nahm den Haustürschlüssel an sich, der wie immer nicht am Schlüsselbrett hing sondern neben dem Telefon auf der kleinen Kommode im Flur lag. Dann warf sie die Tür hinter sich ins Schloß und stieg hinten in den wartenden Polizeiwagen ein.
Michael lehnte sich zufrieden in seinen Drehsessel zurück, lockerte die Krawatte und legte die Beine hoch auf den Schreibtisch. Er hatte diese Woche nicht nur einige neue Abschlüsse unter Dach und Fach bringen können, sondern auch ihren wichtigsten Kunden davon abgehalten, sich neue, sinnlose Ergänzungen für das bereits auslieferungsreife Computer-Programm auszudenken. Andernfalls hätte sich die Installation beim Kunden weiter verzögert und mit der Terminierung der neuen Projekte wären sie ganz schön ins Schwimmen gekommen.
Verstohlen öffnete er den Knopf seiner Anzugshose. Anfang vierzig und bereits seit über zehn Jahren Geschäftsführer einer Software-Entwicklungs-Company, da blieb der typische Managerbauch – keine Zeit für Sport, aber dafür zu viele Geschäftsessen – nicht aus.
Seine braunen Haare zeigten noch jugendliche Fülle. Nur ein paar vereinzelt graue Strähnen, die jedoch weitaus mehr im schnell sprießenden Barthaar zu erkennen waren. Bereits jetzt, am späteren Nachmittag, zeigte sich deutlich der Schatten eines nachwachsenden Bartes.
Gedankenverloren rieb er das Kinn mit seiner Hand. Er freute sich bereits auf das Wochenende.
Schnell ging er die Anrufe durch, die seine Sekretärin für ihn notiert hatte. Das Meeting um fünf Uhr wurde kurzfristig abgesagt. Prima, da konnte er jetzt in Ruhe noch ein paar Unterlagen sichten und anschließend bei Gabi vorbeifahren. Immerhin war heute Freitag. Sie konnten ins Kino gehen, anschließend vielleicht ein nettes Bierchen und dann … Lächelnd schaute er aus dem Fenster, schlug die Beine übereinander und stieß gegen einen dicken Stapel Papier.
Notgedrungen schob er den Bericht über die Testergebnisse der Beta-Version ihres neu entwickelten Programms zur Seite und stöhnte genervt. ‚Mein Gott, so viel Papier mit so wenig Inhalt. Wozu ist eigentlich unsere Firma vernetzt und ich bekomme immer noch Ausdrucke? Ich muss der Fenchel noch mal sagen, dass sie mir die Unterlagen auf den Rechner schicken soll. Die Ausdrucke kann sie meinetwegen behalten und gleich archivieren. Das kann ich mir dann auch sparen.‘
Genüsslich führte er eine Tasse Kaffee zum Mund und sah im Geiste Frau Fenchels gewaltigen Busen über der Tastatur schweben, jedes Gesetz der Schwerkraft missachtend. Ihre knallrot lackierten Nägel, die die zu kurzen, dicken Finger bald um das Doppelte verlängerten, rasten dabei in einer Geschwindigkeit über die Tastatur, dass Michael immer wieder aufs Neue staunte.
Das Telefon klingelte und holte Michael zurück in die Gegenwart. Mit einem Seufzer schob er den animierenden Gedanken an die Anatomie seiner Sekretärin beiseite, setzte die Tasse auf der Glasplatte seines Schreibtisches ab und drückte auf den Raum-Lautsprecher. „Ja bitte?“ rief er, während er sich wieder gemütlich in seinen großen Drehsessel aus schwarzem, genarbtem Leder zurücklehnte und diesen dabei in eine gefährliche Schräglage brachte.
„Michael, ich bin’s, Christine. Mach doch bitte diesen verdammten Freisprecher aus. Es geht um Mark. Er liegt im Maltheser-Krankenhaus.“
Mit einem Ruck flogen die Beine vom Tisch und Michael nahm den Telefonhörer in die Hand. Dabei fand die halbvolle Kaffeetasse ein jähes Ende auf dem Fliesenboden. „Oh, Scheiße… ‚tschuldige … Christine, beruhige dich doch erst mal. Was ist passiert?“
Christines Stimme klang erstickt durch das Telefon. „Er ist angefahren worden und liegt jetzt bewusstlos auf der Intensivstation. Und der Fahrer ist abgehauen, hat ihn einfach da liegen lassen. Gottseidank waren Spaziergänger in der Nähe. Er hat Kopfverletzungen und liegt noch im Koma. Die können mir hier im Krankenhaus aber noch nichts Genaueres sagen! Kannst du kommen?“
„Selbstverständlich. Geh du wieder zu ihm. Ich bin in zehn Minuten da!“ Ohne ein weiteres Wort knallte er den Telefonhörer auf die Gabel, schnappte sich seine Jacke und lief aus dem Zimmer. In der Tür prallte er frontal mit Jackson, dem Mann vom Sicherheitsdienst, zusammen, der trotz einer beeindruckend kräftigen Statur stolperte und einen Teil seiner Unterlagen über Sicherheitstechnik fallen ließ.
„He, Mann, pass doch gefälligst auf“ knurrte er ungehalten. Doch dann sah er das blasse, angespannte Gesicht von Michael. „Alles klar? Oder brauchst du Hilfe?“
„Dich schickt der Himmel, Jackson! Kannst du mich kurz ins Maltheser-Krankenhaus fahren? Mark hatte einen Unfall.“
Ohne das kleinste Zögern warf Jackson die restlichen Kataloge einfach zu den übrigen auf dem Boden. „Klar doch, mein Auto steht im Hof. Lass uns durch den hinteren Garagenausgang gehen, das geht schneller. Ich sag‘ nur in der Zentrale Bescheid, wo wir sind.“ Bereits im Laufen holte er sein Handy aus der Gürteltasche.
Draußen nieselte es. Mit eingezogenem Kopf lief Jackson zu einem schwarzen BMW, gefolgt von Michael. Ein kurzer Piepston verriet ihm, dass Jackson per Fernbedienung die Türen entriegelt hatte. Schnell kletterte er auf den Beifahrersitz. „Wo ist denn dein Cadillac? Hat Elvis ihn geklaut?“
Dieser Standardwitz kam Michael ohne Nachzudenken über die Lippen. Michael kannte und schätzte Jackson seit vielen, vielen Jahren. Sie verstanden sich gut. Jacksons Begeisterung für Elvis Presley, seine fast schon fanatische Vorliebe für alles Amerikanische jedoch belustigte ihn mehr und mehr und er ließ kaum eine Gelegenheit aus, Jackson damit aufzuziehen.
Michael selbst war ebenfalls schon oft in den Staaten gewesen, geschäftlich wie privat. Er genoss ebenso wie Jackson die endlosen Weiten in fast menschenleeren Landschaften, die Unkompliziertheit im Umgang mit den Menschen. Aber Jacksons Glorifizierung war zu einseitig ausgerichtet. Michael wusste auch, dass Jackson eine ausrangierte Smith & Wesson aus den Staaten nach Deutschland geschmuggelt hatte. Wie, hat er nie in Erfahrung bringen können. Oder wollen.
Gebannt schaute er auf den großen Scheibenwischer, der sich hin und her bewegte, und bemerkte nur am Rande, dass Jackson fast die ganze Zeit telefonierte. Einzelne Wortfetzen trommelten wie Regentropfen stakkatomäßig in seinen Kopf „… Unfall … bewusstlos … Fahrerflucht …“.
Wenn er nur schon wüsste, wie schlimm der Zustand von Mark genau war. Zuerst würde er mit dem verantwortlichen Arzt reden müssen. Was hatte es mit der Kopfverletzung auf sich, war das Gehirn betroffen? Rührt daher diese Koma-Geschichte, und ist sie nur vorübergehend?
Auf jeden Fall mussten Spezialisten herangezogen werden. Wie hieß noch mal der Arzt, der seinen Vater in dessen letzten Tagen behandelt hatte? Prof. Dr. med. Anders! Den würde er gleich anschließend anrufen.
Wieder sah er seinen Vater vor sich, bewusstlos in einem großen, fast leeren Zimmer, nur das EKG blinkte und piepste, bis genau um zwölf Uhr Mittag das Beatmungsgerät abgeschaltet wurde. Auch da hatte Prof. Dr. med. Anders ihnen sehr geholfen. Warum sollte der alte Mann weiter durch Maschinen am Leben erhalten werden? Er war schon lange nicht mehr bei klarem Bewusstsein gewesen, der Bronchialkrebs hatte dem Gehirn langsam, aber sicher den Sauerstoff entzogen und es für immer geschädigt.
Entschlossen schüttelte Michael das Bild seines blassen, ausgemergelten Vaters ab. Er wollte lieber an Mark denken. Er hatte ihn das letzte Mal vor sechs Tagen gesehen. Sie stöberten mal wieder zusammen in einem dieser Shops für Computer-Spiele nach den neuesten Varianten für PCs. Mark besaß nämlich keinen der üblichen Gameboys. Nicht nur nach Ansicht von Christine und Michael wäre dies einfach untragbar für Augen und Motorik eines Kindes, das Mark ja nun einmal war.
Daher hatte Michael ihm letztes Weihnachtsfest einen PC samt 21“ Zoll-Monitor, einer Vodoo-Grafik-Karte und Modem-Anschluss geschenkt. Christine war zwar nicht sonderlich begeistert und Mark musste ihr Våersprechen, dass sie ihr Veto-Recht bei allen Spielen einsetzen durfte, wenn es ihr richtig erschien. Und dass er selbstverständlich nicht länger als eine halbe Stunde am Tag im Internet rumsurfen würde.
Diese Regelung funktionierte überraschenderweise gut. Denn Mark war trotz seiner zwölf Jahre mit allen vorpubertätsbedingten Rebellionsversuchen erstaunlich vernünftig. Vielleicht etwas introvertiert, aber schon als Kleinkind zog er sich gerne zurück, wenn etwas nicht ganz nach seinem Willen ging.
Und Christine musste sich endlich nicht mehr mit Mark darum streiten, an ihrem eigenen Computer sitzen zu dürfen, wenn sie mal wieder Arbeit aus der Agentur mitgebracht hatte.
Jackson hupte und Michael schrak hoch. Er konnte das Maltheser-Krankenhaus schemenhaft durch den immer stärker werdenden Regen erkennen. Jackson konnte nicht näher ran fahren, da irgend jemand die kleine Zufahrtsstraße blockierte, anscheinend um einen frei werdenden Parkplatz zu ergattern.
„Ich steig‘ hier aus, die paar Meter bin ich schneller gelaufen. Danke Jackson. Ich melde mich, wenn ich was Genaueres weiß.“ Er klopfte Jackson kurz auf die Schulter und lief schnell zum Krankenhaus, verharrte einige Sekunden vor der schweren Schiebeglastür und ging an der Anmeldung vorbei und wandte sich direkt nach links, zum Aufzug.
Die Intensivstation war im zweiten Stock und auch sonst hatte sich seit dem Tod seines Vaters vor über zwei Jahren nicht viel geändert. Die gleichen kahlen Wände, halb hoch mit grüner, abwaschbarer Farbe gestrichen. Nur ab und an ein gerahmtes Foto von irgendwelchen Luftaufnahmen der näheren Umgebung und Bonn selbst.
Schnell hastete er weiter bis zur Tür mit der Aufschrift ‚Intensivstation – Für Unbefugte kein Zutritt. Besucher bitte klingeln und warten.‘ und drückte den Knopf.
Es dauerte nicht lange und eine Schwester öffnete die Türe. Nachdem er seinen Namen gesagt hatte, ließ sie ihn ein und drückte ihm eine blaue Haube für die Haare, einen Kittel sowie ein paar Schuhüberzieher in die Hand. Michael zog die Sachen schnell über und ließ sich von ihr in den hinteren Bereich des großen Raumes führen. Schon von weitem erkannte er Christines Rücken vor einem der Betten. Michael registrierte kurz acht weitere, mit laufenden Monitoren und vielen Schläuchen neben schlafenden, blassen Gesichtern. Dann ging er mit raumgreifenden Schritten, den Oberkörper gespannt aufgerichtet und die Nase fast ein wenig zu hoch, ohne Umwege auf Christine zu und nahm sie kurz in die Arme.
Und dann sah er Mark, seinem Sohn.
Eigentlich sah es nur so aus, als ob er kurz eingeschlafen wäre. Statt des üblichen Walkmans jedoch hatte er einem weißen Turban aus Verbandsmull um den Kopf. Ein Schlauch ging vom linken Handgelenk aus zu einem Infusions-Tropf, ein anderer lief unterhalb der Decke entlang in einen Beutel am Bettende. Die Decke selbst zeigte deutlich sichtbar eine Wulst auf der Länge von Marks linkem Bein, was auf weitere Verbände schließen ließ. Der rechte Arm war ebenfalls verbunden und eine Schiene zeichnete sich unter dem Mull ab. Michael suchte nach weiteren Zeichen von Verletzungen, bis Christine leicht an seinem Jackenärmel zupfte.
„Michael, darf ich dir Dr. Peters vorstellen, er ist der behandelnde Arzt.“ Michael nickte ihm kurz zu und zog, wie gewöhnlich, das Gespräch in einem geschäftsmäßigen Ton an sich.
„Guten Tag, Dr. Peters. Mein Name ist Michael Schneider und ich möchte exakt wissen, wie es um meinen Sohn steht. Wie sein genauer Zustand ist, was sie tun können und was nicht bzw. worauf wir uns einstellen sollten. Falls Sie nur Vermutungen äußern können, möchte ich Sie um eine vorläufige Wahrscheinlichkeitsprognose bitten. Kein Drumherumgerede bitte, das würde mich nur an ihren Aussagen zweifeln lassen. Könnten wir uns darauf einigen, ja?“
Dr. Peters zeigte mit keiner Miene, ob ihn diese Rede in irgendeiner Form beeindruckte. „Selbstverständlich, Herr Schneider, werden wir Sie und Ihre Frau jederzeit auf dem Laufenden halten. Selbst wenn ich nicht hier sein sollte, die Schwestern wissen immer, wo sie mich finden können oder ob ich einen Kollegen in Marks Behandlung eingeweiht habe. Das hierzu. Jetzt zu der Situation, in der sich Ihr Sohn befindet. Bei dem Unfall ist ihr Sohn sehr schwer und mit hoher Schubkraft auf die Straße geschleudert worden. Daraus resultieren die Platzwunde am Kopf, einige Prellungen sowie zwei Brüche, einer im rechten Unterarm, der andere betrifft das linke Wadenbein. Darum kümmern wir uns später.“ Dr. Peters zog ein paar Ausdrucke aus den Unterlagen und warf einen kurzen Blick darauf. Dann fuhr er an Michael gewandt fort.
„Wie Sie sehen, ist Ihr Sohn an verschiedenen Überwachungs-Geräten angeschlossen. Diese zeichnen unter anderem auch die Gehirnströme auf, die über das Mittelhirn vom Hirnstamm zum Großhirn gesendet werden. Dies ist nötig, da ihr Sohn sich zurzeit in einem Wachkoma befindet. Wir nennen es auch das Apallische Syndrom. Haben Sie hiervon schon gehört?“ Christine und Michael schüttelten beide den Kopf.
Der Arzt nickte. „Zusammengefasst erklärt sich das wie folgt: Das Stammhirn reguliert alle lebenswichtigen Körperfunktionen, also Atmung, Kreislauf und so weiter. Sämtliche Sinneseindrücke jedoch werden im Großhirn zu einer Gesamtwahrnehmung verarbeitet. Die Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen ist Aufgabe des Mittelhirns. Und hier scheint, bedingt durch den Aufprall, der Informationsfluss zu stoppen. Wir nennen es auch das Apallische Durchgangssyndrom. Dieser Zustand kann Tage, Wochen oder auch länger dauern. Doch ich möchte im Falle ihres Sohnes eine positive Prognose wagen.“ Und damit nahm Dr. Peters vor allem Christine ins Visier.
„Es konnten keinerlei Verletzungen oder Blutungen im Hirn festgestellt werden. Seine Gehirnströme werden laufend ausgewertet und ich gehe davon aus, dass Mark ohne Schädigungen aus dieser tiefen Bewusstlosigkeit aufwachen wird. Da er auch sonst keine inneren Verletzungen aufweist, können wir davon ausgehen, dass zu keiner Zeit die Sauerstoffversorgung zum Gehirn unterbrochen war. Ich denke, nach ein paar Tagen Beobachtungszeit, kann er die Intensivstation bereits verlassen. Dann fangen wir auch mit Rehabilitationsmaßnahmen an. Doch darüber reden wir später. Ich lasse Ihnen aber vorab schon etwas Informationsmaterial zukommen.“ Er stockte kurz und verstaute die Unterlagen wieder in die zugehörige Mappe. „Haben Sie noch Fragen? Wenn nicht, würde ich gerne noch ein paar Untersuchungen veranlassen. Wir reden dann heute Abend noch mal miteinander.“
Michael und Christine nickten. Dieser Schwall an Informationen musste zunächst verarbeitet werden. Dann erst würden neue Fragen aufkommen.
Es war bereits dunkel, als sie nach Hause kam. Michael hielt bei Mark Nachtwache und sie hatte sich für ihren Weg nach Hause ein Taxi genommen. Eine halbe Stunde oder länger mit anderen Menschen, je nach dem sogar noch dicht gedrängt, in einem Bus zu stehen, nein, dem hätte ihre mühsam zusammen gesuchte Fassung nicht standgehalten. Ohne das Licht im Flur einzuschalten, ging Christine die Treppe hinauf ins Badezimmer, hing mechanisch den achtlos hingeworfenen Bademantel an einen Haken und die zusammengeknüllten, feuchten Handtücher über die Duschstange. Lautlos liefen Tränen ihre Wangen herunter, die sie im Krankenhaus noch zurückgehalten hatte.
Im Spiegel entdeckte sie ihre immer noch ungekämmten Haare, nahm eine Bürste und fing langsam an, sie zu entwirren. Immer schneller werdend fuhr dabei die Bürste durch ihr Haar, ohne Rücksicht auf verwirrte und verknotete Haare, die unter dieser Tortur ausrissen. Warum gerade Mark? Das ergab doch keinen Sinn. Und wann wird er aufwachen? Heute noch? Im Geiste ging sie zum wiederholten Male alle Informationen durch, die der Arzt ihnen gegeben hatte. Ja, sie waren niederschmetternd – aber nicht hoffnungslos.
Sie legte die Bürste zurück auf die Ablage des Spiegelschrankes und hielt sich am Waschbecken fest, ungerührt ihr Konterfei im Spiegel mit dunklen Augenringen im angespannten Gesicht betrachtend. Doch sie sah nur Mark vor sich, bewegungslos in seinem Krankenhausbett.
Morgen wacht er bestimmt aus diesem unnatürlichen Schlaf auf. Er war bisher nie ernsthaft krank und zudem ausgesprochen sportlich veranlagt. Zusätzlich zum Basketball-Training zwei- bis dreimal die Woche, fuhr er beinahe täglich Fahrrad oder Inliner. Sein ganzer Körper bestand nur aus Knochen, Sehnen und Muskeln.
Und trotzdem. Sie konnte das Bild in ihrem Kopf, wie er blass und viel zu klein in diesem großen Erwachsenen-Bett auf der Intensivstation lag, nicht abschütteln. Aber es nutzte nichts, sie musste sich jetzt unbedingt ausruhen. Michael wollte die Nacht über im Krankenhaus bleiben, am frühen Morgen dann würde sie ihn ablösen.
Sie machte sich erst gar nicht die Mühe, sich auszuziehen. Sie warf sich einfach wie sie war aufs Bett und schloß erschöpft die Augen.
Schweißgebadet wachte sie auf und wusste im ersten Moment nicht, wo sie war. Immer wieder sah sie Mark vor ihrem geistigen Auge, wie er blutüberströmt auf dem Pflaster liegt und um Hilfe schreit. Dabei hatte der Arzt die Aussage des Polizisten bestätigt, dass Mark sofort bewusstlos gewesen sein musste.
Die Passanten, die den Unfall beobachtet hatten, sprachen einvernehmlich von einem ausländisch erscheinenden, grünen Wagen, der rechts über den Fahrradweg fuhr, um ein links abbiegendes Fahrzeug zu überholen. Dabei rammte er Marks Fahrrad, kam bei dem vergeblichen Bremsmanöver ins Schleudern und nahm noch einen Gartenzaun mit. Dann fuhr der Fahrer mit überhöhter Geschwindigkeit davon. Alles ging so schnell, dass man das Kennzeichen nicht mit Sicherheit identifizieren konnte.
‚Wenn ich das Schwein erwische, lasse ich ihn halbtot prügeln. Und wenn Mark nicht mehr aus dem Koma erwacht … nein, daran darf ich gar nicht denken, sonst werd‘ ich noch verrückt!‘ Christine sprang auf und zog sich schnell das nassgeschwitzte T-Shirt aus.
Wieviel Uhr war es nur? Erst halb zwei? Sie hatte nicht mal vier Stunden geschlafen. Mit einem leisen Stöhnen streckte sie ihre steifen Knochen und ging langsam Richtung Bad. Nur kurz Zähneputzen. Hunger hatte sie sowieso keinen. Sie konnte einen Apfel mit ins Krankenhaus nehmen. Lieber so schnell wie möglich los, vielleicht war Mark doch aufgewacht.
Im Spiegel sah sie rote, gequollene Streifen in ihrem Gesicht. Sie hatte offensichtlich auf ihrem Sweatshirt geschlafen, das sie wohl bereits im Halbschlaf ausgezogen hatte. Die gleichen Streifen entdeckte sie auch an Taille und Dekolletee. Also doch lieber unter der Dusche die Zähne putzen.
Kaum eine halbe Stunde später saß sie wieder im Auto. Es regnete immer noch und der Scheibenwischer lief ohne Unterlass.
Sie hatte Glück und konnte direkt vor dem Eingang des Krankenhauses parken. Christine stieg aus und warf sich schnell ihre schwarze Lederjacke über, um sich zumindest ein wenig vor dem Regen zu schützen. Klar besaß sie einen Regenschirm. Mehrere sogar. Aber sie konnte sie einfach nicht leiden.
Entweder lief man trotz Sturm- und Gewitterwarnung stundenlang bei herrlichstem Sonnenschein durch die Gegend und wusste nicht, wohin mit dem sperrigen Teil. Oder zum prasselnden Regen kam noch der entsprechende Wind und riss einem das Ding aus der Hand. Es tropfte jeden Hausflur voll und außerdem vergaß sie sie sowieso regelmäßig im Bus, beim Arzt oder im Café. Was ihre Mutter jedoch nicht daran hinderte, ihr mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr zum Geburtstag einen neuen zu schenken.
Sie fröstelte.
Wenn sie jetzt nur eine Zigarette haben könnte! Seit über sechs Monaten rauchte sie nicht mehr. Mark hatte es tatsächlich mit seinen täglichen Vorhaltungen geschafft, was sie aus eigenem Antrieb nie gekonnt oder, besser gesagt, nie gewollt hatte. Aber immer wieder dieses angewiderte Gesicht zu sehen, wenn sie ihm einen Kuß geben wollte. Diese noch ein wenig babydicken Hände, wie zur Abwehr erhoben, um sich dann schnell die Nase zuzuhalten. Und dann noch diese kleinen Zettel oder Zeitungsausschnitte, die Mark mit einer Engelsgeduld sammelte, nur um sie überall im Hause zu verteilen. Nicht mal auf Toilette konnte sie gehen, ohne über irgendein Bild einer schwarzen Lunge oder eines beinamputierten Menschen zu fallen.
Also hatte sie aufgehört. Es ging sogar erstaunlich einfach. Heute war es tatsächlich das erste Mal, dass sie fast zwanghaft den Wunsch nach einer Zigarette verspürte. Aber irgendwie kam es ihr wie Verrat an Mark vor. Und was soll’s, das Wetter war sowieso zu ungemütlich zum Rauchen.
Schnell ging sie durch den kleinen Seiteneingang neben der großen Schiebetüre, die abends ab zweiundzwanzig Uhr geschlossen wurde. An der Anmeldung brannte nur ein kleines Licht, die diensthabende Schwester war irgendwo unterwegs. Christines Turnschuhe quietschten auf dem Linoleum und hallten an den Wänden zurück, als sie den Gang entlang bis zum Aufzug ging.
Es war nicht viel los. Sie guckte auf ihre Uhr, gerade mal halb drei und offensichtlich Schichtwechsel. Sie sah Männer und Frauen in Kitteln oder Straßenkleidung entspannt in diesen Glaskästen stehen, die nur für Schwestern und Ärzte zugänglich waren. Sie lachten über irgendeinen Witz und schauten nur kurz zu Christine rüber, während diese ungeduldig mit den Füssen wippend auf den Aufzug wartete. Endlich öffneten sich die Türen.
Vor der Intensivstation sah sie durch das Drahtglas der Tür schemenhaft Figuren hin und herlaufen. Im Hintergrund vernahm sie noch das ‚Ping’, mit dem sich die Aufzugstür schloss, als auch schon eine Schwester die Tür für einen Spalt öffnete.
„Ja bitte?“ Eine übernachtete Krankenschwester mit graublauen Rändern unter den Augen schaute sie auffordernd an. Ohne Zweifel wartete sie noch auf ihre Ablösung. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Mein Name ist Christine Schneider. Mein Sohn Mark liegt hier.“
Die Schwester trat zur Seite und ließ Christine eintreten. „Natürlich Frau Schneider. Kommen Sie rein. Hier rechts finden Sie die Kittel und Hauben. Bitte vergessen Sie nicht die Überzieher für die Schuhe. Dr. Peters möchte Sie übrigens sprechen. Er ist aber nur noch kurz da. Soll ich ihn anpiepsen oder müssen Sie noch woanders hin?“ Christine stopfte gerade ihre Haare unter die Haube. „Nein, ich bleibe jetzt bei Mark. Gibt es denn etwas Neues?“ „Dazu kann ich leider nichts sagen. Warten Sie doch bitte bei Ihrem Sohn, Dr. Peters kommt sicherlich bald.“ Damit drehte sich die Schwester um und ging in das Büro links vom Eingang.
Christine war jetzt vollends angezogen und ging langsam und in Gedanken versunken die paar Meter bis zu Marks Bett.
Er schlief. Sein Kopf bewegte sich unruhig hin und her, aber seine Augen waren geschlossen. Dr. Peters hatte sie gestern noch darüber aufgeklärt, dass Menschen im Koma nicht nur ruhig daliegen. Sie bewegen sich weiterhin. Deswegen auch die Gitter an Marks Bett. Damit er bei unkontrollierten Bewegungen nicht rausfallen konnte.
Michael saß auf einem Stuhl, dicht am Bettrand, sein Kopf ruhte am Fußende. Seine Augen waren geschlossen. Ob er auch schlief?
Kurz registrierte sie sein blasses Gesicht, das trotz allem entspannt aussah. Er wirkte jünger als seine 42 Jahre. Nur wenige graue Haare verrieten, dass er älter als Mitte dreißig sein musste. Sein Hemd war von der unruhigen Nacht verknittert und ein Knopf stand offen. Gut, dass er schlief. Christine musste lächeln. Michael war ausgesprochen eigen mit seiner Kleidung und legte sehr viel Wert auf ein perfekt abgestimmtes Erscheinungsbild. Das ging bis zur farblich passenden Unterwäsche.
Durch seinen leicht geöffneten Mund kamen in regelmäßigen Abständen Atemstöße, die sich Marks Atemrhythmus angepasst hatten. Er wirkte seltsam verletzbar. Seltsam deshalb, weil sie kaum einen anderen Menschen kannte, der mit soviel Selbstbewusstsein und Disziplin sein Leben meisterte. Der auch in den ausweglosesten Situationen den Kopf hob, nach vorne schaute und einen Weg aus dem Dilemma fand. Genau das war Michaels ganz große Stärke, mit der er die Menschen mitriss, oder sie einfach überlief.
Sie zögerte kurz, bevor sie ihre Hand leicht auf seine Schulter legte.
Sofort war er wach und rieb sich die Augen. „Hey, da bist du ja. Ich bin nur kurz eingenickt.“ Er schaute kurz zu Mark. „Es hat sich nichts geändert. Wie geht’s dir? Hast du dich ein wenig ausruhen können?“
Sie nickte nur und beugte sich über Marks Gesicht, um ihm einen Kuß auf die Stirn zu drücken. Das hatte sie lange nicht mehr gemacht. Mark konnte es nicht leiden, viel zu kindisch. Auch nicht, nachdem sie das Rauchen aufgehört hatte.
Jetzt legte sie seine Hand in ihre und drückte sie, erst vorsichtig, dann immer fester. Aber egal wie verzweifelt sie zudrückte, es war absolut kein Gegendruck zu spüren. Ohne die Hand loszulassen, drehte sie sich zu Michael um.
„Weißt du, was Dr. Peters von uns will? Die Schwester hat mir gesagt, dass er uns sprechen möchte. Haben die Untersuchungen irgend etwas Neues ergeben?“
Michael schüttelte den Kopf. „Ich habe noch nichts gehört. Sie haben ihm nur erneut Blut abgenommen. Es gab wohl Probleme bei der Blutgruppenbestimmung. Die Schwester konnte mir nichts Genaueres sagen und Dr. Peters habe ich seit gestern Nachmittag auch nicht mehr gesehen. Ich habe in der Zwischenzeit immer wieder versucht, Mark anzusprechen. Aber es war keine Reaktion zu erkennen. Ich denke, es ist noch zu früh dafür. Heute Abend bringe ich ein paar Computer-Zeitschriften mit. Vielleicht reagiert er, wenn ich ihn mit Vorlesen quäle.“
Christine musste schmunzeln, als sie an diese gemeinsame Leidenschaft von Michael und Mark erinnert wurde. Alles was mit Computern zu tun hatte, wurde vorwärts und rückwärts diskutiert. Wenn Mark von seinen Wochenend-Besuchen bei Michael zurückkam, waren seine Taschen voll von irgendwelchen Shareware-CDs, herauskopierte Zeitungsartikel und, und, und. Diese wurden dann zu ihrem Leidwesen systematisch im ganzen Haus verteilt.
Sie wollte gerade etwas erwidern, als sie Dr. Peters ans Bett treten sah.
Sein genuscheltes „Morgen“ war kaum zu verstehen, er sah ebenfalls sehr übernächtigt aus und schien noch an den Resten eines schnellen Imbiss zu kauen. „Ich bin froh, sie beide noch sprechen zu können. Mark ist soweit stabil. Es bestätigt sich auch weiterhin, dass keine traumatischen Verletzungen am Gehirn vorliegen. Er kann also jederzeit aus seinem Koma erwachen. Heute, morgen, nächste Woche oder nächsten Monat. Wir müssen abwarten. Sein rechter Unterarm zeigt einen glatten Bruch auf, das macht uns keine weiteren Probleme. Der Bruch in seinem Wadenbein ist jedoch etwas komplizierter.“ Er vergewisserte sich kurz durch einen Blick in die Unterlagen. „Der Knochen ist zweimal quer gesplittert und zeigt zusätzlich einen vertikalen Riss bis kurz unter das Kniegelenk. Hier müssen wir operieren. Der Orthopäde hat ihn bereits für die kommende Frühschicht auf die Liste gesetzt. Das ist keine große Sache. Wie Sie jedoch sicherlich wissen, hat Mark eine äußerst seltene Blutgruppe, AB Rhesus-Faktor negativ. Und von dieser Blutgruppe haben wir keine zweite Reserve, die bei jeder Operation verlangt wird. Egal, ob eine Bluttransfusion wahrscheinlich ist oder nicht. Also, wer von Ihnen kann uns mit einer passenden Blutspende aushelfen?“
Der Arzt schaute erst Christine, dann Michael an. „Wissen Sie es nicht? Kein Problem, so ein Bluttest ist schnell gemacht. Ich sage der Schwester kurz Bescheid, sie wird dann alles weitere in die Wege leiten.“
Benommen saß Christine in der Cafeteria des Krankenhauses. Es war noch früh am Morgen und nur wenige vertrieben sich hier die Zeit bis zur nächsten Untersuchung, OP oder was auch immer. Am Ende des Raumes saß eine junge Frau an einem der kleinen Tische, der unter den gestapelten Unterlagen fast zusammenbrach. Selbst ein Glas Cola stand gefährlich wackelnd auf einem aufgeschlagenen Heft, in dem sie ab und zu Notizen schrieb. Ein weißer Kittel verdeckte halb einen prallen Rucksack auf dem Boden, wahrscheinlich gefüllt mit weiteren Fachbüchern.
Christine selbst saß ebenfalls auf einem dieser rot gepolsterten Stahlstühle an einem runden Tisch, der wohl Bistro-Atmosphäre ausstrahlen sollte. Ansonsten wackelte er gefährlich bei jeder Bewegung und gab dabei auf den Fliesen ein knirschendes Geräusch von sich. Klebrige Ringe zeugten davon, dass die Putzkolonnen ihren Dienst noch nicht begonnen hatten. Auch ihre Kaffeetasse hatte sich schon mit einem feuchten Ring auf der Tischplatte verewigt.
Sie saß hier bereits seit einer halben Stunde und tausend Gedanken rasten wie auf einem Daten-Highway mit einer enormen Geschwindigkeit durch ihren Kopf. Schon erstaunlich, was das menschliche Gehirn alles verdrängen kann. Um dann auf Knopfdruck aus den Tiefen des Gedächtnisses wieder aufzutauchen. Und genau das war passiert. Wie in einem Kurz-Film liefen die ersten Jahre ihrer Ehe mit Michael vor ihrem inneren Auge ab.
Sie wollten Kinder haben. Möglichst einen ganzen Stall voll und das möglichst auch sofort. Deswegen hatten Sie vor über 17 Jahren geheiratet.
Sie erinnerte sich sehr genau an die Gefühle, die sie mit immer größerer Heftigkeit überrollten, wenn sich pünktlich alle vier Wochen ihre Periode aufs Neue einstellte. Und auch an die Enttäuschung, die unübersehbar in Michaels Gesicht stand und Monat um Monat größer wurde.
Oder an die vielen Wochen, als sie jeden Morgen vor dem Aufstehen ihre Temperatur maß, um den Zeitpunkt des Eisprungs und damit die achtundvierzig Stunden der bestmöglichen Empfängnis herauszufinden. Und wie der Sex langsam, aber sicher zur Pflichtübung wurde und alles auslöste, nur keine Leidenschaft.
Also fingen sie an, von Arzt zu Arzt zu laufen, auf der Suche nach einer Erklärung. Der eine verbot ihr die Arbeit, der andere stopfte sie mit Medikamenten voll, so dass sie aufging wie ein Hefeteig. Erst der vierte oder fünfte Arzt nahm sich ihrer Probleme mit Sachverstand an. Durch Blutuntersuchungen, in zweistündigen Abständen über den ganzen Tag verteilt. Oder der Untersuchung des Gebärmutterschleimes: Transportierte er den Samen bis zu den Eileitern oder nicht? Und Ultraschall, um die Anzahl und die Entwicklung der Follikel zur Zeit des Eisprungs zu prüfen und vieles, vieles mehr, was sie bereits vergessen hatte.
Selbstverständlich wurde auch Michaels Sperma untersucht.
Versunken in der Erinnerung wischte sie mit der Serviette den Kaffeefleck vom Tisch.
“Hey Christine, komm‘ zurück auf die Erde. Hast Du überhaupt zugehört?“
Erst jetzt bemerkte Christine Michael, der ihr gegenüber Platz genommen hatte und nun zu ihr sprach. Sie hatte völlig vergessen, dass sie sich nach der Blutabnahme in der Cafeteria treffen wollten. Ebenso vergessen wie den Löffel in ihrer Hand, mit dem sie die ganze Zeit in der fast leeren Tasse rührte.
Entschlossen schüttelte sie die Vergangenheit ab und wandte ihr Gesicht Mark zu. „Entschuldige bitte. Ich habe gerade über uns damals nachgedacht. Es war trotz allem eine schöne Zeit, nicht?“ Sie schob die Tasse von sich, schlug ihre langen Beine übereinander und sprach direkt weiter. „Wann musst du wieder in die Firma?“
Michael streckte sich kurz und warf einen Blick auf die schmucklose Wanduhr. Gerade mal fünf Uhr und doch huschten seinen braunen Augen bereits wach und aufmerksam durch den ganzen Raum bis sie wieder an Christines Gesicht hängen blieben. „Nachdem ich zu Hause geduscht habe. Ich habe zwar der Fenchel aufs Band gesprochen, dass sie meine Termine absagt. Aber ich möchte mich trotzdem mal blicken lassen.“
Mit diesen Worten erhob er sich, schob seinen Stuhl zur Seite und drückte Christine einen leichten Kuß auf die Wange. „Wir können den Ärzten hier vertrauen, Christine. Glaub mir, Mark hat wirklich eine große Chance. Wir haben ihn zusammen auf die Welt gebracht und zum Teufel noch mal, wir werden auch dafür sorgen, dass er uns überlebt. Okay?“ Christine nickte nur und blickte ihm hinterher, als er sich schnell entfernte. Ja, sie hatten Mark zusammen auf die Welt gebracht. Zumindest das.
Sie stellte ihre und Michaels Kaffeetasse auf das Tablett zurück und trug es zum Abräumwagen. Vielleicht hatte ja der Kiosk neben der Anmeldung auf und sie konnte ein paar Zeitschriften kaufen. Dann hatte sie etwas zum Vorlesen. Ob Mark es ihr sehr übel nehmen würde, wenn es eine Frauenzeitschrift war?
Jackson kam kaum zehn Minuten nach Michaels Anruf. Er quetschte seinen massigen Körper in einen der Sessel in Michaels kleiner Besprechungsecke.
Vorzugsweise wählte er Sitzgelegenheiten oder Positionen, in denen er ein wenig lächerlich wirkte. Vielleicht wollte er damit von seinem analytischen Verstand und seiner ausgesprochen schnellen Körperreaktion ablenken, die bei Bedarf innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde hundertprozentig zur Verfügung standen. Michael wusste sehr genau, dass dieser massige Körper zum größten Teil aus Muskeln bestand. Entwickelt in jahrelangem Training in mehr Kampfsportarten, als Michael jemals aufzählen könnte. Auch dies gehörte zu Jacksons Interessen, die außer Michael jedoch kaum jemand kannte.
„Gibt’s was Neues von Mark?“ fragte Jackson und nahm einen Schluck aus seiner Cola-Flasche, ohne die man ihn fast nie sah.
„Nein, nichts Neues. Aber es sind gerade mal vierundzwanzig Stunden seit seinem Unfall vergangen. Es ist noch zu früh, darüber zu spekulieren. Ich würde mit dir gerne jedoch über etwas anderes sprechen, etwas Privates.“ Zielstrebig ging er zu seinem Schreibtisch und holte aus der Schublade ein einzelnes Blatt Papier. Dieses reichte er Jackson.
„Hier findest du alle Informationen, die die Polizei mir zum Tathergang geben konnte. Du weißt, dass der Typ abgehauen ist, der Mark angefahren hat?“ Jackson nickte andeutungsweise mit dem Kopf und Michael sprach weiter „Ich will diesen Kerl haben. Die Zeugen sprechen von einem ausländischen Auto, grün lackiert. Ich weiß, dies ist herzlich wenig. Aber bestimmt weiß da jemand mehr. Du warst doch selbst mal Polizist, meinst du nicht, dass man da noch mehr rauskriegen kann?“
Jackson hatte zwischenzeitlich die Cola-Flasche geleert und stellte sie auf den kleinen Tisch vor ihm ab. „Kein Problem. Gib mir ein paar Tage Zeit.“ Damit stand er auf und ging zur Tür. Er war noch nie sehr gesprächig gewesen und schien dies auch jetzt nicht ändern zu wollen. Bevor er jedoch die Türklinke herunterdrückte, drehte er sich nochmals kurz um. „Ruf mich an, wenn du etwas Genaueres weißt. Und grüß bitte Christine von mir.“ Damit öffnete er die Tür und ging.
Der nächste Morgen war so klar, wie es nur Anfang März geschehen konnte. Die Luft klirrte noch vom Nachtfrost und doch erhob sich die Sonne unter dem Gezwitscher der aus den Sommerländern zurückkehrenden Vögel.
Christine atmete tief durch. Es war sechs Uhr dreißig und wie jeden Morgen stand sie am weit offenen Fenster, damit ein frischer Wind die abgestandene Luft in ihrem Schlafzimmer sowie ihrem Kopf hinwegfegen konnte. Sie schaute in ihren Garten mit den alten Kastanienbäumen, ein paar verwilderten Johannisbeersträuchern und einem kleinen, verwitterten Gartenhäuschen, wo sie ihre Geräte und sonstigen Kleinkram aufbewahrte, der ihr helfen sollte, ihre wenigen Blumenbeete nicht vom Unkraut überwuchern zu lassen. Mitten in Köln geboren und aufgewachsen, war es für sie immer unvorstellbar, ohne das Pulsieren vieler Menschen in einer Großstadt leben zu können. Nachdem jedoch Mark geboren war, sah sie dies mit anderen Augen. Kinderwagen in Höhe von Auspuffrohren, Bürgersteige voller parkender Autos und Mitmenschen, die in der großen Hektik einer Stadt gerne mal übersahen, dass sie den schweren Kinderwagen schlecht allein die vielen Stufen einer endlos erscheinenden Treppe herauftragen konnte. Alles in allem war es an der Zeit, umzuziehen.
Michael fand dann dieses ältere Häuschen am äußersten Rande von Bonn. Es war günstig zu haben, da viele Renovierungsarbeiten anstanden. Alle wasserführenden Leitungen mussten ausgetauscht werden und die unzähligen Holzwürmer auf dem Dachboden litten bereits an Hunger. Was sie beide letztendlich überzeugte, war dieser wunderbare, verwilderte Garten. Sie waren sich sofort einig, dass Mark nur hier aufwachsen sollte.
Und diese Entscheidung hatte sie nie bereut. Auch nicht, als Michael nach ihrer Trennung wieder nach Köln in die Innenstadt zog und jeden Abend auf Tour ging. Sei es Kino, Theater oder einfach eine gute Kneipe, alles war erreichbarer als hier, fast auf dem Lande.
Sie jedoch war seit dem Umzug regelrecht süchtig nach frischer Luft. Wenn sie nach der Agentur noch Besorgungen in der Stadt zu erledigen hatte, konnte sie regelrecht fühlen, wie der in ihrem Körper angesammelte Sauerstoffvorrat langsam zur Neige ging und sie dringend nach Hause oder in den Wald musste, um ihn wieder aufzufüllen.
Und wenn sie tatsächlich mal wieder am Puls der Zeit fühlen wollte, wie es nur in Großstädten möglich ist, war das auch kein Problem. Dank der schnellen, linksrheinischen Autobahn brauchte sie weniger als dreißig Minuten und schon befand sie sich im Herzen der Südstadt von Köln.
Ein kurzer Blick in den Himmel ließ in ihr die Hoffnung keimen, dass es heute ein schöner Tag werden würde. Der Boden dampfte bereits von der Sonne, die den gestrigen Regen aus der Erde holte. Und wie sie so dastand, in ihrem kurzen Nachthemd, das die vom täglichen Reiten geformte, schlanke Figur, umschmeichelte, fühlte sie, dass alles gut werden würde, nein, müsste. An einem Tag wie diesem gab es keinen Platz für Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit. Noch einmal kurz die Augen schließen, tief durchatmen und dann ab ins Bad, unter die Dusche. Schließlich wartete Mark auf sie.
Im Krankenhaus angelangt, merkte sie schnell, dass das schöne Wetter nur eine trügerische Hoffnung in ihr genährt und sich nichts Grundlegendes verändert hatte. Außer das Mark gestern von der Intensiv auf eine normale Pflegestation verlegt worden war. Sie hatten Glück gehabt und noch ein Einzelzimmer erhalten.
Mark lag auch hier im Bett, bewegungs- und mimiklos. Genau wie gestern, vorgestern und vorvorgestern. Nur das Nachthemd war ein wenig verrutscht. Sie konnte seine Hüfte sehen, so unschuldig und kindlich. Seine linke Hand lag da, als wenn sie selbst die Decke samt Nachthemd verschoben hätte, da auch hier die Sonne durch das Fenster lachte und Marks Haut erwärmte.
Aber dies war nur ein herbei gewünschter Trugschluss und trieb Christine die Tränen in die Augen. Sie wusste, nur eine intuitive Bewegung, die nichts mit rationalen Handlungen gemein hatte, konnte das Nachthemd verschoben haben. Sie räusperte sich und suchte in ihrer Handtasche nach einem Lutschbonbon.
Seit fast drei Stunden las sie Mark nun vor. Nein, nicht die Frauenzeitschrift. Das hatte sie doch nicht übers Herz gebracht. Kalle Blomquist und der Krieg der Rosen, eins der heimlichen Lieblingsbücher von Mark. Seit seinem siebten Lebensjahr las und liebte er Astrid Lindgren. Und dies war ausnahmsweise ein Geheimnis, welches wirklich nur Christine kannte. Für alle anderen war es nicht ‚cool’ genug. Christine war das egal, sie war einfach glücklich, diese kleine Gemeinsamkeit zwischen Mutter und Sohn in die Pubertät gerettet haben zu können.
Als Schwester Barbara hereinkam, um den Tropf mit der Nährlösung auszutauschen, schaute Christine nur kurz auf. „Guten Morgen Frau Schneider, guten Morgen Mark. Es gibt leckeres Frühstück für dich! Na, gut geschlafen?“
Christine mochte Schwester Barbara. Ihre Fröhlichkeit war nie aufgesetzt. Im Gegenteil, ihr ganzer, etwas rundlicher Körper drückte eine Frische und Lebendigkeit aus, von der Christine hoffte, dass sie eines Tages auf Mark überspringen würde.
Dankbar quittierte Christine das aufmunternde Lächeln in dem mütterlichen Gesicht. „Guten Morgen, Schwester Barbara. Ich dachte, Sie hätten Schichtwechsel und ich würde Sie erst heute Abend wieder sehen.“
„Nein, meine Schicht wechselt nur alle vierzehn Tage. Heute noch die Frühschicht, dann drei Tage frei und danach beginnt die Nachtschicht. Wissen Sie, ich habe keine eigene Familie und so kurz vor Ostern oder anderen Feiertagen bekomme ich die unangenehmsten Schichten aufgehalst.“ Sie lachte kurz und tauschte geschickt die Nährstoff-Flaschen aus. „Macht aber nichts. Ich bin gerne hier. Also, Mark, während du frühstückst, wasche ich dich kurz. Du musst doch sauber sein, wenn gleich deine Physiotherapeutin kommt. Ich habe sie gestern getroffen und sie meinte, das deine Beinmuskeln zu wünschen übriglassen. Also, streng dich heute mal ein bisschen an, sonst bin ich sehr enttäuscht von dir.“
Während Schwester Barbara Mark wusch, stand Christine auf und streckte ihre müden Muskeln. Sie ging im Zimmer auf und ab. Schwester Barbaras Geplappere drang nur wie ein leises Meeresrauschen an ihr Ohr. Anfangs fand sie es befremdlich, aber mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt und hörte kaum noch zu. Außerdem war es doch egal, ob das Gerede der Schwestern, ein Buch oder eine Speisekarte zu Mark vordrangen, solange es nur nicht so leise in diesem Zimmer war.
Die Stille war es, die Christine am meisten belastete.
Mit Mark war es sonst nie still. Wenn er aus der Schule kam und die Tür hinter sich zuwarf, wackelte das ganze Haus. Der Schulranzen flog unüberhörbar in die Ecke und der Schrei nach Essen ließ einen glauben, dass er nicht gut gefrühstückt und zusätzlich in der Schule mindestens zwei Butterbrote sowie einiges an Obst verputzt hatte.
Schwester Barbaras Stimme holte Christine in das Krankenzimmer zurück. „Frau Schneider, ich bin fertig. Bevor meine Schicht zu Ende ist, werde ich noch mal nach ihm sehen und gegebenenfalls den Beutel austauschen. Das mit gestern Mittag war wirklich Pech. Ein Glück, dass ihr Bruder gerade da war und den Ständer mit der Infusion auffangen konnte. Er hat mir erzählt, dass er gestern erst angekommen ist. Wenn Sie ihn sehen, grüßen Sie ihn bitte von mir. So, damit bin ich …“ Verunsichert stockte sie mitten im Satz, als sie Christines Gesicht sah, die sie völlig irritiert anstarrte. Dann nahm sie ihre Litanei wieder auf „Also, ich bin jetzt fast fertig und …
„Entschuldigen Sie bitte,“ unterbrach Christine sie abrupt. „Von was für einen Bruder reden Sie? Ich habe keinen Bruder. Und von wo soll dieser Mensch angekommen sein? Hat er Ihnen einen Namen genannt oder können Sie ihn wenigstens beschreiben?“
Völlig irritiert von dieser überraschenden Entwicklung des Gesprächs, war Schwester Barbara zunächst sprachlos. Doch sie versuchte, sich ernsthaft zu erinnern. „Äh, was soll ich sagen. Ich verstehe das jetzt nicht. Ich meine, er hat gesagt, er sei Marks Onkel. Er hat an seinem Bett gesessen, bestimmt eine halbe Stunde, und die ganze Zeit geredet. Er muss sein Onkel gewesen sein, warum hätte er denn da sonst sitzen sollen? Und er hatte wirklich viel zu erzählen. Ich hoffe, Sie machen mir jetzt keine Vorwürfe. Ich meine, Sie haben mir nicht gesagt, dass irgendwer nicht zu Mark dürfte ..“
Ihre unsicher fragenden Augen verfolgten Christine, die im Kreis um Marks Bett ging und versuchte, irgend etwas zu finden, was anders war, vielleicht ein Stück Papier, ein Knopf oder was auch immer. Dabei schob sie ohne Unterlass eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr, wie immer, wenn sie sich stark konzentrierte und scheinbar unzusammenhängende Faktoren zu einem klaren Bild zusammenfügte. Aber es fehlten einfach zu viele Teile und ihre Fantasie verselbständigte sich zu beängstigenden Bildern.
Sie drehte sich zu Schwester Barbara um. „Entschuldigen Sie bitte, ich werfe Ihnen gar nichts vor. Ich dachte nur … vielleicht hat der Autofahrer ja Schuldgefühle, oder Angst, bekommen und will jetzt … Was hat denn dieser Mann so erzählt? Sagten Sie nicht, er hätte ununterbrochen geredet?“
Schwester Barbara zog mit einem letzten und geübten Zupfen eine kleine Falte aus Marks weißer Leinendecke am Fußende des Bettes und zuckte unsicher mit den Schultern. Sehnsüchtig ging ihr Blick Richtung Tür, um diesen unangenehmen Fragen möglichst schnell zu entgehen. Außerdem hatte sie noch einigen Papierkram zu erledigen, bevor in zwei Stunden ihre Schicht zu Ende ging und sie endlich nach Hause konnte, um sich in der warmen Badewanne zu erholen.
Langsam, Schritt für Schritt näherte sie sich dem rettenden Ausgang und drehte sich nochmals, die Hand bereits an der sicheren Klinke, zu Christine um. „Keine Ahnung, was er gesagt hat. Ich kann nicht so gut Englisch. Aber eins weiß ich genau: dass er zu Ihrer Familie gehört. Die Ähnlichkeit zu Mark war unübersehbar.“ Damit drehte sie sich auf den Absatz um, rauschte durch die Tür, die leise und langsam hinter ihr ins Schloss fiel und hinterließ eine verstörte Christine, die mit offenem Mund im Raum stehen geblieben war und sich an Marks Bettgestell festhalten musste.
Das Telefon fing an zu klingeln, als Christine durch die Tür ihres Büros trat. Mit zwei kurzen Schritten war sie beim Schreibtisch und nahm den Telefonhörer ab. „Ja bitte? Meine Schwester? Stellen Sie bitte durch … Hallo Bea, ganz kleinen Moment, ich ziehe nur kurz meinen Mantel aus.“
Christine legte den Telefonhörer auf den vollen Schreibtisch ab und warf ihren Mantel über einen Stuhl.
Eigentlich waren es zwei Schreibtische, die sie durch eine gewaltige, rot lackierte Holzplatte hatte verbinden lassen. Dieses Monstrum sowie ein extra Computertisch, auf dem ein rot umgespritzter Monitor samt Tastatur thronte, beherrschte völlig den Raum.
Aber sie bestand auf so viel Tischfläche, um genügend Platz für die alltäglichen Dinge und einen zusätzlichen Freiraum für kreative Entscheidungen zu haben.
Alle aktuellen Projekte waren sortiert nach Prioritäten und in großen, unterschiedlich farbigen Mappen untergebracht, so dass Christine auf einen Blick den jeweiligen Kunden zuordnen konnte. Gefächert warteten sie neben einem edlen Ablagekorb aus Antikholz mit genietetem Lederbesatz, der viele kleine Zettel in allen Größen und Farben beherbergte.
Dies war ihre Kreativ-Box. Hier warteten viele kleine Ideen auf sie, die nicht sofort realisiert werden konnten. Jeden Freitag, bevor sie ins Wochenende ging, nahm sie all diese Notizen zur Hand, las sie durch, ergänzte oder verwarf, bis aus einer unscheinbaren Idee ein rundes Konzept entstand.
Doch in diesen Tagen war wahrhaftig keine Zeit für Minuten des Nachdenkens. Alles lief auf Sparflamme und es half ihr sehr, dass ihre Kollegen ohne viel Aufhebens den Großteil ihrer Arbeit übernahmen. Aber es blieb immer noch genug für sie übrig.
Sie schob den Stapel mit auffällig roten Ausrufezeichen auf den gelben Post-it-Zetteln achtlos zur Seite und ließ sich auf den weißen Lederstuhl fallen, der sie schon seit vielen Jahren begleitete und den sie niemals für einen dieser ergonomisch geformten Drehstühle aufgeben würde.
Nachdenklich ließ sie ihren Blick durch das Büro schweifen und ignorierte die beständig wachsende Pfütze unter ihrem triefend nassen Mantel. Selbst der kurze Weg vom Parkplatz ins Büro hatte dem plötzlichen Regenguss gereicht, ihn völlig zu durchnässen. Typisch April.
Die glänzenden Alu-Regale mit Ordnern, Fachbüchern, Set-Karten, Kontaktabzügen und allerlei Kleinkram sowie der kleine Glastisch in der Ecke mit den roten Leucht-Tulpen, die sie erst letztes Jahr von Mark zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, füllten die linke Seite des Büros aus. Rechter Hand war die komplette Wand mit dickem Kork tapeziert und gespickt mit Notizzetteln, Fotos, Plänen und, und, und. Hier verfolgte und dokumentierte sie den Stand laufender Projekte.
Sie nickte sich selbst bestätigend zu. Es war richtig, direkt in die Agentur zu kommen. In diesem Raum war sie gewohnt, Lösungen zu finden, logische Zusammenhänge zu begreifen oder zu schaffen.
Zuhause dagegen war zu viel Emotion, zu viel Mark zugegen.
Und sie musste jetzt klar denken können.
Sie nahm wieder den Hörer auf. „Entschuldige, hat was gedauert. Also, Marks Zustand ist unverändert, nicht besser, aber auch nicht schlechter. Mir macht jedoch etwas anderes Kopfzerbrechen und vielleicht kannst du mir helfen. Können wir uns nach der Arbeit im Olymp treffen, so ab neunzehn Uhr, es ist wirklich wichtig! … Danke, du bist ein Schatz, dann bis später.“ Mit einem Schwung warf sie den Telefonhörer auf die Basisstation. Auf ihre Schwester war gottlob immer Verlass.
Entschlossen schob sie alle anderen Gedanken beiseite, missachtete weiterhin den Stapel mit den roten Ausrufezeichen und holte ihre To-do-Liste des heutigen Tages hervor.
In den letzten Tagen war einiges liegen geblieben, das Christine nicht an ihre Kollegen weiterleiten konnte, da es zu diffizil war.
Christine liebte ihre Arbeit sehr. Seit Mark zur Schule ging, konnte sie ihrem alten Beruf als Werbekauffrau wieder nachgehen. Ihr Chef ließ ihr dabei viel Freiraum. Er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Das hatte Christine bereits vor Marks Geburt bewiesen und, dank Michael sowie einiger Aupairs , auch während der ersten Jahre ihrer Mutterschaft.
Vor über einem Jahr wurde sie zur Produktionsleiterin befördert und bekam die Prokura erteilt. Dies bedeutete Mehrarbeit und eine ziemlich große Verantwortung. Da reichten die dreißig Stunden pro Woche oft nicht aus, aber viel mehr war nicht drin. Schließlich war da noch Mark und sie alleinrziehend.
Aber, dem Himmel sei Dank, es gab auch Handys, Fax und Computer. Wenn sie die Rufumleitung auf ihr Handy schaltete, konnte kein Mensch ahnen, ob sie gerade eine Druckabnahme überwachte, Mark beim Fußballspielen zusah oder Pferde zur Weide führte.
Konzentriert arbeitete sie weiter und übertrug abschließend die Kosten des Fotolabors und der Lithografieanstalt in ihre Excel-Tabelle. Jetzt fehlten nur noch die Kalkulationen der Katalog-Übersetzungen in vier weitere Sprachen, dann konnte sie das Angebot an den Kunden fertig machen. Falls der Auftrag noch diese Woche erteilt wird, dürfte der Caravan-Katalog in vier Wochen lieferbar sein. Neue Shootings gab es nicht, das Layout war bereits in der Endphase – prima, abgehakt. Schnell schrieb sie eine interne Mail an ihren Chef, dass das Angebot morgen an den Kunden geht. Jetzt noch die E-Mails des heutigen Tages runterladen, den Rest konnte sie dann mit nach Hause oder ins Krankenhaus nehmen.
Erleichtert atmete Christine auf, lehnte sich zurück in ihren Stuhl und streckte ihre Arme weit über sich. Dabei verdrehte sie den Kopf fast bis zur Schmerzgrenze, um einen Blick auf die Uhr hinter ihr an der Wand zu werfen.
Fünf Uhr nachmittags. Durch das Fenster hinter ihr sah man die Sonne schon wieder vorsichtig zwischen den grauen Wolken hervorblinzeln. Langsam, aber sicher wurden die Tage wieder länger. Rasch erhob sie sich. Vor ihrem Treffen im Olymp mit Bea wollte sie noch bei Mark vorbei.
Mit ihren Gedanken schon halb im Krankenhaus, legte sie die aktualisierte To-do-Liste als weißen Blickfang mitten auf den roten Tisch und steckte den Stapel unerledigter Dingen in ihre Aktentasche.
Ob Michael bereits im Krankenhaus war? Hoffentlich nicht, sie musste erst mit Bea reden, um die Nebelschleier aus ihrem Kopf zu vertreiben und eine klarere Sicht der Dinge gewinnen zu können. Bevor Michael von diesem rätselhaften Besuch erfuhr, wollte sie sicher sein, was sie selbst davon zu halten hatte.
Ihre Schwester saß bereits bei einem Glas Rotwein an einem der hinteren Tische mit Blick auf den Rhein, als Christine etwas verspätet erschien. Es war noch relativ leer und die meisten Holztische und Stühle unbesetzt, nur am Billard-Tisch schien sich eine größere Clique lauthals zu amüsieren.
Christine scannte kurz die Gesichter an der Theke, aber es war kein bekanntes dabei. Schnell schlängelte sie sich an den durch die vielen Gäste der letzten Jahre verschrammten Tische vorbei, hing ihre Handtasche über die Stuhllehne und gab ihrer Schwester einen Kuss auf die Wange. „‚Puh, hier einen Parkplatz zu finden, ist wirklich nicht das reinste Vergnügen. Schmeckt der Wein?“
Bea nickte kurz, während sie sich eine Zigarette anzündete und langsam den Rauch auspustete. Ihre pechschwarz gefärbten Haare, die wie bei einem Igel kurz und spitz vom Kopf ragten, unterstrichen den intensiven Blick ihrer dunklen Augen. Die Lippen, wie immer in ihrer Lieblingsfarbe Karminrot geschminkt, ließen ein wenig den Eindruck von Schneewittchen aufkommen, der aber spätestens dann ad absurdum geführt wurde, wenn sie ihre rauchige Stimme ertönen ließ. Gerade dieser Kontrast erleichterte ihr oft den Zugang zu anderen Menschen, den sie auch gerne als Überraschungselement gezielt einsetzte.
Sie arbeitete freiberuflich als Journalistin für einige Zeitschriften und war bekannt für ihre scharfzüngige Interviewtechnik, die ihren Interviewpartner teilweise ziemlich bloßstellen konnte. Nicht umsonst wandelten einige ihren Spitznamen Bea in Boa um, wobei nicht klar war, ob dies auf ihre erdrückenden Fragen oder ihre verbalen Giftpfeile bezogen war. „Grüß‘ dich auch, Schwesterherz. Wie geht’s Mark? Irgendwelche Veränderungen?“
Christine konnte nur mit den Schultern zucken und ließ sich auf den Stuhl direkt gegenüber Bea fallen. „Nein, alles wie gehabt. Aber der Arzt verbreitet täglich neuen Optimismus, indem er behauptet, dass Mark bald aufwacht. Ich möchte ihm wirklich glauben, aber manchmal packt mich einfach die Angst, dass dieser Zustand noch Jahre andauert. Doch dann reiße ich mich wieder zusammen. Was bleibt mir auch anderes übrig. Organisch ist bei Mark alles in Ordnung und die Brüche heilen gut, soweit man das so kurz nach der OP abschätzen kann. Wir können nur abwarten. Aber da ist noch etwas anderes, was ich mit dir bereden muss …“ Damit lehnte sich Christine leicht über den Tisch, um näher an Beas Gesicht zu kommen und leiser sprechen zu können. „Hast du mit deiner Freundin über die Sache mit der Blutgruppenbestimmung sprechen können?“
Bea legte beruhigend ihre Hand auf Christines Arm und drückte mit der anderen ihre Zigarette im Aschenbecher aus. „Mach’ dir da mal keine Sorgen. Im Krankenhaus wird zwar eure Blutgruppe bestimmt, aber Vaterschaftsteste dürfen sie nur mit eurer vorherigen Zustimmung machen. Und da deine Blutgruppe mit der Marks übereinstimmt, besteht auch keine Veranlassung, weiter über eventuelle Unstimmigkeiten zu sprechen.“
Christine war nicht endgültig beruhigt. „Meinst du nicht, ich sollte mit dem Arzt sprechen? Er unterliegt doch der Schweigepflicht.“
Bea schüttelte sehr bestimmt den Kopf. „Warum willst du schlafende Hunde wecken? Es ist doch alles in Ordnung. Und mal im Ernst. Falls er jetzt noch spitzkriegen sollte, dass Michael eventuell nicht der Vater ist, wen würde er, wenn überhaupt, wohl zuerst ansprechen? Die Mutter, oder den Vater? Ich bitte dich, so borniert ist heutzutage kein Mensch mehr.“ Damit lehnte sie sich lächelnd zurück und nahm einen Schluck von ihrem Wein. „Entspann dich und bestell dir was zu trinken. Möchtest du auch einen Rotwein?“ Christine nickte, Bea winkte die Kellnerin heran und bestellte für sich ein zweites Glas direkt mit.
Versunken nahm Christine derweil eine Zigarette aus Beas Päckchen, ohne sie jedoch anzuzünden oder in den Mund zu stecken. Langsam und bedächtig drehte sie die Zigarette zwischen ihren Fingern hin und her.
Bea nahm diese gebannte Konzentration ihrer Schwester sehr wohl wahr. Ihre seit Jahren geschulte Nase witterte bereits das Unausgesprochene, das dort in Christine brodelte und nur darauf wartete, um endlich explosionsartig ans Tageslicht zu stoßen.
„War das alles, weswegen du mich heute so dringend sprechen wolltest oder ist da noch etwas? Und lass‘ endlich die Zigarette liegen. Du rauchst nicht mehr.“
Seufzend nickte Christine und steckte die mittlerweile leicht zerbeulte Zigarette zurück in die Schachtel und stellte diese dann hochkant neben den Aschenbecher in der Mitte des Tisches.
Es ging nun auf zwanzig Uhr zu und das Lokal füllte sich langsam. Christines Blick verfolgte die Kellnerin, die Richtung Theke verschwand und noch zwei weitere Bestellungen an den Nebentischen aufnahm. Gespannt auf die Reaktion ihrer Schwester, sah sie ihr direkt ins Gesicht, als sie ihren unglaublichen Verdacht zum ersten Mal in Worte fasste. „Ja, da ist noch etwas. Ich glaube, dass Bernd heute im Krankenhaus war.“ Und sie nahm die zerbeulte Zigarette aus der Packung, zündete sie an und steckte sie zwischen Beas sprachlose Lippen.
„Bernd? Bernd Brück? Wie kommst du denn auf die Schnaps-Idee?“ Immer noch abwartend inhalierte sie tief und stieß den Rauch durch die Nase wieder aus.
„Tja, ich habe heute mit Schwester Barbara gesprochen oder besser gesagt, sie mit mir. Sie ist ganz in Ordnung, aber redet ohne Pause. Ich hör’ schon gar nicht mehr richtig hin und plötzlich spricht sie von meinem Bruder, der …“
„Von wem?“
Über Christine huschte ein kleines Lächeln, als sie in das fassungslose Gesicht ihrer Schwester blickte. So musste auch sie heute morgen ausgesehen haben, als Schwester Barbara unwissentlich die Bombe hochgehen ließ. Nur mit dem Unterschied, dass sich Bea sofort wieder unter Kontrolle hatte und es hinter ihrer Stirn bereits arbeitete. Doch zunächst ließ sie Christine weiterreden.
„Du hast richtig gehört. An Marks Bett soll ein Mann gesessen haben, der Marks Hand hielt und behauptete, er wäre sein Onkel. Auf jeden Fall erklärt mir Schwester Barbara heute morgen, dass dieser Mann, wer auch immer das sein mag, leise zu Mark gesprochen hätte, und zwar auf Englisch. Und dass er ihm sehr, sehr ähnlichsehen würde! Was sagst du nun?“
Unfähig, diese ungeheuerliche Nachricht direkt widerlegen zu können, trank Bea erst einmal ihr Glas aus und schüttete beiden Wein aus der Karaffe nach, die die Kellnerin mittlerweile gebracht hatte. Sie räusperte sich, um ihre Stimme aus den Tiefen ihre Kehle zu holen. „Also, zunächst einmal kann das alles bedeuten. Du brauchst gar nicht so die Augen zu verdrehen. Was ist zum Beispiel mit dem Autofahrer? Verbrecher zieht es immer wieder an den Ort ihrer Verfehlungen oder zum Opfer selbst. Vielleicht auch ein Vertrauter des Flüchtigen, der herausfinden soll, wie es Mark geht? Des Weiteren … nein, vergiss es. Du weißt selbst, wem Mark ähnlich sieht. Und an Zufälle glaube ich nicht. Hast du versucht, Bernd zu erreichen? Oder seinen Vater, falls der noch lebt?“
Christine schüttelte den Kopf. „Ich weiß gar nicht, ob sein Vater noch immer in Köln wohnt. Und Bernd … Du weißt doch, ich habe seit damals nicht mehr mit ihm gesprochen. Kannst du nicht für mich in London herumtelefonieren? Bitte.“ Mit einem rührenden Augenaufschlag schob sie Bea einen Zettel mit mehreren Telefon-Nummer hinüber. „Das ist seine Firma samt Adresse und seine Privat-Nummer. Die Privat-Adresse steht auf der Rückseite. Zumindest die, die ich kenne. Vielleicht wohnt er ja noch da. Bitte, Bea, ich würde nicht so gerne selbst anrufen. Vielleicht ist ja doch alles ein Hirngespinst und dann ist der Stein ins Rollen gebracht und ich kann ihn nicht mehr aufhalten. Du als Journalistin hast doch ganz andere Möglichkeiten.“
Bea nickte, faltete den Zettel zweimal und steckte ihn in ihr Portemonnaie.
Christine seufzte erleichtert auf. „Ich gehe heute Abend im Internet auf die Suche. Mal schauen, ob ich da etwas rausfinden kann. Immerhin ist er Architekt und muss doch in den letzten Jahren irgendwelche Spuren hinterlassen haben. Egal wo er jetzt auch immer steckt. Oh Mann, was mach ich nur, wenn er es wirklich war … Und was, wenn doch nicht?“
„Wie meinst du denn das jetzt wieder?“ Bea hatte bereits die anderen Möglichkeiten ausgeschlossen. Außerdem konnte sie nicht anders, aber die Vorstellung, dass Bernd von den Toten auferstanden ist, versprach sehr interessant zu werden.
Christine zuckte die Schultern und versuchte ein halbherziges Lächeln. „Ich weiß ja auch nicht, aber du kennst doch meine blühende Fantasie. Wer könnte sonst noch Interesse an Mark haben, ohne dass wir es wissen dürfen? Vielleicht hast du doch Recht gehabt und es war der Unfall-Fahrer, oder ein wichtiger Zeuge? Oder jemand, der keine Zeugen will. Was weiß ich!“
Bea schüttelte zu jeder Aussage vehement den Kopf, zündete sich eine weitere Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. „Also, wir gehen jetzt der Reihe nach vor.“ Bea spitzte die roten Lippen ein wenig, um den Rauch nachdenklich aus ihrem Mund ins Freie zu entlassen und dessen Auflösung ins Unsichtbare zu beobachten. Dann erst sprach sie weiter, bereits einen kompletten Ablauf-Plan im Kopf.
„Erstens wirst du dieser Schwester Barbara sagen, sie möge dich auf deinem Handy anrufen, falls dieser Mann nochmals auftaucht. Denk dir irgendwas aus, Erbstreitereien, Familienzwistigkeiten oder was auch immer, damit sie dir glaubt und Michael nicht mit hineinzieht. Dann redest du mit der Polizei, ob die was Neues weiß, ob es weitere Zeugen gibt und so ein Kram. Aber erzähle nichts von dem Mann. Zumindest jetzt noch nicht. Ich versuche per Telefon Bernd zu finden, du per Internet. Und dann telefonieren wir uns heute Abend noch mal zusammen.“
Befriedigt über die Logik in ihren Anweisungen zog sie erneut an ihrer Zigarette und schaute Christine fragend an. „Siehst du Michael heute noch?“
Christine schob ihre Haare aus dem blassen Gesicht, hinter die Ohren. „Nein, er bleibt heute Nacht bei Mark. Ich löse ihn morgen früh um sechs ab.“
„Gut, dann kann er uns auch nicht in die Quere kommen. Mein Göttergatte geht gleich zum Badminton, so dass ich auch freie Bahn haben werde. Dann würde ich sagen, wir zahlen jetzt und machen uns an die Arbeit. Bis morgen früh um sechs muss doch was rauszukriegen sein.“ Mit diesen abschließenden Worten leerte sie ihr Glas, nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche und winkte der Kellnerin. Christine schlüpfte derweil in die Ärmel ihrer Lederjacke, die sie einfach über der Stuhllehne hatte hängen lassen und stand bereits auf.
Gemeinsam gingen sie zum Parkplatz, auf dem sogar beide einen Platz erwischt hatten. Christine nahm Bea fest in die Arme, so dass sie sich kaum bewegen konnte und ihre Handtasche, aus der sie gerade den Autoschlüssel holen wollte, fest zwischen beiden Frauen gequetscht wurde. „Danke, dass du mir hilfst. Ich weiß wirklich nicht, wen ich sonst hätte fragen können.“
Bea schob sie lachend zurück, schloss ihr Auto auf und stieg ein. „Wozu hat man sonst Schwestern?“ Damit schlug sie die Tür zu, winkte noch einmal kurz und fuhr los.
Wieder allein gelassen, aber etwas beruhigter, schlenderte Christine zu ihrem blauen Mazda und öffnete gedankenverloren die Autotür. Sie stieg ein und beobachtete still die Tropfen des Abendschauers auf der Windschutzscheibe, die der Wind noch nicht hinweggefegt hatte. Sie steckte den Schlüssel in das Zündloch, jedoch ohne ihn umzudrehen und beobachtete stattdessen ein Pärchen, das gerade aus einem roten VW stieg und lachend Hand in Hand ins Olymp lief.
1985
„Frau Schneider? Sie können in Zimmer Eins schon mal Platz nehmen.“
Christine schaute von ihrer Zeitschrift auf und nickte der Arzthelferin zu. Dann stand sie auf und dehnte unauffällig ihre Muskeln. Sie wartete seit fast einer Stunde. Im Vergleich zu sonst verhältnismäßig kurz. Dr. Palmer, ihr Gynäkologe, war eine bekannte Persönlichkeit auf dem Gebiet der ungewollten Kinderlosigkeit. Das regelmäßig überfüllte Wartezimmer zeugte sehr belebt davon. Er hielt viele Vorträge zu diesem Thema, auch im Ausland, und führte gemeinsam mit zwei Kollegen diese Praxis hier in Bonn.
Sie nahm ihre Tasche auf und ging vorsichtig an den vielen Männer- und Frauen-Beinen vorbei.
Michael konnte sie heute nicht begleiten. Er hatte einen Auswärtstermin, irgendwo in München, und sie sollte ihn heute Abend vom Bahnhof abholen.
Die Arzthelferin schloss hinter ihr die Türe des Besprechungszimmers und Christine setzte sie sich vor die Rückseite des großen, antiken Schreibtisches auf einen der zwei mattviolett-gepolsterten Sessel mit den angenehm hohen Armlehnen. Der Raum umfing sie mit einer sterilen Ruhe, ausgestrahlt durch die vielen Fachbücher in deutsch und englisch, die eine ganze Wand füllten und im Gegensatz zu den obligatorischen Familienfotos auf dem Schreibtisch standen, dessen glänzend polierte Fläche nur noch von einer Schale mit Stiften und dem bunten Zettelblock irgendeines Pharma-Unternehmens gestört wurde. In der Mitte lag ihre Karteikarte.
Doch kaum hatte sie es sich einigermaßen bequem gemacht, als Dr. Palmer geschäftig eintrat und seinen wehenden Kittel fast in der sich wieder schließenden Tür einklemmte.
Auch heute durchmaß er den großen Raum mit zwei bis drei Schritten. Lächelnd drückte er Christines Hand und ließ sich dann auf seinen Ledersessel auf der anderen Seite des Schreibtisches fallen, der unter dem plötzlichen Gewicht wippte und ächzte. „Guten Morgen, Frau Schneider. Haben Sie Ihre Temperaturkurven dabei?“
Er nahm die Tabellen, die ihm Christine über den Tisch zuschob und warf einen kurzen Blick darauf. „Na also, sieht ja alles prima aus. Gut. Ich habe übrigens die Untersuchungsergebnisse gestern vom Labor zurückbekommen, so dass wir diese jetzt zuerst besprechen sollten. Wo ist Ihr Mann?“
Christine lächelte zurück. „Tut mir leid, aber er kommt erst heute Abend aus München zurück. Mal wieder ein Geschäftstermin. Vielleicht können wir schon die Untersuchungsergebnisse besprechen?“
Dr. Palmer zögerte kurz, dann stützte er seine Arme auf die Schreibtischplatte, so dass er Christine besser im Blickfeld hatte. ,„Frau Schneider, wir haben Sie, wie sie wissen, auf Herz und Nieren geprüft. Bei Ihnen ist alles in Ordnung und eigentlich steht einer Schwangerschaft nichts im Wege. So weit so gut. Die Spermien Ihres Mannes jedoch haben bei den Tests ergeben, dass sie leider fast unbeweglich sind. Ich denke nicht, dass er ohne Hilfe Kinder zeugen kann. Selbst mit den heutigen Möglichkeiten sehe ich nur eine Chance von unter 5%. Es tut mir leid, aber sie und ihr Mann müssen sich mit dem Gedanken anfreunden, nach anderen Lösungen zu suchen.“
Er machte eine kurze Pause und wartete auf Christines Reaktion. Sie jedoch saß völlig unbeweglich da, machte nur kurz den Mund auf und zu, als ob sie etwas sagen wollte sich aber dann doch entschied, den Platz für einen flachen Atemzug zu nutzen.
„Frau Schneider, ich weiß, dies hört sich sehr endgültig an. Aber es gibt Alternativen. Ich denke nur, die sollten wir mit Ihrem Mann gemeinsam besprechen. Wenn Sie möchten, können wir in der nächsten Woche einen neuen Termin machen und über Lösungsmöglichkeiten reden. Angefangen über Insemination mit Spendersamen, Invitro-Befruchtung, Adoption … Aber lassen Sie uns auf die Details bitte erst eingehen, wenn Ihr Mann an diesem Gespräch teilnehmen kann.“
Langsam erwachte Christine aus ihrer Starre, die diese Nachricht hervorgerufen hatte und schaute dem Arzt direkt in die Augen. Im Bruchteil einer Sekunde, zwischen dem Öffnen und Schließen des Augenlides, hatte sie ihre Entscheidung getroffen. „Ich weiß nicht, ob Sie es verstehen werden, Dr. Palmer. Mein Mann ist ein liebevoller, aber auch sehr eigensinniger Mensch. Genau wie ich wünscht er sich nichts sehnlicher als eigene Kinder. Auf eigene Kinder, verstehen Sie? Er würde niemals und unter keinen Umständen einer Fremdbefruchtung oder was auch immer zustimmen. Glauben Sie mir, ich kenne ihn. Er kann ausgesprochen dickköpfig und sehr rigoros sein. Ich möchte Sie daher ganz herzlich bitten, meinem Mann erst mal nichts zu sagen. Reden Sie nur mit mir. Ich bitte sie wirklich nicht leichtsinnig darum.“
Jetzt war es an dem Arzt, erst einmal zu schweigen. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und drückte seine Handflächen gegeneinander. Dabei schlugen seine Finger einen regelmäßigen Takt. „Das gefällt mir nicht sehr, Frau Schneider. Ich bin einverstanden zu warten, bis Sie sich für eine Möglichkeit entschieden haben. Aber wenn Sie das nächste Mal mit ihrem Mann in meine Sprechstunde kommen, werde ich nicht lügen.“
Langsam schlenderte sie über den Beethovenplatz, Richtung Marktplatz. Vorbei an Boutiquen, Schuhgeschäften und zwei Straßenmusikanten, die ihren Gitarrenkasten von den wenigen Münzen leerten, die Passanten hineingeworfen hatten.
Es war noch früh und die Stadt füllte sich daher nur langsam. Eigentlich hätte Christine in die Agentur gemusst. Aber sie hatte noch etwas Zeit, erst gegen dreizehn Uhr war eine interne Besprechung angesetzt. Und sie wollte zuvor in Ruhe nachdenken. In der Agentur würde sie keine Zeit dazu haben, die Produktionstermine des Jahreskataloges von Automobile Ford, ihrem wichtigsten Kunden, stand kurz bevor und heute Abend, direkt im Anschluss an ihre Arbeit, würde sie Michael am Bahnhof abholen.
Mit schneller werdenden Schritten ging sie auf ein Bistro zu. Es hatte bereits geöffnet und die Tische draußen unter den riesigen Sonnenschirmen wurden gerade eingedeckt. Sie kannte es von gemeinsamen Einkaufstouren mit ihrer Mutter, die sich im gemütlichen Bonn wohler als im hektischen Köln fühlte. Und dieses Bistro befand sich im Zentrum der sternförmig angeordneten Fußgängerzone, so dass sie und ihre Mutter hier immer wieder gern eine Pause einlegten. Außerdem gab es hier den größten Milchkaffee und den leckersten Salat mit Geflügelleber.
Trotz des einsetzenden Nieselregens wählte sie einen Platz draußen und schaute auf die leuchtende Farbenpracht des benachbarten Blumenstandes. Erst als der bestellte Milchkaffee dampfend vor ihr stand, zündete sie sich eine Zigarette an und versuchte, die Blockade aus Verstand, Moral und Versprechen beiseitezuschieben. Dies war eine Situation, mit der sie allein klarkommen musste. Also erst mal keine Bea und kein Michael. Vor allem kein Michael, das war das Problem. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals angelogen oder etwas vor ihm verschwiegen zu haben. Und das jetzt bei einer Sache, die ihn noch weitaus mehr betraf als sie selbst!
Spendersamen, Fremdbefruchtungen oder was auch immer – ohne die Einwilligung des Ehemannes ging nichts. Gar nichts. Und Michael würde so einer diffusen Sache niemals zustimmen. Er war kein Mensch, der unkalkulierbare Risiken einging.
Nein, unmöglich. Falls sie tatsächlich eine Möglichkeit finden sollte, schwanger zu werden, dürfte er niemals erfahren, dass dies nicht auf dem konventionellen Wege stattfand.
Sie musste sich also selbst befruchten lassen.
Bei diesem Gedanken löste sich langsam die Spannung in ihrer Brust und sie lachte leise vor sich hin. Sie hatte ja schon viele Umschreibungen von Sex gehört, aber diese noch nicht. War auch zu albern. Sie konnte doch nicht irgendeinen x-beliebigen Mann zu einem Stelldichein bitten. Wer weiß, was da rauskam. Falls dabei überhaupt etwas rauskam. Nachher war er noch krank oder hatte Schweißfüße.
Wieder lachte Christine und langsam kam ihre anpackende Ader zum Vorschein. Probleme waren da, um gelöst zu werden. Dieses Credo begleitete sie seit ihrer Kindheit und gab ihr bereits in vielen Situationen die Kraft, nicht nur nach einer Lösung zu suchen sondern sie auch zu finden.
Auch jetzt war sie nicht bereit, dem Zufall oder anderen Einflüssen die Regie ihrer Zukunft zu überlassen. Nur kamen zu den rein biologischen Zwängen intime, private Verpflichtungen und Gefühle hinzu, die sie in moralische Bedenken stürzten.
Sie selbst sah sich immer als junge, dynamische Frau, allem Neuen aufgeschlossen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr fiel ihr auf, dass sie eigentlich nie vorgegebene Wege verlassen hatte. Auch ihre Mutter beschrieb sie immer als fröhlich, unkompliziert und … pflegeleicht. Wenn sie es genau überlegte, waren dies Eigenschaften, die auch auf Michael zutrafen. Sie beide gaben einfach das perfekte Paar für eine Hochglanzzeitschrift ab. Gutaussehend, erfolgreich im Beruf und auf dem besten Wege, das junge Glück um ein Kind zu bereichern und damit die Weiterentwicklung des perfekten Menschen zu gewährleisten.
Warum sah sie das plötzlich so sarkastisch? Das war doch exakt, was sie sich immer von der Zukunft erhofft hatte. Und nur weil plötzlich nicht mehr alles glatt lief, musste sie nicht gleich ihr ganzes Leben in Frage stellen. Ihr einziges Problem war Michaels Zeugungsunfähigkeit. Und nur darum sollte sie sich jetzt Gedanken machen. Aber sie konnte schließlich keinen Privatdetektiv engagieren. Nach dem Motto: Suche potenten Mann zum Kinderzeugen und anschließendem Vergessen.
Außer … da wäre doch … du meine Güte … Bernd.
Wie ein Blitz schlug die Erinnerung an ihn in ihr ein.
Bernd, ihr treuer Freund seit den Sandkastentagen. Immer war er da, wenn es galt freche Bengels mit der Plastikschaufel zu vertreiben. Oder später andere freche Bengels im Schulbus von pubertären Träumen zu befreien, wenn in diesen „seine“ Christine vorkam.
Während ihrer gesamten Kindheit waren sie wie siamesische Zwillinge. Das ganze Viertel kannte sie nur als gemeinsames Paar und niemand wäre jemals auf die Idee gekommen, nur einen von ihnen zu Geburtstagen, Kinder- oder Straßenfesten einzuladen. Wo auch immer Christine war, Bernd war nicht weit. Oder umgekehrt.
Nach der Grundschule ging Bernd auf ein reines Jungengymnasium, so dass sie zum ersten Mal getrennt waren. Doch auch dies tat ihrer Freundschaft keinen Abbruch. Man traf sich halt nach der Schule. Auf dem Sportplatz, im Wald, wo auch immer. Bernd war für sie wie ein Bruder, mehr als das. Jemand, dem sie alles erzählen und blind vertrauen konnte.
Christine zog nachdenklich die Stirn in Falten und trank den letzten, mittlerweile kalten gewordenen Schluck Milchkaffee. Seit fast vier Jahren hatte sie Bernd nicht mehr gesehen.
Ehrlicherweise musste sie sich eingestehen, dass sie den Grund dafür sehr wohl kannte. Sie war für Bernd weit mehr geworden, als eine „Schwester“ es jemals sein konnte. Sie hatte nur die Augen davor verschlossen. Sie wollte sich einfach noch nicht festlegen. Sie war doch jung und hatte noch so viel vor. Karriere machen, die Welt bereisen, andere Menschen kennen lernen. Und natürlich auch andere Männer.
Den guten Freund in Bernd wollte sie nicht verlieren, aber auf alles andere verzichten? Das wollte sie auch nicht.
Und dann trat Michael in ihr Leben und kappte das zarte, ehemals unzerstörbare Band der Freundschaft zwischen Bernd und Christine.
Michael nahm immer mehr Raum in ihrem Leben ein. Die Rolle des Liebhabers reichte ihm schon bald nicht mehr. Er wollte sie immer um sich haben und natürlich auch ihr alleiniger Vertrauter und Freund sein. Und Christine gefiel das. Einer, der für sie entschied, der immer wusste, was er wollte und es sich im Zweifelsfall auch nahm. Da war einfach kein Platz mehr für Bernd.
Eines Tages kam er einfach nicht mehr vorbei.
Kurz vor ihrer Hochzeit mit Michael kam eine Postkarte von Bernd – aus London. Er hatte gerade ein Jahrespraktikum als Architekt beendet und wurde nun von dem Londoner Architekturbüro übernommen, zunächst für ein weiteres Jahr.
Das war jetzt drei Jahre her. Vereinzelt trudelten weitere Postkarten aus London ein, aus denen wenig Privates hervorging. Nur, dass er genug zu arbeiten hatte und daher nicht so schnell nach Deutschland zurückkommen könnte.
Sie fasste sich an den Kopf, als wenn sie diese spontane, unausgereifte Idee zurück in ihr Hirn pressen wollte.
Aber, er war da. Dieser unfassbare, jedoch nicht unmögliche Gedanke breitete sich immer weiter in Christines Kopf aus. Die leise anklopfenden Zweifel ihres Gewissens überhörte sie geflissentlich.
Im Moment hatte sie Bernds Gesicht vor Augen, wie sie es vor vier Jahren das letzte Mal sah. Seine strahlend blauen Augen, die immer voller Ruhe und Freundschaft auf ihr ruhten. Die blonde Haarsträhne, die aus seiner nicht zu bändigen Tolle ständig über seine Augen fiel und ihm ein lausbübisches Lächeln verlieh samt seiner etwas schiefe Nase. Zweimal bereits hatte er sie sich gebrochen, einmal im Springparcours und einmal auf einer wilden Jagd quer durchs Gelände.
Und sie erinnerte sich an den Treueschwur, den sie als Kinder geleistet hatten, zu einer Zeit, als Bernd die Bücher von Karl May verschlang. Sie war gerade in der ersten oder zweiten Klasse, als sie eines Nachmittags todesmutig ihren Daumen für den Nadelstich hinhielt, um zwei Blutstropfen als Zeichen ewiger Freundschaft miteinander zu vermischen.
Zumindest hatte die Ewigkeit eine Kleinigkeit mehr als zwanzig Jahre gedauert.
Langsam keimte in ihr die Frage, warum Bernd so sang- und klanglos aus ihrem Leben verschwand. Und wie sie es geschehen lassen konnte. Aber sie war noch nicht soweit und wie schon viele Male wand sie ihre Gedanken lieber der Gegenwart und dem aktuellen Problem zu. Als wenn sie sich selbst vor der Antwort schützen müsste, dass sie seit ihrer Hochzeit mit Michael auch noch anderes unauffällig, aber endgültig aufgegeben hatte.
Was konnte sie also tun? Langsam wuchs die zunächst noch vage Idee zu einem ganzen Gebilde von Möglichkeiten.
Ende des Monats musste die Fotoproduktion für Ford abgeschlossen sein. Hauptattraktion war eine neue Limousine mit allen Extras, für die sich die mittelständische Kundschaft begeistern sollte. Genau dafür prüften sie in der Agentur zurzeit verschiedene Locations. Und die Zeit war knapp, wenn der Katalog noch rechtzeitig zur AAA, der größten Automobilmesse Deutschlands, im Oktober fertig sein sollte.
Bekanntermaßen war London eine aristokratische Stadt. Mit herrschaftlich repräsentativem Gebäude. Und wo bitte konnte man in großer Zahl geeignetere Kulissen finden, um eine neue Luxus-Linie standesgemäß zu präsentieren?
Sie musste dies unbedingt in der heutigen Besprechung vorschlagen. Und am besten vorher noch mit dem Kunden-Kontakter reden. Ihn brauchte sie auf ihrer Seite. Sicherlich gab es auch einiges an Bildmaterial im Foto-Archiv. Sie wollte es vorsichtshalber mit in die Besprechung nehmen. Visuelle Reize bleiben bekanntlich länger als rein verbale Beschreibungen in den Köpfen der Zuhörer haften.
Mit einem konkreten Ziel vor Augen hielt Christine nach der Kellnerin Ausschau. Als sich ihre Blicke trafen, winkte sie kurz mit der Hand und formte lautlos die Worte „Zahlen bitte“. Dann kratzte sie noch schnell den restlichen Milchschaum mit dem Löffel aus der Tasse und drückte der herbeieilenden Kellnerin die bereits abgezählten vier Mark für den Milchkaffe samt Trinkgeld in die Hand.
Leichteren Herzens und mit neuem Tatendrang ging sie beschwingt das kleine Stück durch die Fußgängerzone bis zur Ampel. Auf der anderen Straßenseite konnte sie den Eingang zur Universität sehen. Dahinter lag der Hofgarten und dazwischen die Eingänge zu ihrem Parkhaus.
Ein wenig nervös saß sie zwei Wochen später auf einem roten Plüsch-Sofa in einem Pub am Covent Garden. Überall an den bis zur Hälfte holzgetäfelten Wänden hingen alte, oder zumindest auf alt getrimmte, Reklametafeln aus Weißblech. Christine war zu früh da, und schlug nun die Zeit damit tot, diese Tafeln einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Es war weniger erstaunlich, dass bereits vor fünfzig Jahren die Frau als Werbeträger bevorzugt wurde, als dass die Frau nicht nur eine Heilige zu verkörpern hatte sondern auch ‚allzeit bereit’ ihrem Manne dienen durfte. Seit damals hatte sich tatsächlich viel geändert.
Versunken nippte sie an ihrem Wasser und ließ ihren Blick über die Wände weiter wandern bis hin zur Theke, an den vielen Flaschen und der großen Zapfanlage vorbei bis zur Tür. Seit einer halben Stunde saß sie hier, wie ihr ein kurzer Blick auf die Armbanduhr verriet und ihr Zeigefinger verfolgte weiterhin die gesteppten Linien des Polsterbezuges.
Ob er sich in der Zeit vertan hatte? Das wäre dann wirklich das erste Mal. Seit sie ihn kannte, hatte er sich nicht einmal verspätet. Im Gegenteil, sie war immer diejenige, die sich in der Zeit verschätzte und meist viel zu spät eintrudelte.
Erneut schaute sie auf die Uhr. Vielleicht kam er ja gar nicht. Immerhin hatten sie sich über vier Jahre nicht gesehen. Sicherlich gab es irgendwo eine Freundin, die vielleicht gar nicht so begeistert davon war, dass sich Bernd mit einer „alten Flamme“ treffen wollte.
Oh mein Gott, was hatte sie sich nur bei der ganzen Aktion gedacht? Immer nervöser werdend drehte sie das halbvolle Glas hin und her, bis das Mineralwasser über den Rand schwappte. Ein weiterer prüfender Blick durch den gesamten Pub, nein, er war wirklich nicht da. Sie sollte lieber aufstehen und gehen, bevor sie sich lächerlich machte.
Entschlossen drückte Christine ihre Zigarette aus, steckte die Packung samt Feuerzeug in ihren kleinen, schwarzen Rucksack und erhob sich vom Sofa. Genau in diesem Moment sah sie ihn durch die Türe kommen und sie ließ sich wieder auf das Plüsch-Sofa zurückfallen.
Es war unglaublich, aber sie fühlte sich zurückversetzt in eine Zeit, als sie nach den Vorlesungen an der Uni aus dem Gebäude lief und Bernd ihr meistens schon entgegenkam. Genau wie jetzt, groß, schlank, die blonden Haare ein wenig ins Gesicht fallend, Jeans, Lederjacke, weißes T-Shirt.
„Hey, hat es dir die Sprache verschlagen? Ich kann mich doch nicht so verändert haben …“ Lachend zog er sie hoch, nahm sie in die Arme und drückte sie fest an sich, nur um sie gleich darauf wieder auf Armeslänge von sich weg zu schieben und genauer zu betrachten. „Gut siehst du aus. Genau wie damals, als ich mich in dich verliebt hatte.“ Bernd hielt Christine immer noch im Arm und spürte so das kaum merkliche Zucken bei dieser Bemerkung.
„Nein, nein, keine Sorge. Ich fang jetzt doch keine Diskussion mit dir an. Komm, setz‘ dich. Ich brauche dringend ein Bier. Entschuldige bitte auch die Verspätung, aber ich hatte einen Kunden, der wollte und wollte nicht gehen.“ Damit drückte er Christine zurück auf das Sofa, setzte sich auf den Stuhl direkt gegenüber und nahm ihre Hände in seine. Sanft streichelte er ihre Finger und schaute in ihre Augen, die sich langsam, aber sicher mit Tränen füllten.
„Was ist los, Kleines? Stress mit Michael?“ Christine schluckte. Sie hatte schon fast vergessen, warum sie auf die Idee kam, ihn zu besuchen. Und sie schämte sich jetzt dafür, dass sie es nicht viel früher und ihrer alten Freundschaft getan hatte. Immerhin war er seit Kindesbeinen ihr bester Freund, er hat ihre Launen ertragen und war da, wenn sie ihn brauchte. Wie jetzt auch. Wie konnte sie nur den Kontakt so leichtsinnig abreißen lassen?
Sie entzog ihm kurz ihre Hände, um sich die Nase schnauben zu können. Mit der einen Hand steckte sie das Taschentuch in ihren Rucksack, mit der anderen ergriff sie nun ihrerseits seine Hand und hielt sie fest.
„Nein. Alles okay zu Hause. Ich habe beruflich hier zu tun und dachte, ich könnte das mit dir verbinden. Ich wollte dich endlich wiedersehen. Ich meine, du bist so sang- und klanglos aus meinem Leben verschwunden. Früher verging kein Tag, an dem wir uns nicht gesehen oder zumindest telefoniert haben. Und jetzt weiß ich gar nichts mehr über dich, über deinen neuen Job, wo du wohnst oder ob du eine Freundin hast. Ohne dein Büro hätte ich dich nicht mal anrufen können. Bestimmt bist du schon verheiratet, hast sechs Kinder und musst gleich nach Hause, Essen kochen. Stimmt’s?“
Bernd lautes Lachen hallte durch den Pub und unterbrach ihren Redefluss. „Jetzt mach mal halblang, Christine. Ich kann schon rein rechnerisch keine sechs Kinder haben. Wie hätte ich die denn in den letzten vier Jahren alle zeugen sollen?“ Dann wurde er wieder leiser. „Außerdem weißt du genau, dass ich es vorzog, eine gewisse Zeit lang aus deinem Einzugsbereich zu verschwinden.“ Er packte ihre Finger fester und spielte mit Christines Ehering. „Ich brauchte Zeit, um zu akzeptieren, dass ich nicht mehr der einzige Mann in deinem Leben bin. Dass du – entschuldige bitte – diesen Michael geheiratet hast. Ausgerechnet den, vor dem ich dich früher immer beschützen musste, weil er dich laufend hänselte. Aber keine Sorge. Ich bin darüber hinweg. Mir geht es gut, der Job ist klasse und, ja, ich habe auch eine Freundin.“ Damit ließ er ihre Finger aus seinen Händen gleiten.
Der Kellner brachte unaufgefordert ein Bier und nickte mit einer hochgezogenen Augenbraue erst zu Christine, dann zu Bernd. Bernd lächelte kurz zurück. Er war hier bekannt und dies sollte wohl ein Kompliment sein, dass so ein hübsches Mädel sich freiwillig neben ihn setzte. Er war wirklich durstig und nahm zunächst einen tiefen Schluck, bevor er sich wieder Christine zuwandte. „Jetzt erzähle erst mal, was es Neues zu Hause gibt. Hat mal wieder jemand geheiratet oder ist schon die Scheidungswelle im Gange? Ich hüpfe zwar immer noch manchmal nach ‚good old Germany’, aber irgendwie ist es nicht mehr ganz meine Welt.“
Nun war es an Christine, lauthals zu lachen. „Meine Güte, stellst du immer noch eine Frage nach der anderen, ohne einem die Chance zu geben, auch mal zu antworten? Was soll’s. Ich glaube, ich bin auch nicht viel besser. Aber mach dir mal keine Gedanken, du hast nicht viel verpasst. Außer dass Bea bald heiratet. Ihr Auserwählter heißt Tim und sie hat ihn im Redaktionsbüro kennen gelernt. Ich glaube nicht, dass du ihn kennst. Meine Mutter ist jedenfalls glücklich, alles organisieren zu können. Und stell dir vor, mein Vater hat ein neues Hobby gefunden: Computer. Ist das nicht Wahnsinn? Früher hat er nicht mal den Videorecorder bedient und jetzt belegt er Kurse in EDV und fragt Michael Löcher in den Bauch. Aber weißt du was, ich bin richtig stolz auf ihn. Ich meine, er ist jetzt über fünfzig und dann noch mal die Schulbank drücken, nach dem ganzen Tag in der Werkstatt. Ich finde das wirklich beachtenswert.“
Bernd antwortete nicht sofort, auch er fühlte sich in alte Zeiten versetzt. Stattdessen nahm er wieder sein Glas in die Hand und trank es mit zwei, drei großen Schlucken aus. Christine konnte seinen Kehlkopf beobachten, der auf und absprang, während das Bier die Kehle herablief. Mit einem zufriedenen Lausbubengrinsen stellte er das Glas ab, suchte mit beiden Händen in seiner Lederjacke nach den Zigaretten und wurde in der rechten Tasche fündig. Ohne zu fragen, zündete er eine für Christine und danach eine für sich an, nahm einen tiefen Atemzug und wandte sich ihr wieder zu. „Du kannst auch stolz darauf sein. Weißt du, ich habe deine Eltern immer sehr gemocht. Meine Güte, wenn ich es recht bedenke, habe ich mich mehr bei deinen als bei meinen Eltern aufgehalten.“ Er lächelte etwas gequält. „War aber vielleicht auch kein Wunder, wenn ich an meinen Trottel von Vater denke. Für den gab es doch nur seine Sportschau, ein warmes Essen und genug Bier. Kein Wunder, dass Mama es nicht mehr ausgehalten hat.“
Christine nickte nur und lehnte sich zurück. Zu genau erinnerte sie sich an den Tag der Beerdigung von Bernds Mutter. Es war im November `84, kurz nach ihrer und Michaels Hochzeit. Es sind nicht viele zu der Beerdigung gekommen. Gerlinde Brück war von jeher eine stille und unscheinbare Frau gewesen. Ihre eigenen Eltern hatte sie im Krieg verloren und musste daher bereits früh eine Stelle als Haushälterin annehmen. Nach ihrer Hochzeit mit Frieder Brück ging sie abends putzen, um ihrem heranwachsenden Sohn Spielzeug und Kleidung zu kaufen.
So ärmlich sie selbst immer herumlief, Bernd war bereits als Kleinkind aufs Ordentlich ausstaffiert. Gegen den Willen ihres Mannes setzte sie durch, dass Bernd erst das Gymnasium, und dann die Universität besuchte. Doch Frieder verzieh ihr nie, dass ihr das Leben, welches er ihr bot, offensichtlich nicht genug war und sie sich für ihren Sohn ein Besseres wünschte. Er wandte sich vermehrt seinen Bierkumpels und der Sportschau zu. Und sie strafte er mit Missachtung. Er sprach nur mit ihr, wenn er sein Essen, seine Wäsche oder sein Bier wollte. Sie gingen sich aus dem Weg, so gut dies in der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung nur eben ging.
Als der Sarg in die Tiefe gelassen wurde, sah sie Herrn Brück zum ersten Mal weinen. Lautlos liefen die Tränen über die faltige Haut und fielen auf seine Hände. In dieser Stellung verharrte er bis zum Ende der Predigt. Dann warf er eine Schaufel Erde in das offene Grab und ging. Er schaute nicht rechts, nicht links, ging einfach an seinen Freunden und Bekannten vorbei. Seitdem hatte sie ihn nie wieder gesehen. „Warum bist du eigentlich nicht zur Beerdigung deiner Mutter gekommen?“
Bernd antwortete nicht sofort. Er hatte sich zurückgelehnt und blies langsam und bedächtig eine Rauchwolke in die Luft. „Ich war da.“
Überrascht schaute Christine auf. „Aber, ich bin doch da gewesen und ich habe dich nicht gesehen. Wo warst du denn?“
Bernd zögerte, Christine ahnte, dass er in Gedanken auf dem Begräbnis seiner Mutter war. Er drückte die Zigarette in dem hässlichen Aschenbecher aus grüner Emaille aus und spielte dann nervös damit, indem er ihn zunächst drehte und wendete und ihn zuallerletzt ärgerlich zur Seite stieß. Dann platzte es aus ihm heraus. „Ich wollte meinem verlogenen Vater nicht ins Gesicht sehen. Steht da und heult, als wenn er sie geliebt hätte. Der wollte doch nur sein warmes Essen und ein warmes Bett. Jeden Samstagabend nach den Spätnachrichten, konnte ich ihn hören. Wie er sie begattete. Du hättest die Uhr danach stellen können. Und bereits zehn Minuten später hörtest du ihn schnarchen. Und Mama ging duschen. Oft kam sie danach zu mir ins Bett, nahm mich in den Arm und weinte. Sie glaubte wohl immer, ich würde schlafen. Habe ich aber nicht. Er hat ihr Herz gebrochen und daran ist sie gestorben.“ Eine neue Zigarette wurde aus der Packung geholt und zwischen die Lippen geführt. „Nein, ich wollte ihn nicht sehen. Nachher hätte ich ihm noch die Hand gegeben. Und diese Genugtuung bekommt er nicht von mir. Ich wollte, dass er sich so allein fühlt, wie sie es ein Leben lang getan haben musste.“
Christine schauderte, mit welch ruhiger Stimme Bernd ihr in kurzen Sätzen den Teil seiner Kindheit offenbarte, den sie nie mitbekommen hatte. Sie konnte sich nur blass an Bernds Mutter als eine verhärmte Frau erinnern, zu unscheinbar, um tatsächlich ein klares Bild im Gedächtnis zu hinterlassen. Bis auf ihre schönen blauen Augen, die immer dann aufstrahlten, wenn Bernd sie anlächelte oder ihr einen Kuss gab. Genau die gleichen Augen, die ihr jetzt gegenübersaßen und hinter einigen Rauchwolken verschwammen. „Du hast mir nie erzählt, dass es so schlimm war.“
Bernd lehnte sich wieder nach vorn und stützte die Ellbogen auf dem Tisch ab. „Du hättest es nicht verstanden. War aber auch egal. Bei dir und deiner Familie konnte ich eine Art von normalen Leben spüren. Und das wollte ich nicht gefährden. Ich wollte nie dein Mitleid, dass weißt du. Auch heute nicht.“
Mit diesen Worten stand er auf und zog Christine von der Couch. „Komm, lass uns gehen. Hier kann man herrlich bummeln und Geld aus dem Fenster werfen. Und dann weiß ich ein wirklich schönes, verschwiegenes Restaurant. Wie lange hast du Zeit?“
Es regnete mal wieder und Bummeln fiel daher aus.
Wie selbstverständlich drückte Bernd Christine an sich und hielt zum Schutz vor dem Regen seine Lederjacke über Christines Kopf. Das war für ihn ein Leichtes. Obwohl Christine selbst 170 cm auf der Meßlatte erreichte, war Bernd immer noch einen Kopf größer. Christine kuschelte sich an seine warme Seite und hörte ein wenig gedankenverloren zu, als Bernd von seiner Arbeit erzählte, dem schwierigen Kunden, der eine komplette, frisch eingebaute und spezial angefertigte Küche herausreißen möchte, nur weil sein neuer Freund und Lebenspartner das dunklere Braun der Eiche im Vergleich zur Buche zu erdrückend fände.
Christine lachte, als Bernd sich ein wenig in den Ausführungen über jenen Lebenspartner verlor, wie dieser verächtlich und übertrieben mit den Hüften wackelnd durch die Wohnung lief und innenarchitektonische Vorschläge über seine Schulter warf, so dass es Bernd, der diese Begehung über sich ergehen lassen musste, nur grauste.
„Weißt du, Christine, ich hatte noch nie etwas gegen Homos. Aber ich habe bis heute noch keinen getroffen, der das so deutlich heraushängen ließ. Mann, ging der mir auf die Nerven. Aber Schluss jetzt damit. Wir sind gleich da und dann erzählst du mir in Ruhe von dir und Michael. Ich habe die ganze Nacht Zeit, meine Freundin ist nicht da …“ und mit einem Augenzwinkern öffnete er eine unscheinbare Türe mit einer kleinen, bunten Bleiverglasung, an der Christine fast vorbeigelaufen wäre. Sie legte den Kopf leicht in den Nacken, um den Restaurantnamen zu erhaschen, fing aber nur einen Regentropfen ab, der ihr direkt ins Auge fiel. Dann zog Bernd sie bereits durch die Türe.
Sie musste sich erst an die Luft gewöhnen, die nicht nur nach Rauch, sondern auch nach etwas besonders Appetitanregendem roch, das sie aber trotz aller Schnüffelbemühungen nicht erkannte.
Rasch schaute sie sich um und sah viele Menschen, die an größeren Tischen mit einfachen Holzbänken zusammensaßen, sich unterhielten und lachten. Der Geräuschpegel war gewaltig. Die leichte, stimmungsvolle Musik im Hintergrund war kaum wahrzunehmen. Irgendein Blues. Also genau, was sie mochte und was auch zu ihrer Stimmung passte.
Bernd führte sie in die hinterste Ecke, wo unglaublicher weise noch ein kleiner Zweiertisch frei war. Christine ließ sich erwartungsfroh auf den Stuhl fallen, während Bernd seine Lederjacke über die Stuhllehne hing und dann ebenfalls seine langen Beine unter den Tisch schob. Lachend strich er sein tropfendes Haar aus dem Gesicht und nahm Christine fast gleichzeitig die Menükarte in Form eines Holzfisches weg, die sie gerade an sich nehmen wollte. „Vertrau mir, ich bestelle für dich mit.“
Christine zögerte nun doch. „Ich würde dir ja gern vertrauen, aber irgendwie sieht es nicht nur nach Fisch aus, sondern es riecht auch so. Zugegebenermaßen sehr lecker. Aber du weißt doch, ich mag keinen Fisch. Ich weiß, es ist albern, aber diese Gräten sind einfach nicht vertrauenerweckend genug.“ Bernd lachte nur über Christines aufgesetzten Schmollmund und fing ungerührt an, die Karte zu studieren. Es dauerte auch nicht lange, die Bedienung stand schon bereit und Bernd bestellte zügig mehrere Gänge mit so aufschlussreichen Namen wie „Tanzende Vögel einer Sommernacht“ oder „Gesponnene Mondscheinstrahlen“.
Was konnte sie schon tun? Christine ergab sich einfach und lehnte sich entspannt zurück. Und ohne weiter darüber nachzudenken, fing sie einfach an zu erzählen. Über Michael, wie sehr sie sich ein Kind wünschen, über seine Liebe zu ihr, über seinen Eigensinn – und über seine Unfruchtbarkeit. Sie redete und redete, fast ohne Luft zu holen. Dabei schaute sie ihm die ganze Zeit in die Augen und fragte sich gleichzeitig, ob sie aufhören konnte zu erzählen. Und ob sie ihm den eigentlichen Anlass ihres Hierseins verschweigen durfte oder konnte.
Sie standen vor einem großen, schmiedeeisernen Tor. Durch die engen Gitterstäbe konnte Christine einen parkähnlich angelegten Garten sehen. Viel Grün und, wie Tupfer auf einer Farbpalette, kleine Beete in den unterschiedlichsten Farben. Am Rand ein paar alte Bäume, drei Kastanien und eine Trauerweide, deren Äste so tief herunterhingen, dass sie fast den Boden berührten. Dazwischen erahnte man eine alte, geschmiedete Bank, auf der sich sicherlich bereits einiges erzählt wurde. Zum Hauseingang selbst führte ein geschwungener Pfad, der mit weißen Kiessteinen gestreut war.
Bernd öffnete nicht das große Haupteingangstor, sondern nur eine kleine Seitentür, die leise quietschend das sich entfernende Brummen des Taxis, welches sie beide bis hierhergebracht hatte, übertönte. Sie folgte ihm in den Garten und die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen Klick.
Obwohl nur efeuumrankte Eisenstäbe sie von der Straße trennten, hatte sie das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Das Geräusch der Autos, selbst der Geruch der Auspuffgase war kaum wahrnehmbar. Und dabei waren Sie nur ein paar hundert Meter vom belebten Covent Garden entfernt.
Bernd drehte sich mit weit geöffneten Armen zu ihr um und lächelte. „Na, gefällt es dir?“
Statt einer Antwort drehte sich Christine begeistert um sich selbst, um den Garten in seiner ganzen Pracht zu erfassen.
„Wie schaffst du es nur, morgens ins Büro zu gehen und diese wunderbare Insel zu verlassen? Hast du keine Angst, dass sie verschwindet und du sie nie wieder findest?“ Bernd konnte seinen Stolz nicht ganz vor Christine verbergen. Verlegen strich er sich über seinen Drei-Tage-Bart, dass es hörbar knisterte.
„Keine Sorge, Christine, ich habe alles selbst angelegt und sie gut verankert. Komm rein, es gibt noch viel mehr zu sehen. In den letzten zwei Jahren habe ich fast jede freie Minute in den Ausbau dieses Hauses gesteckt. Du hättest es vorhersehen müssen: der Mörtel fiel schon aus den Fugen, die Tapeten waren angeschimmelt oder sie hingen in Fetzen. Die Fenster- und Türrahmen waren offensichtlich durch Holzwürmer fast komplett ausgehöhlt, so dass ich Angst hatte, die Innentreppe hochzugehen. Aber wundersamerweise ist die völlig verschont geblieben.“
Während Bernd weiter erzählte, über statische Probleme, Baugenehmigungen und Denkmalschutz, folgte sie ihm bewundernd durch das Haus. Statt der normalen Hauseingangstür benutzten sie einen versteckten Seiteneingang, der sie direkt in den Wintergarten führte. Nun entdeckte sie unter einigen riesig anmutenden Yucca-Palmen ein weißes Canapé sowie den dazu passenden Fußhocker, der aber offensichtlich als Couchtisch missbraucht wurde.
Schnell registrierte sie das Tablett mit einer halbleeren Flasche und nur einem Glas, in dem noch einige Tropfen Rotwein in der untergehenden Sonne schimmerten. Dann folgte sie Bernd durch einen Rundbogen ins nächste Zimmer, in dem ein eckiger Esstisch von gut zwei Quadratmetern sofort den Blick auf sich zog. Insgesamt sechszehn Stühle standen einladend um den Tisch herum, dessen glatte Holzfläche in der Mitte von einem Quadrat unterbrochen wurde, das eine frappante Ähnlichkeit mit Pflastersteinen hatte. Die Stühle selbst waren alle aus dem gleichen Holz, aber jeder für sich ein Einzelexemplar, unterscheidbar nur durch verschiedene Muster in der Lehne, der Sitzfläche oder durch den Schwung der Beine. Sie ging um den Tisch herum, vorbei an einer Anrichte, zwei weiteren Stühlen und einigen Kerzenhaltern.
Behutsam strich Christine über den Tisch. „So einen Tisch habe ich wirklich noch nie gesehen. Hast du ihn selbst entworfen?“
Bernd nickte. „Ich liebe ihn einfach. Ein paar meiner Freunde behaupten zwar öfters, dass das Haus um den Tisch gebaut wurde und nicht umgekehrt, aber bis jetzt hat sich noch jeder gerne hierhin gesetzt. Und es gibt wirklich nichts besseres, als viele Freunde einzuladen und dann die heißen Pfannen und Töpfe einfach in die Mitte zu stellen. Damit kann sich jeder selbst bedienen und keiner sitzt abseits. Aber komm weiter, ich zeige dir noch kurz die anderen Räume und dann setzen wir uns in den Wintergarten und ich kredenze dir einen Rotwein, den du dein Lebtag noch nicht genossen hast.“
Und damit nahm er Christines Hand und führte sie weiter durch einen zweiten Rundbogen, die Treppe hinauf, wo sich oben linker Hand ein Arbeitszimmer vollgestopft mit Blaupausen, Verpackungsröhren, Bauplänen, Aktenordner sowie einem fast unter seiner Last zusammenbrechenden Schreibtisch befand.
Christine traute sich kaum hinein, aus Angst, irgendein absolut nicht erkennbare System zu zerstören. Das war auch nicht nötig, denn Bernd zog sie im Eilschritt weiter ins Schlafzimmer, in dem nicht das Himmelbett den Ton angab, sondern ein wunderbares Erkerfenster an der rückwärtigen Wand.
Dieser Erker maß zwar nur eine Breite von knapp zweieinhalb Metern, aber die Aussicht durch das Rundum-Fenster war schlicht und ergreifend überwältigend. Die letzten Sonnenstrahlen dieses ansonsten verregneten Tages warfen ein warmes Licht ins Zimmer. Bernd zog Christine auf die eingepasste Bank mit mehreren, zum Kuscheln einladende Kissen.
„Das hier ist mein Lieblingsplatz. Hier kann ich denken, träumen, ein Buch lesen …“ damit zeigte er auf den Stapel mit Büchern am Boden direkt neben ihm „und glaube mir: Fast jeden Abend, selbst wenn es den ganzen Tag geregnet hat, hier finden meistens noch ein paar Sonnenstrahlen den Weg zu mir.“
Christine glaubte das sofort und betrachtete neugierig den Rest des Raumes. Das Bett war nur an einer Seite aufgeschlagen und sie sah auch sonst keine Anzeichen dafür, dass noch jemand außer Bernd in diesem Hause lebte. Die anschließende Badezimmertüre stand leicht offen und der Haken neben einem dunkelblauen Bademantel war ebenso frei.
„Es ist wirklich schön hier. Aber, entschuldige bitte, dass ich dich das frage. Nur … ich will dir ja nicht zu nahetreten, aber wo ist deine Freundin? Irgendwie sieht dies hier doch mehr nach einem Single-Haushalt aus.“
Bernds Augen verschatteten sich und es entstand eine kleine, unüberhörbare Pause. „Komm, lass uns runter in den Wintergarten gehen. Ich mache uns die Flasche Wein auf, dann erzählt es sich besser.“
Hintereinander gingen sie wieder die Treppe herunter, nur diesmal linksherum durch Küche, in der ein Herd mit zusätzlichem Grillrost und Hackplatte in der Mitte des Raumes verankert war. Geradeaus konnte man durch die Bleiverglasung eines halbrunden Fensters die Schatten eines Nachbargebäudes erahnen. Unterhalb des Fensters befand sich ein roh gezimmerte Truhenbank, die aber wohl mehr als Ablage für Kochbücher als zum Sitzen genutzt wurde.
Bernd hatte bereits eine Flasche bereitgestellt und nahm jetzt nur noch zwei neue Gläser aus einem Schrank. Dann führte er Christine zurück in den Wintergarten. Das Tablett mit der alten Flasche stellte er einfach auf den Boden.
Christine ließ sich aufatmend auf das Canapé fallen und streifte ihre Schuhe von den Füssen. Sie waren neu und drückten noch ein wenig. Sie schaute Bernd beim Öffnen der Weinflasche zu, wie er sie behutsam entkorkte und vorsichtig in eine Weinkaraffe umfüllte. Dann ließ er sich auf den Boden zu Christines Füssen nieder und fing an, behutsam ihren Fuß zu massieren.
„Dass du das immer noch kannst. Ich wusste bis jetzt nicht, wie sehr ich das vermisst habe.“ Sie schnurrte dabei wie eine Katze.
„Tja, meine Liebe, du kannst mir glauben, dass diese Künste auch hier in London hochgeschätzt werden.“ Damit ließ er den Fuß fallen und beugte sich zur Weinkaraffe samt den beiden bereitgestellten Gläsern hinüber, um einzuschenken. Christine atmete voller Genuss den Geruch des trockenen Weines ein, bevor sie den ersten Schluck nahm.
„Wirklich ein guter Wein. Aber los jetzt, alter Freund, und keine Ausreden mehr. Beglückst du zurzeit noch mehr Frauen mit deiner Fußmassage oder ist das exklusiv für mich?“ Bernd trank ebenfalls erst einen Schluck, bevor er mit der Massage des anderen Fußes fortfuhr.
„Bilde dir nur nichts ein. Ich habe zwar noch kein Fußmassagen-Studio aufgemacht, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Anfragen sind bestimmt genug da.“ Bernd lachte und ging über zu den Zehen. „Allerdings bestand Jasmin bisher auf das Exklusivrecht bei Massagen dieser und anderer Art.“
„Jasmin, deine Freundin?“
„Ja. Ich habe sie vor anderthalb Jahren auf der Möbelmesse in Düsseldorf kennen gelernt. Sie ist Einkäuferin für eine britische Möbelkette mit Sitz in London. Wir haben uns dann hier weitergetroffen und, na ja, da kam eins zum anderen. Weißt du, außer meiner Arbeit hatte ich in London noch nicht viel gesehen. Und Jasmin … sie ist so voller Lebensfreude und Elan. Sie hat mir London gezeigt, außerhalb der üblichen Touristen-Pubs und Restaurants. Sie hat mir bewiesen, dass selbst Teestunden und Bridge-Runden ein Riesenspaß sein können. Wir hatten immer viel zu erzählen, über unsere Arbeit, über unsere Ziele, einfach alles. Es hat auch nicht ganz sechs Monate gedauert und sie ist bei mir eingezogen.“
Bernd hielt inne, schenkte sich erneut nach und beobachtete nachdenklich die Lichtpunkte des sich im Glas drehenden Weines. Christine konnte nur seinen Hinterkopf sehen und fühlte sich versucht, ihn zu streicheln. Es war immer noch da, das Gefühl der Vertrautheit, der Selbstverständlichkeit. Aber ohne Scheu zu berühren, wie früher? Nein, soweit war es noch nicht. Und sie fragte sich, ob es wirklich nur daran lag, dass sie sich lange nicht gesehen hatten oder vielleicht doch, weil sie nicht ganz ehrlich war, als sie rein berufliche Gründe für ihren Aufenthalt hier in London anführte. Dieser Gedanke quälte sie schon die ganze Zeit und sie fühlte sich gar nicht wohl dabei.
„Und wo ist Jasmin jetzt?“ fragte sie stattdessen, rutschte auf den Boden neben Bernd und legte ihre Hand leicht auf seinen Arm.
„Sie ist weg.“
„Was heißt weg?“
„Weg heißt weg. Sie ist nach Frankreich gegangen. Dort wird eine Filiale ihrer Firma eröffnet und sie übernimmt die Leitung, bis das dortige Personal auf das britische Ambiente eingestimmt ist.“
Christine spürte den rauen Ton seiner Stimme mehr, als dass sie es hörte. Da stimmte was nicht. Und schon kam die Bestätigung von Bernd selbst.
„Ich weiß nicht, ob sie zurückkommt.“ Damit stand er auf und ging Richtung Küche. „Ich brauche etwas zu knabbern. Bist du immer noch so scharf auf Cracker mit Frischkäse?“
Ihr Kopf fühlte sich schwer an, als sie am nächsten Morgen durch ein paar vorwitzige Sonnenstrahlen geweckt wurde, die zwischen den Blättern der Jucca-Palmen durchschimmerten. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits sieben Uhr morgens war. Sie hatte verschlafen. Aber trotzdem, ihr Kreislauf verlangte einfach nach ein paar weiteren Sekunden in der Horizontalen.
Als sie sich endlich schweren Herzens aufrichtete, vernahm ihre Nase dankbar den leichten Geruch nach Kaffee. Sie streckte sich wohlig, nahm ihre Kleidung vom Hocker und zog sich schnell an. Das T-Shirt, welches ihr Bernd zum Schlafen gegeben hatte, ließ sie auf dem Canapé liegen.
„Bernd, wo bist du?“ Suchend ging sie Richtung Küche und fand nur einen Zettel an einer Tasse neben der dampfenden Kaffeemaschine. ‚Habe einen Außentermin. Was hältst du von Abendessen um sechs? Lass mir deine Telefon-Nummer da. Ich ruf dich an. Bernd’. Mit dem heißen Kaffee in der Hand wanderte Christine durch die unteren Räume und dachte über gestern Abend nach.
Es war schön, dass sie sich auch nach dieser langen Auszeit so schnell wieder verstanden. Als wären sie immer noch wie Kinder, die Streiche ausheckten, Geschichten erzählten oder einfach nur durch den Park tobten. Aber eigentlich kein Wunder. Sie waren schon immer ein gut eingespieltes Team gewesen. Bis sie sich in Michael verliebte.
Sie stellte ihre Kaffeetasse auf den Esstisch ab und schob sich einen Stuhl zurecht. Nachdenklich schweifte ihr Blick durch den Raum.
Michael. Nie wird sie den Moment vergessen, als es zum ersten Male funkte, oder besser gesagt, die Luft zwischen ihnen vor lauter Spannung sich fast selbst entzündete.
Es war ein zunächst ein ganz normaler Samstagabend. Sie wollte ausgiebig tanzen und konnte Bea überreden, mit ihr mal wieder in den „Alten Wartesaal“ zu gehen. Es war bestimmt schon weit nach ein Uhr morgens, als sie völlig verschwitzt von der Tanzfläche ging, um sich schnell ein Wasser zu holen. Und da stand Michael an der Bar.
Sein Blick klebte wie hypnotisiert an ihrem Körper, als sie sich den Schweiß von der Stirn wischte, mit ihrem kurzen T-Shirt sich selbst Luft zu wedelte und ihr Bauchnabel dabei im Sekundentakt aufglänzte.
Den ganzen Abend hat er sie beobachtet, lässig in Jeans und Cowboystiefeln an der Theke lehnend, sein enges T-Shirt umspannte die straffen Bauchmuskeln, die – wie sie wusste – von seinen vielen Kanu-Fahrten stammten.
Natürlich blieb ihr dies alles nicht verborgen. Unter seinen intensiven Blicken fing sie an, immer verführerischer mit den Hüften zu schwingen, die Haare beim Drehen fliegen zu lassen und provozierend auf ihn zuzutanzen. So fing alles an und es dauerte nicht lange, bis sie ihm regelrecht verfallen war. Seinem intensiven Lächeln, als sei man die einzig wichtige Person für ihn auf der ganzen Welt. Dieser Blick, der sie auszuziehen schien und ihr ein Gefühl des Begehrtwerdens vermittelte, das kaum auszuhalten war. Und dann sein Selbstbewusstsein bis hin zur Arroganz, dass er es besser können wird, in Kombination mit dem unwiderstehlichen Drang etwas zu erleben und neue Perspektiven zu gewinnen.
Einfach die Welt aus den Angeln zu heben.
Sie fühlte sich auf angenehme Weise von dieser kraftvollen Persönlichkeit gefangen und verliebte sich immer mehr. Genau wie Michael auch.
Kaum ein Jahr später heirateten sie. Und langsam wurde die anfangs unersättliche Leidenschaft übertüncht von dem Wunsch nach einem Kind.
Wenn er nur nicht so stur wäre! Mit einem Schwung stellte Christine die Tasse zurück auf den Tisch, in die sie seit einigen Minuten hineinstarrte. Der Kaffee war sowieso mittlerweile kalt.
Warum nur kann man mit diesem Mistkerl nicht reden? Und wie konnte sie nur in eine so schwachsinnige Situation geraten? Wenn Michael das jemals erfährt, würde sie weder Mann noch Kind haben.
Wütend auf ihn genauso wie auf sich selbst ging sie um den Tisch herum.
Und was wird Bernd dazu sagen? Es ist doch eine alte Binsenweisheit, dass wenn Leidenschaft und Sex in eine Freundschaft treten, diese meistens kurz danach wie ein zu hart geschlagener Ball ins Aus rollt.
Wobei man ihr jetziges Vorhaben nicht unbedingt als aus der Leidenschaft geborenen Sex bezeichnen kann. Den könnte man sich selbst und auch anderen noch verzeihen. Aber so als Mittel zum Zweck? Wer sollte das schon kapieren. Bernd vielleicht?
Ganz leise regte sich bei Christine das Gefühl, dass Bernd dies nicht verstehen würde. Im Gegenteil, dass er wahrscheinlich immer noch tiefere Gefühle für sie hegt, als er zugibt. Würde er wirklich aus Freundschaft auf so einen Deal eingehen? Oder würde er sich verletzt und ausgenutzt vorkommen? Wahrscheinlich das letztere. Und damit hätte er wahrlich nicht mal Unrecht.
Eins war für Christine nach dem gestrigen Abend auf jeden Fall klar. Sie würde niemals wieder etwas tun, das ihre wieder gefundene Freundschaft gefährden könnte.
Gedankenverloren schaute sie auf die Uhr und zuckte zusammen. Schon fast acht und sie musste noch ein Taxi besorgen! Für neun Uhr hatte sie sich mit ihrem Team im Sheraton zum Frühstück verabredet, um die morgige Fotoproduktion durchzusprechen. Und das alles ohne Dusche.
Die Tür ihres Hotelzimmers war noch nicht ganz zugefallen, da hatte sie bereits die Schuhe von den Füssen geflippt und sich rücklings auf das Bett geworfen.
Oh Mann, was für ein Tag!
Nicht nur, dass sie verspätet beim Meeting erschien und entsprechend mit vielsagenden Blicken und süffisanten Hinweisen auf das Nicht-Erscheinen beim Frühstück begrüßt wurde, gab es auch Probleme mit der Location, die sie für die ersten Aufnahmen ausgewählt hatten.
Die Erlaubnis für die Fotoaufnahmen in den Kensington Gardens ist gestern Abend per Telefax zurückgezogen worden und die zuständige Agentin selbst ist vor morgen früh nicht erreichbar. Und obendrauf trifft auch noch der Lastwagen mit den Limousinen verspätet ein.
Mit geschlossenen Augen tastete sie nach dem Telefon und legte den Hörer zunächst auf dem Bauch ab, der sich im Rhythmus ihres Atems auf und ab bewegte und sie damit beinah einschläferte.
Sie musste Michael anrufen. Das ganze Chaos würde dafür sorgen, dass sie noch eine zweite Woche an ihren England-Aufenthalt hängen müsste. Das gefiel ihm bestimmt nicht.
Sie wählte die Nummer, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. Auch gut, sie konnte morgen noch mal anrufen. Was als nächstes? Es war erst vier Uhr und damit noch genügend Zeit, bevor sie sich mit Bernd traf.
Mit diesem Gedanken schlummerte sie ein.
Das Telefon klingelte bereits eine ganze Weile, bevor es Christines Unterbewusstsein erreichte. Sie lag, immer noch angezogen, auf dem Bett und brauchte einen Moment, um zum einen das Klingeln als ihr Telefon zu registrieren und zum anderen den Hörer zu finden. Sie lag nämlich darauf.
„Hello“ räusperte sie sich.
„Hey Christine, wo bist du? Waren wir nicht verabredet?“
Mit einem Schlag war Christine hellwach und sprang förmlich aus dem Bett. „Bernd, es tut mir so leid, ich bin wohl eingeschlafen! Wie spät ist es denn?“
Sie hörte ein leises Lachen. „Sechs Uhr vorbei, du Schlafeule. Aber jetzt brich nicht in Panik aus. Der Tisch im Restaurant dürfte sowieso schon weg sein. Macht aber nichts, ich habe nämlich eine viel bessere Idee! Kannst du in zwanzig Minuten fertig sein?“
Christine klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter fest, um irgendwie die Zahnpasta auf ihre Zahnbürste zu kriegen. „Kein Problem, solange ich nur noch schnell unter die Dusche springen kann und du mir sagst, wo es hingehen soll.“
„Wird nicht verraten, aber zieh dir am besten Jeans und Turnschuhe an.“ Mit diesen Worten legte er auf und Christine hetzte unter die Dusche, die Zahnbürste bereits im Mund.
Nach exakt neunzehn Minuten und dreißig Sekunden stieg sie aus dem Aufzug und entdeckte Bernd neben der Rezeption, der sich mit der Empfangsdame unterhielt. Offensichtlich über etwas Lustiges, denn sie musste ihr lautes Lachen mit der Hand vor dem Mund ersticken.
Christine lächelte.
Das war der Bernd, wie sie ihn kannte. Charmant und freundlich, dabei eher unauffällig. Und dann fiel ein einzelner Satz, der einem die ganze Bandbreite seines trockenen Humors erahnen ließ. Mit ihm war es ruhig, aber niemals langweilig. Einfach ein Kamerad, mit dem man Pferde stehlen konnte.
Als Christine an der Rezeption ankam, drehte er sich gerade um, so dass sie ihm fast in die Arme lief. „So, du Geheimniskrämer. Verrätst du mir jetzt, wo es hingeht?“
Bernd schüttelte lächelnd den Kopf, der Schelm sprang ihm förmlich aus den Augen. „Nein, du wirst noch eine knappe Stunde warten müssen. Falls wir gut durch den Verkehr kommen.“ Und damit gab er ihr einen Kuss auf die Wange und zog sie hinter sich her zum Auto.
Erstaunlicherweise rollte der Verkehr vergleichsweise zügig durch London. Sie hatten nur wenig Wartezeiten an den scheinbar unzähligen Ampeln und den typischen Roundabouts. Trotzdem war es fast acht Uhr, als sie endlich ankamen.
„Wir sind da. Du darfst die Augen wieder aufmachen.“ Bernd hatte sie vor gut zehn Minuten gebeten, diese zu schließen, so dass sich Christine erst einmal zurechtfinden musste.
Sie befanden sich auf einem Innenhof, dessen Boden aus alten Kopfsteinpflastern bestand. Direkt vor Ihnen leuchteten die Fenster eines Gasthauses, über dessen Eingang ein Eisenschild zu erkennen war. In verschnörkelter Schmiedekunst stand dort „The white horse“ zu lesen. Fast gleichzeitig bemerkte Christine den typischen Geruch von Pferden, Heu und Stroh, und entdeckte einige Pferdeboxen, die sich bis hinter das Gasthaus zogen.
Überrascht drehte sie sich zu Bernd um. „Bernd, was machen wir denn hier?“
„Na was wohl“ kam Bernds Stimme dumpf aus dem Kofferraum des Wagens, aus dem er je zwei Paar Reitstiefel und Schutzkappen hervorholte. „Wir reiten natürlich! Hinter den Boxen ist ein Außenplatz und daran anschließend ein riesiger Park mit wunderschönen Galoppstrecken. Was ist los, freust du dich gar nicht?“
Genau das wusste Christine noch nicht so genau. „Doch, schon. Aber weißt du, ich bin schon eine ganze Weile nicht mehr geritten. Erst kam die Arbeit dazwischen und, na ja, Michael hatte es irgendwie nicht so mit der Reiterei … Auf jeden Fall habe ich seit mindestens drei Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen.“ Christine Stimme war immer noch zögerlich, aber ihre Augen lächelten bereits unternehmenslustig. Sie hörte irgendwelche Pferde wiehern, und dies war ein Klang in ihrem Ohr, den sie lange nicht mehr vernommen hatte.
„Meinst du denn, die lassen mich hier einfach reiten? Hast du uns angemeldet?“ Bernd schüttelte den Kopf und drückte ihr ein paar Reitstiefel und eine Reitkappe in die Hand.
„Habe ich dir denn tatsächlich nicht erzählt, dass ich stolzer Besitzer von zwei Pferden bin? Kaum zu glauben, normalerweise nerve ich jeden damit.“
Als letztes kam ein Sack Möhren aus dem Auto und er schlug den Kofferraum zu. „Nur leider habe ich unter der Woche kaum Zeit, allein schon wegen der langen Anfahrt. Aber ich wollte meine Pferde unbedingt in einer Offenstallhaltung haben. Und das ist näher an London nicht möglich, beziehungsweise nicht bezahlbar. Doch hier draußen sieht es schon besser aus. Die Pferde werden täglich bewegt und am Wochenende bin ich immer hier. In dem Gasthaus vermieten sie Zimmer und ich habe eine Dauerbuchung laufen. Es ist zwar klein und hat kein eigenes Bad, aber für meine Zwecke völlig ausreichend.“
Mittlerweile waren sie hinter dem Gasthaus an einer überdachten Halle angekommen, in der gerade Unterricht gegeben wurde. Christine konnte eine dunkle Stimme heraushören, die ganz offensichtlich Kommandos gab. Ein Blick über die Barriere an der kurzen Seite der Halle zeigte ihr, dass sie Recht hatte. Sie war nur überrascht, dass diese dunkle Stimme einer jungen und zierlichen Frau gehörte. Sie hatte ihr langes Blondhaar zu einem einfachen Pferdeschwanz hochgebunden, der lustig hin und her hüpfte, wenn sie sich drehte, um ihre Schüler zu beobachten und zu korrigieren. Als sie Bernd hinter Christine entdeckte, hob sie kurz die Hand zum Gruß und ermahnte gleichzeitig, die Reiterin der vorbeitrabenden Stute, das innere Bein zu strecken und den Absatz tief zu halten.
Christine lachte. Egal in welcher Sprache oder in welchem Land, geritten wird überall gleich falsch.
Sie gingen weiter und Bernd führte sie zu einer Stallgasse, in der links und rechts Pferde standen und neugierig zwischen den Stäben ihrer Boxen hindurchschauten. Als sie näher an eine der Boxen trat, konnte sie an der Rückseite den Ausgang zu den Paddocks sehen, nur getrennt von Plastikbahnen, durch die die Pferde problemlos rein- und rausgehen konnten.
„Wir müssen bis ans Ende“ erklärte Bernd und fast gleichzeitig mit seinem Ruf „Lizzy, Bonzo“ erklang ein zweistimmiges Wiehern und Christine konnte die Köpfe von zwei Füchsen mit weißen Blessen und heller Mähne sehen, die erwartungsvoll ihre schlanken Köpfe hoben.
„Die sind sich ganz schön ähnlich, haben sie die gleiche Abstammung?“ fragte Christine neugierig und rieb erst dem größeren und dann dem kleineren Pferd die Stirn.
„Kann man so sehen.“ Bernd stellte die Stiefel neben einem Schrank am Ende des Ganges und legte dort auch die Kappen ab. Aus dem Schrank selbst holte er eine große Putzbox. „Bonzo ist der Sohn von Lizzy. Er ist jetzt vier Jahre alt und ganz schön übermütig.“
Er drückte Christine die Putzbox in die Hand, öffnete erst die eine, dann die andere Boxentür und führte beide Pferde nach außen auf den Putzplatz. Christine folgte dem Trio.
„Als mir klar war, dass ich den Job hier in London auf jeden Fall annehmen würde, machte ich mich gleich auf die Suche nach einem Reitstall. Dieser hier wurde mir sehr empfohlen. Die Pferde werden gut gepflegt und das Gelände hier ist auch nicht ohne. Na ja, die haben mir Lizzy unter den Hintern geschoben und irgendwie war es Liebe auf den ersten Blick. Ich habe sie vom Fleck weg gekauft, die etwas rundliche Dame, und bin wieder nach Deutschland zum Koffer packen geflogen. Als ich zurückkam, wurde mir mitgeteilt, dass Lizzy trächtig sei. War wohl ein Weideunfall. Auf jeden Fall bin ich seitdem Besitzer von zwei Pferden. Und Diane, die hier den Reitstall zusammen mit ihrem Mann führt, hat mich dann letztes Jahr sehr unterstützt, Bonzo richtig anzureiten.“
Während Bernd sprach, drückte er Christine den Hufkratzer in die Hand und schob sie zu Lizzy. „Fang schon mal an, in zwanzig Minuten will Diane sehen, was du noch kannst. Und ich auch!“ Damit drehte er sich um, hob Bonzos Hufe auf und ging daran, diese von Mist und Stroh zu befreien.
Christine stöhnte theatralisch, wusste aber, dass sie keine Wahl hatte und eigentlich auch gar nicht haben wollte.
Als sie Lizzy in die Halle führte, den Sattel nachgurtete und die Steigbügel herunternahm, war ihr doch ein wenig mulmig zumute. Ob sie es noch konnte? Und was ist mit den Kommandos, wird sie die überhaupt verstehen? Ihr Englisch war zwar nicht schlecht, aber üblicherweise benutzte sie Business English und das hatte herzlich wenig mit Reiter-Latein zu tun. Aber wahrscheinlich kam sie überhaupt nicht in den Sattel hoch und damit würden sich dann alle weiteren Probleme von selbst erledigen.
„Quatsch, du packst das schon“ sprach sie sich selbst Mut zu und schaute kurz zur Bande, an der Bernd stand und zusah. Also, linker Fuß in den Steigbügel, Schwung geholt und vorsichtig einsitzen, bloß nicht hinten anstoßen, bloß nicht dem Pferd in den Rücken plumpsen. Ups, geschafft. ‚Geht ja doch noch, mal gucken, wie sie sich im Schritt anfühlt.’
Christine vergaß alles andere um sich herum, konzentrierte sich nur noch auf ihr Pferd. Beine leicht angelegt und schon ging es brav los. Langsam kam nicht nur die Erinnerung, sondern vor allem das wunderbare Gefühl zurück, welches sie schon immer überkam, sofern sie sich auf einem Pferderücken befand. Dieses Gemisch aus Konzentration, Gemeinsamkeit und gegenseitigem Vertrauen, gewürzt mit frischer und arbeitsamer Luft, das war einfach nicht zu toppen. Und sie hatte nichts von dem vergessen, was ihr in zehn Jahren Reitunterricht beigebracht worden war.
Es war ein unbeschreibliches Gefühl, wie ein Welcome-Home nach langer Abwesenheit. Dabei hatte sie nicht mal gewusst, dass sie weg war.
Auch der Übergang in den schnelleren Trab ging wunderbar fließend vonstatten, so dass sie nach ein paar Zirkeln auch keine Bedenken hatte, in den Galopp zu wechseln und nach einer weiteren Runde in den etwas flotteren Mittelgalopp überzugehen. Lizzy machte alles mit, ging weich am Zügel und war überhaupt fantastisch.
Diane hatte anfangs nur beobachtet und fing jetzt an, Christine leicht zu korrigieren. Meistens an ihrem Sitz, der doch etwas verkrampft war. Aber es wurde von Runde zu Runde besser und sie wurde lockerer.
Jetzt erst bemerkte sie, dass nicht nur Diane sie genauestens beobachtete. Bernd sah stolz zu ihr rüber und winkte ihr fröhlich zu, bevor er Bonzo Richtung Außenplatz führte, um auch ihn zu reiten.
Der Unterricht dauerte nur eine halbe Stunde. Doch als Diane sie entließ, schwitzte Christine von Kopf bis zu den heißen Sohlen. Gerade wollte sie absteigen, als Bernd ihr auf Bonzo entgegenkam. „Komm, wir gehen noch etwas ins Gelände. Es ist zwar schon dunkel, aber Vollmond. Du musst Lizzy sowieso trocken reiten und Bonzo liebt diese Nachtritte. Wie geht’s deinem Hintern?“
Christine lachte. „Was interessiert dich mein Hintern? Dem geht’s prima. Probleme kriegt er wahrscheinlich nur, wenn ich es wage abzusteigen oder, schlimmer noch, morgen früh aufstehe. Am besten bleibe ich hier den Rest meines Lebens sitzen. Oder zumindest so lange, bis meine Beine nicht mehr zittern.“
Bernd zeigte sich völlig ungerührt. „Na dann ist ja alles klar, bleib schön hinter mir. Wir haben noch eine gute halbe Stunde, danach ist leider Feierabend. Zum einen müssen wir noch nach London zurück und zum anderen interessiert mich dein Hintern schon genug, als dass ich es unmöglich zulassen kann, dass er zu sehr leidet.“
Damit ritt er voran und Christine folgte ihm. Glücklich, endlich wieder auf einem Pferd zu sitzen und ihre kleinen und großen Probleme hinter sich lassen zu können. Sie wusste, dass Bernd kein Risiko eingehen würde und so konnte sie sich vertrauensvoll treiben lassen.
Dieses Gefühl hatte sie lange vermisst und sie überhörte geflissentlich die leise Frage nach dem Warum in ihrem Hinterkopf.
Und wie es weh tat! Sie konnte einen kleinen Schmerzensschrei nicht unterdrücken, als sie am nächsten Morgen unter der Dusche stand und das Wasser ihren wunden Po herunterlief. Schnell sprang sie aus der Dusche, trocknete sich – vorsichtig – ab und zog den Umständen entsprechend, ein Kleid der engen Hose vor.
Es war doch noch zwei Uhr morgens geworden. Bernd hatte sie um Mitternacht am Hotel abgesetzt, sie aber kurz darauf angerufen und schon wurden alte Reiter- und Erinnerungsgeschichten hervorgekramt. Am Ende tat ihr nicht nur der Po sondern auch der Bauch vor lauter Lachen weh.
Bis zum morgendlichen Meeting war noch etwas Zeit. Also setzte sie sich in einen Sessel und legte die Füße auf dem Bett ab. So konnte sie aus dem Fenster gucken. Eine Angewohnheit, die ihr schon immer beim Nachdenken half.
Die Aussicht aus dem Fenster war durch den morgendlichen Nebel ein wenig getrübt. Sie konnte nur wage die Häuserkonturen auf der anderen Straßenseite erkennen, was ihr jedoch ziemlich egal war. Denn da war Einiges, das in ihrem Kopf herumspukte und worüber sie in Ruhe nachdenken wollte.
Warum war sie eigentlich hier? Michael und sie waren seit drei Jahren verheiratet und wünschten sich nun ein Kind. Bis dahin ganz normal. Die Nachricht, dass Michael zeugungsunfähig ist, war ein Schock, den sie aus freien Stücken zunächst allein ertrug. Nur um seinetwillen hoffte sie, dass er es nicht zu erfahren brauchte. Doch war das tatsächlich realistisch?
Sie nahm ein Kissen in den Arm und lehnte ihren Kopf darauf. Sie vermisste ihn. Sie vermisste sein Nachrücken im Schlaf, wenn er neben ihr lag und sie sich zur Seite gerollt hatte. Sie vermisste seine motivierende und anfeuernde Art, die er bei allen Problemen an den Tag legte.
Was sie jedoch nicht vermisste, war seine Uneinsichtigkeit, wenn er glaubte im Recht zu sein und es doch nicht wahr. Oder dass er ihr selten die Zeit ließ, eine Geschichte bis zum Ende zu erzählen, da er die Antwort schon vorher wusste und diese auch kundtat.
Aber auch das gehörte zu ihm. Genau wie sein Charme, mit dem er alle Frauen betörte.
All das machte ihn zu dem, der er war und den sie liebte.
Und doch saß sie jetzt hier, mit dem Ziel, ihn zu betrügen. Und nicht nur dass, sie wollte ihm sogar noch ein fremdes Kind unterschieben.
‚Ist das eigentlich noch normal?’ Diese Frage pochte in ihrem Hinterkopf, als wenn eine Migräne im Anzug wäre. Doch sie wusste, dass es nur das einschleichende Gefühl eines Unrechtbewusstseins war. Sie schloss die Augen und kreiste mit ihren Fingern über ihre Stirn.
Waren ihre Motive wirklich so uneigennützig? Sie wünschte sich so sehr ein Kind, dass sich bei dem bloßen Gedanken daran sofort Bauchzittern und Herzklopfen einstellten.
Aber wollte sie nur irgendein Kind oder eins von Michael und ihr gemeinsam.
Oder von Bernd?
Vielleicht war sie ja auch nur hier, um zu sehen, ob Bernd noch an ihr interessiert war oder sie an ihm?
Entschlossen schüttelte sie den letzten Gedanken ab. Unfassbar. Das war doch nicht sie! Sie, die jeder für treu und absolut integer hielt. Sie, die immer versuchte, eine ausgewogene Entscheidung in Diskussionsrunden zu treffen, selbst wenn es nicht unbedingt zu ihrem Vorteil war. Sie, die immer versuchte, gerecht und ehrlich gegen sich selbst und andere zu sein. Und ausgerechnet sie sollte jetzt einen Freund ausnutzen, von dem sie in ihrem tiefsten Innern wusste, dass er sie noch liebte. Und nicht nur dass, sie wollte mit ihm ins Bett. Aber dies nicht seiner Gefühle, sondern seines Samens wegen.
Oder, und dieser Gedanke bereitete ihr wirklich Kopfschmerzen, der eigenen Eitelkeit wegen, ob sie ihn noch haben konnte?
Was war sie nur für ein Mensch! Liegt es an den Hormonen, dass sie sich zu solch einem Monster entwickelt?
Zu Hause sitzt ein Ehemann, der ihr vertraut. Und hier der Freund, der seit ihrer Kindheit für sie da war, in seiner ruhigen und abwartenden Art. Der sie vielleicht noch immer liebte, aber nie bedrängte.
Sie erinnerte sich noch gut an eine Situation, sie war ungefähr dreizehn Jahre alt, als sie und Bernd sich küssten. Sie wollten unbedingt ausprobieren, wie sich ein Zungenkuss anfühlt. Sie fand es damals einfach nur eklig, mit all der Spucke und so. Aber als sie Bernds ernstes Gesicht sah mit all seinen kleinen Unreinheiten, die gerade jetzt mitten in seiner Pubertät täglich aufs Neue blühten, wusste sie, dass da mehr war.
Und seitdem war etwas anders. Kaum merkbar, sie waren immer noch Freunde. Aber jetzt kam bei zufälligen Berührungen so ein komisches Gefühl in ihrer Magengegend auf. Und sie versuchte, körperliche Kontakte zu umgehen.
Sie haben sich niemals wieder geküsst.
Drei Jahre später traf sie Michael. Bernd konnte ihn von Anfang an nicht leiden und Michael war ebenfalls nicht begeistert von Bernd, er sah ihn als Nebenbuhler. Damit löste sich der Kontakt zu Bernd immer mehr und nach einer Weile trafen sie sich nur noch zufällig beim Reiten.
Als Bernd sein Architektur-Studium in Aachen begann, musste er die Reiterei aufgeben. Er hatte sich damals seine Reitstunden durch kleinere Jobs finanziert. Aber dann brauchte er das Geld für Lehrbücher, Unterkunft und Lebensmittel. Während dieser Zeit sahen sie sich praktisch gar nicht mehr. Sie war beschäftigt mit ihrer Ausbildung zur Werbekauffrau und dann mit ihrem ersten Job in einer großen Werbeagentur in Düsseldorf. Das bisschen freie Zeit, welches ihr neben den Pferden blieb, gehörte exklusiv Michael.
Und irgendwann verzichtete sie aufs Reiten. Es war sowieso viel zu aufwendig, zusätzlich zur täglichen Fahrerei nach Düsseldorf und zurück auch noch den Weg zum Reitstall in Kauf zu nehmen.
Dann haben Michael und sie geheiratet. Bernd ist nicht zur Hochzeit gekommen, er war schon in London und schickte nur eine Glückwunschkarte.
Immer noch starrte sie durch das Fenster. Langsam lichtete sich ein wenig der Nebel und ein Hauch von Sonne war zu erahnen. Bernds Gesichtsausdruck erschien vor ihrem inneren Auge, als er sie gestern beim Reiten beobachtete. Sie lächelte sanft. Sie hatte sich unter seinen Blicken so unbeschwert gefühlt, wie schon lange nicht mehr.
Seufzend nahm sie ihre müden Beine vom Bett, stand auf und versuchte, den Muskelkater zu ignorieren.
Es war Zeit für das Meeting.
Die nächsten drei Tage schleppten sich träge dahin und die Sonne ließ sich schon gar nicht mehr blicken. Der allseits bekannte Nebel hatte die Innenstadt von London voll im Griff. Alles rannte geschäftig durch die Straßen und auch Christine nutzte die Zeit, sich in den Boutiquen am Covent Garden umzusehen.
Es war wirklich erstaunlich, wie viel Kreativität teilweise in den scheinbar einfachsten Kleidungstücken zu Tage kam. Die allerdings auch bezahlt werden wollte.
Ein Kleid hatte es ihr besonders angetan: ein rotes Abendkleid, die langen Ärmel enganliegend, das Oberteil nur leicht ausgeschnitten, dafür hauteng fasst bis zur Hüfte, in einem Dreieck nach unten auslaufend, von wo aus der Rock weich und endlos wie ein Wasserfall bis auf den Boden fiel. Aber wer braucht schon ein Abendkleid, selbst wenn es wie angegossen saß. Wenn sie nur in die Nähe der Boutique kam, vermeinte sie das Abendkleid zu hören, wie es nach ihr rief ‚komm und hole mich’.
Heute war sie schon früh unterwegs und auf dem Programm stand diesmal der Flohmarkt in der Portobello Road. Wenn ab zehn oder elf Uhr all die anderen Touristen auftauchen würden, waren die wirklichen Schnäppchen schon lange weg. Und sie brauchte dringend ein Geschenk für Michael. Nächster Monat war sein Geburtstag und wenn sie etwas Besonders finden wollte, war hier sicherlich der richtige Ort.
Suchend wanderte sie durch die engen Gänge und ihre Blicke sondierten aufmerksam die vollgeladenen Tische. Viel Silberschmuck, Porzellan und auch einige Stücke aus Elfenbein wurden geboten. Sie entdeckte ein Besteck-Set aus Altsilber, über welches sich ihre Mutter sehr freuen würde. Aber der Preis schreckte sie zurück. Außerdem suchte sie etwas für Michael.
Während sie von einem Stand zum anderen wanderte und den Verkaufsgesprächen lauschte, die hier und da auch recht lautstark geführt wurden, ging sie ihren Zeitplan für die nächsten Tage durch.
Morgen früh geht es endlich los. Ab sechs stehen die Limousinen in den Kensington Gardens bereit und da sie bis spätestens halb zwölf die Parkanlagen wieder verlassen haben müssen, verhieß dies Stress.
Zudem war das der kritischste Teil, denn sie mussten nachmittags bzw. abends alle Aufnahmen sichten und bewerten, da sie für weitere Neuaufnahmen in den Kensington Gardens nur den nächsten Morgen zur Verfügung haben würden. Und selbst das nur unter größten Schwierigkeiten.
Und so würde es weitergehen. Die nächsten Shootings sollten die Fahreigenschaften ins rechte Licht setzen und dafür hatten sie sich auf Südengland, Nähe Winchester geeinigt. Es war noch Vorsaison und somit dürften sie keine größeren Probleme haben, auf Südenglands abseits gelegenen Straßen das Set einzurichten.
Laut Wetterbericht soll ab dem Wochenende ein auffrischender Wind den Nebel Richtung Festland vertreiben und damit eine Schönwetterperiode einläuten. Das würde zeitlich gesehen natürlich traumhaft gut passen. Und wenn nicht, würde sie im Zweifelsfalle lieber ein paar Tage dranhängen, statt Wassertropfen von den Autos retuschieren zu müssen.
Außerdem war übermorgen schon Freitag und für das Wochenende hatte Bernd einen längeren Ausritt inklusive Picknick vorgeschlagen. Also noch ein Grund für Sonnenschein statt Regen. Obwohl, war es nicht Winston Churchill, der das englische Wetter mit den Worten beschrieb ‚Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung’?
„Kann ich Ihnen helfen?“ Eine weibliche Stimme weckte sie aus ihren Gedanken. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie vor einem Stand mit schnörkellosen, auf Hochglanz polierten Holztruhen stehen geblieben war.
„Ich würde mir gerne diese Truhe etwas näher ansehen.“ Die Frau nickte nur und wand sich wieder einer anderen Interessentin zu, die sich offensichtlich nicht zwischen zwei Porzellanschalen entscheiden konnte.
Vorsichtig drehte Christine einen kleinen Schlüssel um und konnte somit die Truhe öffnen bzw. auseinander klappen. Sie verwandelte sich in einen kleinen Tisch-Sekretär mit einem ausgesprochen vielseitigen Innenleben. Eine eingeklappte, in Leder eingefasste Schreibplatte, viele schmale Fächer für Notizzettel, Briefpapier und Umschläge sowie kleinere Schubladen und ein Federhalter waren zu erkennen.
Das ist es, dachte sie und schluckte fast hörbar, als sie den Preis hörte. Sie schaute sich die Truhe nochmals an. Es war genau das, was sie suchte, denn sie liebte es, Gegensätze aufzuzeigen. Und was war gegensätzlicher, als einem überzeugten Computer-Freak ein edles Schreib-Set zu überreichen?
„Hey Angie, wie geht’s? Verkaufst du wieder wurmstichige Antiquitäten an harmlose Touristen?“ Die Frau hinter dem Stand lachte und Christine drehte sich überrascht zu der ihr bekannten Stimme um. Es war tatsächlich Bernd, der gerade geschickt einer Papierkugel ausweichte, die die Standfrau nach ihm warf.
„Mir ging es gut, bis du hier aufgetaucht bist. Willst du mir nur Kunden abspenstig machen oder suchst du auch was?“
Bernd legte den Arm um Christine und drückte sie an sich. „Schau Angie, dies ist wirklich eine meiner ältesten Freundinnen. Wir haben uns schon im Sandkasten gegenseitig mit unseren Gießkannen beworfen und jetzt, nach vielen Jahren, zum ersten Mal wieder gesehen. Kannst du diese Begegnung nicht krönen und ihr einen Freundschafts-Rabatt geben?“
Angie schaute unwillig drein und nahm Christine ein wenig genauer ins Visier „Haben Sie ihn denn auch so richtig vermöbelt, damals mit Ihrer Gießkanne?“
Nun war es an Christines Reihe, laut aufzulachen. „Ich habe mich ordentlich ins Zeug gelegt. Und jedes Mal, wenn er k.o. zu Boden ging, habe ich ihn mit der gleichen Gießkanne und sehr viel besonders kaltem Wasser wieder auferweckt. Aber er ist immer noch so frech wie früher.“
„Das ist er Schätzchen, das ist er. Und außerdem nutzt er meine Gutmütigkeit immer wieder aus. Passen Sie auf, dass er das gleiche nicht mit Ihnen macht. Hier, nehmen Sie die Truhe mit. Ich überlasse sie Ihnen für die Hälfte. Aber wehe“ und sie hob drohend ihren Finger Richtung Bernd „wehe, wenn du das noch mal mit mir probierst. Bei deinem nächsten Besuch werde ich mir alles von dir wiederholen!“ Und damit packte sie mit geübten Fingern die wundervolle Truhe in viele Lagen Zeitungspapier, wickelte eine Schnur um das ganze Paket und reichte es über den Stand zu Christine, die ihr bereits ein Bündel Pfund-Noten entgegenhielt.
„Vielen Dank auch. Ich werde das sehr zu schätzen wissen. Und keine Sorge, wenn ich wieder zu Hause bin, schicke ich Ihnen die besagte Gießkanne per Post zu. Sie ist ein wenig verbeult, tut aber immer noch ihre Dienste.“ Fröhlich lachend verabschiedeten sich Bernd und Christine von Angie, die bereits wieder einen potentiellen Kunden im Visier hatte.
„Welch ein Glück, dass du aufgetaucht bist! Wenn sie im Preis nicht runter gegangen wäre, hätte ich mir die Truhe niemals leisten können. Kennst du Angie schon länger?“
Bernd nickte, nahm Christine das Paket ab und gemeinsam gingen sie zwischen den Reihen Richtung Straße. „Ich treibe mich häufiger auf den Flohmärkten herum und kenne daher die meisten seriösen Anbieter. Das gehört irgendwie auch mit zu meinem Beruf. Heute bin ich allerdings etwas spät dran. Ich musste noch zu einem Kunden, der sich über die Stuckarbeiten in seinem Schlafzimmer beschwert hat, die wir letzte Woche angebracht haben. Da muss noch `mal der Stuckateur dran. Jetzt aber habe ich noch eine halbe Stunde Zeit und brauche dringend einen Kaffee. Wie schaut es mit dir aus, bist du fertig?“
Christine nickte. „Ich bin sowieso pleite. Lass uns besser gehen, bevor ich noch mein Auto verpfänden muss.“
Bernd kannte einen Pub nur einige Fußminuten entfernt. Christine konnte ihn schon von weitem an der ansonsten einheitlich grauen Häusermauer erkennen. Wie bei den meisten Pubs in London war die Außenansicht aufs Wundervollste restauriert. Die Fensterrahmen und das auffällig gemusterte Türholz leuchteten in einem kräftigen Königsblau. Oberhalb des Eingangs hingen eiserne Blumenkübel mit Efeuranken sowie ein geschmiedetes Namensschild „The pirates eye“, in der ein stilisiertes Augenlid durch die Eigenbewegung des Schildes sich beständig schloss und öffnete.
Innen drin gab es viele runde Holztische und Stühle und der Boden war schimmerte noch feucht. Vermutlich war er gerade erst von den Überresten des vorangegangenen Abends gereinigt worden.
Es gab noch nicht viele Gäste, nur zwei Frauen mit einem quer über den Tisch ausgebreiteten Stadtplan und einem Mann, der neben seiner dampfenden Tasse Kaffee einige Zeitungen liegen hatte und in die Financial Times vertieft war. Zwei Kellner an der Theke unterhielten sich angeregt über die neuesten Fußballergebnisse und warfen den beiden einen kurzen Blick zu.
Christine und Bernd suchten sich einen Tisch mit zwei Stühlen direkt am Fenster aus. Es roch noch ein wenig muffig nach Zigaretten und Ale des letzten Abends.
Christine studierte die Karte und entschied sich für einen Schoko-Muffin zu ihrem Milchkaffee. Bernd blieb bei seinem Kaffee ohne alles und bestellte bei dem herbeieilenden Kellner.
„Du hast übrigens einen guten Fang gemacht. Diese Sekretäre sind sehr beliebt. Einige Händler bauen sie nach und trimmen sie dann auf alt und die meisten Touristen merken das natürlich nicht. Oder wenn doch, ist es zu spät. Aber bei Angie kannst du sicher sein, dass das gute Stück mindestens 100 Jahre zählt. Ich kenne sie schon seit Anbeginn meiner Londoner Zeit. Sie ist eine geschäftstüchtige Frau, verheiratet und hat zwei Kinder. Die kommen manchmal nach der Schule auf den Flohmarkt. Ihr Mann ist eigentlich immer unterwegs auf der Suche nach alten Stücken in irgendwelchen Farmen auf dem Lande oder Abbruch-Häusern hier in der Stadt. Hast du es für dich gekauft?“
„Nein, Michael hat nächsten Monat Geburtstag und ich brauchte noch ein Geschenk. Ich hoffe, es gefällt ihm. Er kennt zwar nur seine Computer-Tastatur und ich bin mir gar nicht sicher, ob er noch einen normalen Stift halten kann. Aber es ist wirklich ein wunderbares Teil. Ich konnte nicht daran vorbeigehen.“
Bernd nickte beifällig. „Also ist dein Michael immer noch im Computer-Geschäft.“ Er trank einen Schluck seines Kaffees. „Stell dir vor, auch in unserem Bereich zieht langsam der Computer ein. Wenn ich an all die Baupläne denke, die man dann sicherlich um einiges einfacher und schneller korrigieren könnte. Da wird sich wohl noch einiges tun. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich meine Entwürfe noch auf dem Papier entwickeln kann.“
Christine rührte etwas gedankenverloren in ihrem Milchkaffee und beobachtete Bernd, wie er seinen Stuhl etwas vom Tisch zurückschob, um mehr Platz für seine langen Beine zu haben und aus der Innentasche seiner obligatorischen Lederjacke einen Terminplaner holte. „Ich habe heute Abend zwar noch ein Gespräch mit einem Vertreter, aber das kann ich ziemlich schnell abwickeln. Was hältst du davon, wenn wir gegen acht ins Kino gehen? Ich habe den neuen „James Bond“ noch nicht gesehen. Wie sieht’s mit dir aus?“
Es dauerte einen kleinen Moment, bis Christine begriff, dass Bernd ihr eine Frage gestellt hatte und nun auf ihre Antwort wartete. „Entschuldige, was hattest du gefragt?“
Bernd schaute sie belustigt an. „Wo warst du denn gerade in Gedanken?“ Christine strich mit der linken Hand ihre Haare zurück und stützte ihre Ellbogen auf den Tisch. Dann nahm sie ihre große Tasse in beide Hände und schaute Bernd nachdenklich über den Porzellanrand hinweg in die Augen. „Warum habt ihr euch eigentlich getrennt? Ich meine, du und Jasmin.“
Eine kleine Pause entstand. Bernd schaute auf die Uhr, schlug seinen Terminkalender zu und steckte ihn zurück in seine Jackentasche. Langsam schob er seine Kaffeetasse zur Seite, und beugte sich etwas näher zu Christine. “Das ist nicht so einfach zu beantworten.“ Er hielt kurz inne. „Wir haben uns immer sehr gut verstanden. Ich meine, wir hatten artverwandte Berufe und waren beide auch sehr engagiert darin. Wenn wir Zeit hatten, sind wir aufs Land oder an die Küste gefahren. Wir haben beide ein Faible für alte Farmen und sind manchmal, halb im Morast versunken, in die entlegensten Ecken gestiefelt. Ab und zu ist sie auch mit mir ausgeritten. Das war nicht so ihr Ding, aber egal. Anderthalb Jahre lief alles ganz gut. Dann wurde sie irgendwie unruhig. Ihr Job machte ihr keinen Spaß mehr und sie blieb lieber zu Hause, statt mit unseren Freunden etwas zu unternehmen. Auch unsere Wochenend-Trips waren ihr zu viel. Sie zog sich wie eine Schnecke in ihr Haus zurück.“
Er stockte erneut. „Weißt du, ich erahnte sehr wohl den Grund für diese Veränderungen. Sie hat mir gegenüber nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie eines Tages Kinder haben möchte. Und ich habe ihr nie verschwiegen, dass ich das keinesfalls will. Ich meine, sie liebte mich wirklich und ich sie auch. Aber ich habe meine Meinung zu diesem Thema nicht geändert und werde dies auch niemals tun. Nur wurde damit unsere Beziehung in ihren Augen sinnlos. Es gab keine gemeinsame Zukunft, warum also länger in der Gegenwart zusammen bleiben? Ich hätte mich wie ein Schwein gefühlt, wenn ich sie aufgehalten hätte.“
Bernd seufzte leise und schaute Christine in die Augen. „Du weißt, wie meine Kindheit ausgesehen hat. Der Gedanke, dass ich die Gene meines Vaters in mir trage und eventuell weitergebe … nein, niemals.“ Mit diesen Worten stand er auf und schob seinen Stuhl energisch zur Seite. „Das war meine Geschichte. Mehr gibt es da nicht zu erzählen. Und, gehst du jetzt heute Abend mit mir ins Kino?“
Christine schaute zu ihm hoch, überrascht, wie schnell er diesen Teil seines Lebens abtat. Sie räusperte sich. „Klar, sehr gerne. Können wir uns direkt vor dem Kino treffen? Wir haben heute noch eine Besprechung und ich weiß nicht, wie lange die dauert. Wenn es geht, auch nicht so spät, ich muss morgen früh raus.“
Bernd nickte kurz. „Kein Problem, ich hinterlasse dir im Hotel eine Nachricht, wo und wann wir uns treffen. Sorry, aber ich muss jetzt wirklich los, kannst du für mich zahlen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und marschierte zum Ausgang.
Christine lehnte sich zurück und winkte den Kellner herbei, um sich einen weiteren Milchkaffee zu bestellen. Sie würde Bernd so gerne helfen, wusste aber einfach nicht wie. Es war immer wieder erschreckend, was Erwachsene ihren eigenen Kindern alles antun können. Ignoranz war genauso schlimm wie Schläge, nur dass man die dadurch entstandenen Wunden nicht sofort sehen konnte.
Sie fühlte so sehr mit ihm, dass es fast schmerzte.
Nach dem Kino ergab sich keine Gelegenheit zu einem weiteren persönlichen Gespräch. Bernd hatte noch ein paar Freunde eingeladen und nach dem Film wurde, fast nur die erstaunlichen Special Effekts und Stunts erörtert.
In den nächsten Tagen kam Christine kaum zum Atmen, geschweige denn zum Nachdenken. Die Aufnahmen waren voll im Gange und erstaunlicherweise klappte alles auf Anhieb. Selbst die Sonne erschien pünktlich zu den Shootings und lockerte für eine Weile die ansonsten dichte Wolkendecke auf.
Bis auf die üblichen Schwierigkeiten, so zum Beispiel fehlende Generatoren für die Stromzufuhr im Park, Spaziergänger, die trotz Absperrung durch die Aufnahmen liefen und ein paar Ausleuchtungslampen, die leider das Zeitliche segnete, als einer der Fahrer beim Rangieren mit dem Auto rückwärts setzte.
Doch am späten Ende des zweiten Tages schienen alle zufrieden und die Wagen konnten unbeschädigt auf den Laster verfrachtet werden. Sonntagabend würden sie in der Nähe von Winchester auf Christine und das ganze Team warten. Dann noch zwei, drei Tage und bye, bye London.
Christine war gar nicht unglücklich darüber, nächste Woche wieder zurück nach Hause zu fahren. Die ganze Situation hier überforderte sie gefühlsmäßig. Welches Hormon sie auch immer gepikst haben musste, um auf diese schwachsinnige Idee gekommen zu sein, die Realität hatte sie eingeholt.
Sie musste mit Michael reden.
Es war sein Recht zu erfahren, dass er zeugungsunfähig ist. Und es war ihr Recht, den Wunsch nach einem Kind aufrecht zu erhalten und alternative Vorschläge in Betracht zu ziehen. Vielleicht stimmte er doch einer Adoption zu. Andererseits, der Wunsch nach einem Kind sollte die Krönung und nicht der Inhalt einer Beziehung sein.
Sie seufzte. Mit Michael darüber zu reden, wird nicht einfach werden. Ohne es sich wirklich einzugestehen, wurde ihr Leben in den letzten Jahren sehr durch den Kinderwunsch geprägt. Selbst ihre anfangs unbändige Lust aufeinander, die Qual, nicht nebeneinander sitzen zu können, ohne sich zu berühren, verschwand langsam hinter der Tabelle ihrer morgendlichen Temperaturwerte, um den fruchtbarsten Tag ihres Zyklus herauszufinden.
Und dann stellte sich heraus, dass es gar nicht an ihr, sondern an der Unbeweglichkeit von Michaels Spermien lag. Wie würde er das aufnehmen? Sie konnte es nicht einschätzen. Und, fragte sie sich nicht zum ersten Male, wie wird sie selbst damit umgehen können?
Sie hatte unsinnigerweise gehofft, nach London zu fahren und eine einfache Lösung für ein schweres Problem zu finden. Und nun stellte sich heraus, dass diese Lösung nicht mal im Ansatz so einfach war, wie sie es sich erdacht hatte.
Zumindest aber, und dieser Gedanke tröstete Christine ungemein, hatte sie ihren alten Freund wiedergefunden. Und sie würde das Band zwischen ihnen so fest knoten, dass es sich niemals wieder lösen könnte.
Es war sieben Uhr früh und der Nachrichtensprecher im Radio versprach für das Wochenende frühsommerliche Temperaturen. Und, wie um es zu bestätigen, fielen die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster und malten zusammen mit der Gardine ein bewegtes Muster auf Christines Bettdecke. Noch unentschlossen kroch Christine aus dem Bett, von dem aus sie die ganze Zeit auf den offenen Kleiderschrank gestarrt hatte.
Was sollte sie nur einpacken? Viel mitnehmen konnte sie nicht. Einen Slip zum Wechseln, ein warmer Pullover und eine Leggins, falls es doch regnete und die Reithose, die Bernd ihr besorgt hatte, nass wurde. Für morgen wird ein T-Shirt reichen, wenn das mit den frühsommerlichen Temperaturen stimmt. Zur Not hatte sie noch eine Weste sowie eine leichte Regenjacke. Mehr war nicht drin, sie wollte ihren Rucksack nicht schwerer als nötig machen, sonst verwandelt er beim Trab oder Galopp ihren Rücken in eine Trommel. Und die großen Sattelpacktaschen waren für Pferdesachen reserviert, also Halfter, Stricke und wohl einiges mehr.
Sie wollten an Winchester vorbei bis zur Küste, dort irgendwo übernachten und am nächsten Morgen wieder zurück bis kurz vor Winchester, damit Christine dann am Nachmittag mit ihrer Crew zusammentreffen konnte. Eine Tasche mit normaler Kleidung hatte sie ihnen bereits mitgegeben, der Rest würde hier im Hotel bleiben.
Bernd wollte tatsächlich allein zurückreiten, mit Lizzy als Packpferd. Dann natürlich eine weitaus kürzere Strecke.
Für heute war die komplette Sight-Seeing-Tour geplant und Christine war sich klar darüber, dass es ein langer Tag werden würde. In einer halben Stunde wird Bernd unten in der Halle auf sie warten, damit sie noch vor dem großen Wochenendstau aus London herauskamen. Dann die Pferde putzen und satteln und nichts wie los. Bernd hatte versprochen, alle zwei Stunden eine Pause für die Beine einzulegen, damit Christine am Ende des Tages nicht vor lauter Schwäche vom Pferd fällt. Sie dachte auch bereits mit etwas Sorge an ihren Allerwertesten, freute sich aber unbändig auf diesen Tag, der versprach, einfach perfekt zu werden.
Sonne, Pferd, frische Luft – was will man mehr?
Entschlossen strich sie alle Gedanken über Kinder, Ehemänner und sonstige Probleme weg, schnappte sich ihren Rucksack, sprang leise singend die Treppenstufen bis zum Erdgeschoss runter und ging freudestrahlend auf Bernd zu, der gerade das Drehkreuz in die Hotelhalle passierte.
Der Wald öffnete sich vor ihnen und Christine genoss den Blick über viele Felder, die nur durch Hollyhecken getrennt waren, mit denen die Farmer ihre Felder vor der Zerstörung durch Hirsche und andere Waldtiere schützten.
Sie waren bereits einige Stunden unterwegs und wollten diese schöne Aussicht für eine Kaffeepause nutzen.
Etwas steif vom langen Sitzen schwang Christine ihr rechtes Bein über den Sattel und seufzte vor, als sie auf dem Boden landete. Sie tauschte das Zaumzeug rasch gegen ein Halfter und band den langen Strick an einem Baum fest. Dann löste sie den Sattelgurt und befreite Lizzy vom Sattel, die wohlig ihren Hals streckte und friedlich begann, das saftige Gras samt Wiesenblumen zu fressen.
Bernd hatte seinen Sattel samt Zaumzeug bereits abgelegt und holte zwei Tassen und eine Thermoskanne aus einer seiner Packtaschen. Breitbeinig setzte er sich auf einen umgefallenen Baumstamm.
„Na, wie fühlt’s du dich?“ fragte er mit einem leicht hämischen Grinsen und bot Christine eine Tasse mit dampfenden Kaffee an. Christine verzog das Gesicht zu einer Grimasse und ließ sich vorsichtig neben Bernd nieder.
„Eigentlich prima. Morgen werde ich mit Krücken und einem an meinem Hinterteil festgebundenen Kissen zwar etwas seltsam aussehen, aber“ und damit holte sie tief Luft und versuchte, mit ihren Armen die ganze Umgebung einzufangen „für diesen Ritt und diese Aussicht würde ich noch sehr viel mehr in Kauf nehmen. Bernd, es ist einfach wunderbar. Unbeschreiblich. Ich hätte nie geglaubt, dass um London herum so viel Grün zu sehen ist. Wo sind eigentlich die ganzen Straßen hin?“
„Keine Sorge, die eine oder andere werden wir noch passieren müssen. Aber so schlimm wird es nicht werden. Wir sind jetzt auf Höhe Basingstoke und ohne Pause bräuchten wir noch zirka vier Stunden. Aber wir sind praktisch schon in Südengland und haben mehr als genug Zeit. Ich wäre nur gerne vor dem Dunkelwerden in Farley Mount, damit du diese einfach umwerfende Aussicht noch richtig genießen kannst. Es lohnt sich wirklich.“
Christine bückte sich nach der Thermoskanne, schüttete sich selbst nach und ließ sie auffordernd über Bernds leerer Tasse schweben. „Bist du schon oft hier gewesen?“
„Vielleicht sechs oder sieben Mal.“ antwortete Bernd und ließ sich gerne etwas Kaffee nachschütten. „Das erste Mal mit Jasmin, allerdings nicht geritten, sondern ganz konventionell mit Auto und Wanderschuhen. Ich mag die Gegend. Hier läuft die Zeit etwas langsamer und das brauche ich einfach ab und zu zur Entspannung. Jedenfalls habe ich damals auf dem Berg ein kleines Denkmal entdeckt. Es erinnert an einen Reiter, der auf einer Fuchsjagd acht Meter tief in den Abgrund gestürzt ist und überlebt hat. Ich habe mich in aller Ruhe umgesehen und mich gefragt, welche Strecken er bis zu diesem Punkt geritten ist und ob man es von London aus schaffen könnte, hierhin zu reiten. Damit war die Idee geboren. Ich habe mit Diane eine Strecke ausgearbeitet und bin dann mit Lizzy los. Natürlich habe ich mich ein paarmal verritten. Aber ich konnte mich durchfragen. Und einige der hier lebenden Farmer haben mir Wege verraten, die du nirgends niedergeschrieben findest. Seitdem kenne ich auch Ian.“
Christine hob fragend den Kopf „Ian? Sollte ich den kennen?“
„Noch nicht, aber bald. Er hat den Hof seines Vaters übernommen und lebt jetzt allein hier. Seine Frau wollte nicht mit aufs Land ziehen. Das wäre viel zu viel Arbeit und zu einsam. Also ist sie mit den Kindern in der Stadt geblieben. Ich glaube, dass hat Ian damals schwer getroffen. Er ist seitdem wohl ein wenig einsilbig. Aber ich mag ihn. Als ich das zweite Mal die Strecke abritt, habe ich ihn auf seiner Farm besucht und nach ein paar Gläsern dann auch notgedrungen übernachtet. Tja, und irgendwie bringe ich es seitdem nicht mehr übers Herz, an ihm vorbeizureiten, ohne ein paar ganz spezielle Mitbringsel als eine Art Tribut dazulassen.“
Und damit deutete Bernd auf die Satteltasche, die ausgesprochen prall unter Bonzos Sattel hervorschaute. „Ungefähr in einer Stunde kommen wir an seinem Hof vorbei und können dort eine Kleinigkeit essen.“
„Falls ich überhaupt wieder aufs Pferd draufkomme“ stöhnte Christine und rutschte langsam vom Baumstamm runter ins kühle Gras. „Wenn ich einmal oben bin, steige ich nie wieder ab. Vielleicht kann ich ja auf Lizzy in die gute Stube von Ian reiten.“
Bernd lachte und stand auf. „Bleib mal liegen, ich mach’ die Pferde fertig und dann geht’s weiter. Im Zweifelsfall kann ich dich immer noch am Sattel festbinden.“ Damit schüttete er den Rest Kaffee in einen Busch und sammelte Tassen und Thermoskanne ein.
Entspannt lehnte Christine ihren Kopf an den Baumstamm und beobachtete ein paar Vögel, die oben am Himmel kreisten. Ob das Bussarde waren, die eine Maus entdeckt haben? Die Sonne blendete und sie schloss für einen kurzen Moment die Augen. Irgendwo summten ein paar Bienen auf der Suche nach Nektar und in der Ferne bellte ein Hund. Sie konnte frisch gemähtes Gras riechen, dessen Geruch sich wunderbar mit dem des leicht modrigen Waldbodens vermengte.
Sie hörte Bernd Bonzo satteln und wie er verschiedene Sachen zusammentrug. Durch ihre halb geschlossenen Lider beobachtete sie ihn.
Er sah gut aus. Seine Haut hatte selbst hier in England nichts von der leichten Dauersonnenbräune verloren, die er sich bereits in frühester Jugend durch das ständige Reiten zugelegt hatte. Seine Bewegungen waren geschmeidig und verrieten die langjährige Routine. Er war noch keine dreißig, hatte aber bereits erste Lachfalten um seine Augen. Schon komisch, dass sie sich in all den Jahren nie in ihn verliebt hatte.
Wieder schloss sie die Augen und ließ die langen Jahre ihrer Freundschaft Revue passieren. Es gab kein großes Auf und Ab, es war eher wie das sanfte Bootsschaukeln auf einer ruhigen See. Jetzt, nach fast vier Jahren des Nicht-Sehens, merkte sie erst, wie sehr er ihr doch gefehlt hatte. Irgendwie hatte sie nach Bernd keinen Menschen gefunden, mit Ausnahme ihrer Schwester vielleicht, mit dem sie einfach abhängen konnte. Über alles und nichts reden. Oder gar nicht reden und sich trotzdem wohl fühlen. So wie jetzt.
Und wie sehr hatte sie das Reiten vermisst! Jeder schmerzende Muskel in ihrem Körper erinnerte sie an Erlebnisse bei Ritten durch Wälder, kleine Triumphe auf dem Dressurplatz, der erste Sturz an einem Hindernis und vieles mehr.
Auf jeden Fall würde sie zu Hause wieder reiten. Michael musste sich damit abfinden. Wer weiß, vielleicht konnte sie ihn ja doch überzeugen, Reiten zu lernen. Sie musste lachen, als sie vor ihrem geistigen Auge Michael auf einem Pferd sitzen saß, einen Minicomputer am Sattel festgebunden und tippend einen Zirkel reitend.
„Hoch mit dir, alles ist bereit und wartet auf dich.“ Bernds Stimme holte Christine aus ihren Träumen. Vorsichtig stemmte sie sich mit ihren Armen vom Boden hoch und streckte dann ihren ganzen Körper. Sie war bereit. Aus ganzem Herzen lächelte sie Bernd zu und machte sich daran, wieder aufzusteigen.
Sie ritten ein längeres Stück durch den Wald und genossen die Ruhe, die wie eine Glocke über den Bäumen hing und nur ab und zu ein leises Brummen der nahen Autostraße durchließ. Die Luft war geschwängert mit Gerüchen nach feuchtem Waldboden, modernden Ästen und verschiedenen blühenden Gräsern, über denen unzählige Insekten summten und zirpten.
Sie gingen im Schritt nebeneinanderher und Christine wollte gerade nach einem flotteren Trab fragen, als Bernd die Hand hob und anhielt. Und da sah sie es auch.
Vorne auf dem schmalen Pfad stand mitten in der Sonne ein Reh mit ihrem Kitz. Das Kitz schien noch recht jung zu sein, es sah tatsächlich noch ein wenig wackelig auf seinen dünnen Beinen aus. Die beiden ließen sich nicht durch die Pferde und deren Reiter stören. Vielleicht stand der Wind günstig, vielleicht überdeckt der Eigengeruch der Pferde den des Menschen. Wie auch immer. Das Muttertier ging langsam um das Kitz herum, stupste es ein wenig an der Schulter und ging tiefer in den Wald. Das Kitz drehte sich einmal um sich selbst und sprang dann auf seinen filigranen Beinen der Mutter hinterher.
„Schön, nicht? Du triffst hier öfters auf Rehe“ klärte Bernd Christine auf. „Du musst nur vorsichtig sein, wenn sie plötzlich vor dir über den Weg springen und direkt wieder verschwinden. Die Pferde können sich dabei ordentlich erschrecken. Also nicht vergessen: Beine ran. Sonst landest du schneller auf deinem süßen Hintern als dir lieb ist.“
Mit einem schelmischen Blick auf Christines verlängerten Rücken trieb er Bonzo wieder im Schritt an. „Was hältst du von einem Galopp? Hinter der nächsten Biegung kommt eine schöne Strecke, wunderbar leicht ansteigend. Sie hat einige Kurven, aber ganz sanft. Wir können bestimmt zehn Minuten am Stück galoppieren. Ich gebe dir Handzeichen, wenn du durchparieren sollst. Denk daran, wenn wir aus dem Wald herauskommen, triffst du wieder auf einige dieser Hollyhecken. Falls du also nicht springen willst, bleibst du besser hinter mir.“
Christine nickte begeistert. „Okay, ein bisschen frische Luft um die Ohren käme mir gelegen. Und so einen kleinen Sprung nehme ich zur Not auch noch mit. Ich bin durch nichts mehr zu erschüttern und bleib einfach hinter dir.“
„Prima, dann ist ja alles klar“ und ohne ein weiteres Wort gab Bernd Bonzo das Zeichen zum Angaloppieren und war bereits um die nächste Kurve verschwunden, bevor Christine den Mund wieder schließen konnte. „Nicht mit uns. Los, Lizzy, zeig was du kannst.“ Und damit drückte sie dem Tier die Beine in die Seiten und stürmte mit einem Juchzer hinter Bernd her.
Bonzo war schnell, aber auch Lizzy fand Spaß an der Raserei und gab ihr Bestes. Christine hatte gerade aufgeholt und konnte sich ein „Platz da“ nicht verkneifen.
Bernds vom Wind gerötetes Gesicht dreht sich lachend zu ihr um. Dann parierte er jedoch durch zum Schritt und Christine tat es ihm gleich. „Hey, das war klasse. Warum halten wir schon an?“
„Schon? Du solltest mir dankbar sein oder wolltest du hier wirklich in dem Tempo weiterreiten?“ und Bernd zeigte mit dem Arm nach vorne. Wie von ihm vorausgesagt, blickte Christine auf eine wunderschöne Feldwirtschaft, die direkt an diesen Wald anschloss. Und dann sah sie das stark abschüssige Gelände, welches zirka alle fünfzig Meter durch die typisch englischen Hollyhecken mit einer jeweiligen Höhe von schätzungsweise anderthalb Metern unterteilt waren.
„Du hast Recht, das hebe ich mir besser für das nächste Mal auf.“ Dann entdeckte sie ein Farmhaus, halb hinter einem Hügel rechter Hand verdeckt. „Ist das Ians Haus?“
Bernd nickte. „Komm, ich habe Hunger und Durst. So wie ich ihn kenne, kocht irgendeine Suppe auf seinem Herd.“
Und dem war auch so. Als Christine und Bernd das Farmhaus erreichten, stand Ian bereits vor seiner niedrigen Eingangstür. Das Haus war rundherum mit dunkelrot gebrannten Steinen verklinkert. An den Fenstern hingen einige Gardinen in schwungvollen Bögen herab und in der Mitte konnte man vereinzelt Blumen erkennen, die jedoch alle ein wenig traurig die Köpfe hängen ließen. Vor der Tür, auf einem ausgemusterten Teppich standen mehrere Stiefel, einige davon so stark mit Schlamm verkrustet, dass man die ursprüngliche Farbe nur erahnen konnte.
Ian selbst trug eine ausgewaschene Jeans, deren Po fast bis zum Knie herabhing. „Tausend Dank an den Erfinder von Hosenträgern“, dachte Christine, die bemerkte, dass an der Jeans unterhalb des etwas voluminösen Bauches der entscheidende Knopf fehlte. Ansonsten trug Ian ein ehemals wohl blaues T-Shirt, welches durch den buntkarierten Hemdkragen hervorschaute. Den Abschluss bildeten ein paar grobe Wanderstiefel, ebenfalls schlammverkrustet, sowie eine dicke, braune Fellweste.
Das Gesicht bestand fast nur aus Bart. In der oberen Hälfte entdeckte Christine ein paar warmherzige, braune Augen. Und in der unteren Hälfte schimmerten ein paar lächelnde Zähne durch, als Ian zur Begrüßung auf Bernd zuging. „Na, altes Haus“ und klopfte Bernd leicht auf die Schulter. „Hast dich lange nicht mehr blicken lassen. Warst wohl anderweitig zu sehr beschäftigt.“ Ein kurzer, aber intensiver Seitenblick streifte Christine und ließ keinen Zweifel erkennen, dass nach Ians Meinung wohl nur sie als Grund für Bernds längere Abwesenheit in Frage käme. Christine, die gerade ein wenig schwerfällig von ihrem Pferd abstieg, blieb diese Zwiesprache nicht verborgen, konnte aber nur über den Sattelrand hinweg lächeln.
Ian hatte wohl auch keine erwartet und sprach schon weiter. „Jetzt kommt erst mal rein. Da ist `ne gute Suppe auf’m Herd und was zu trinken find ich auch noch für euch. Und lasst die Sättel drauf. Ich hab’ jetzt `ne Hilfe.“ Damit drehte sich Ian Richtung Scheune an der Rückseite des Hauses und ließ ein tiefes, aber dafür um so lauteres „Joseph!!“ los, so dass die Pferde erschrocken die Köpfe in die Höhe warfen.
Fast sofort kam ein junger, stämmiger Mann um die Ecke, dessen Gummistiefeln sogar bis zum Oberschenkel reichten. Offensichtlich kam er aus dem Stall, denn außer einigen Strohfäden im Haar konnte Christine auch welche an der Hose ausmachen.
„Joseph, sattele die Pferde ab und bring sie auf die Weide mit der Tränke. Die Sättel kannste im Stall auf’n Rick werfen.“ Joseph nickte nur, übernahm die Zügel der beiden Tiere und stiefelte los. Im letzten Moment holte Bernd aus der Satteltasche einen Beutel, deren Klang von aneinanderstoßendem Glas ein erwartungsvolles Grinsen auf Ians Gesicht zauberte. „Kommt rein, Kinders. Der Tisch ist gedeckt.“
Innen drin war es karg eingerichtet. Sie kamen direkt in die Wohnstube, die zu einem guten Drittel von einem großen, grün gefliesten Kachelofen gefüllt wurde. Daneben stand ein großer Korb mit Brennholz und ein Stapel alter Zeitungen. Auf der Sitzfläche selbst waren verschiedene Zeitschriften auszumachen, die offensichtlich alle mit Landwirtschaft zu tun hatten, da die Titelseite nicht von mehr oder weniger offenherzigen Frauen, sondern von irgendwelchen Maschinen beherrscht wurden, die Christine an überdimensionale Mähdrescher oder ähnliches erinnerte. In der Nähe des Kachelofens befand sich auch ein alter Bauerntisch mit zwei Bänken an den Längsseiten und einem thronartigen Stuhl am Kopfende.
Ian ging direkt daran, den Tisch mit ein paar weißen, leicht angeschlagenen Suppentellern sowie drei dickbäuchigen Gläsern zu decken. Ein Korb mit Brot, Messern und Löffeln stand schon auf dem Tisch.
Bernd stellte Christine vor. „Ian, das ist meine älteste Freundin Christine aus Deutschland. Sie ist nur ein paar Tage hier und wollte unbedingt was von der frischen Luft hier draußen bei dir abhaben. Also habe ich sie mit hierhergebracht.“
Christine schüttelte Ian die Hand, der ihr tief in die Augen blickte. „Freut mich, Sie kennen zu lernen, Mr. …?“
„Nix da, ich bin kein Mister, ich bin einfach Ian. Also, Bernd, wenn das deine älteste Freundin ist, machen die anderen wohl noch die Windeln nass, oder wie? Und wieso versteckst du so was in Deutschland? Glaubst wohl, wir Engländer wissen nix Gutes zu schätzen, stimmts?“ Mit diesen Worten bugsierte er Christine auf die Bank und verteilte Teller, Gläser und Löffel. Dann holte er die Suppe vom Herd und stellte den heißen Topf einfach auf den Tisch, dessen dunkle Ringe in der Holzplatte davon zeugten, dass dies in diesem Hause wohl so üblich war.
Gleichzeitig verstrickte er Bernd in ein Gespräch über die neuesten Nachrichten aus dem Königshaus und dass die Queen Mum jetzt bald ihren 75. Geburtstag feiert.
Wie so viele Engländer war auch er sehr stolz auf die lange Tradition der britischen Monarchie und verfolgte alle Neuigkeiten wie persönliche Geschehnisse aus seiner eigenen Familie. Christine war überrascht, wie sehr Bernd auf dem Laufenden war und nahm sich fest vor, ihn bei nächster Gelegenheit damit aufzuziehen.
„Und du, kleine Lady“ sprach Ian nun Christine an, die sich fast den Mund an der wirklich schmackhaften, aber ausgesprochen heißen Suppe, verbrannte. „Du lässt dir also von Bernd das wunderschöne England zeigen. Gute Idee. Glaub mir, solche Wälder wirst du sonst nirgendwo finden. Die haben hier noch ein Eigenleben. Pass gut auf, heute nacht! Sie verraten nicht leichtfertig ihre Geheimnisse. Bernd kann dich auf eine Lichtung mit vielen Wiesenblumen bringen. Je mehr desto besser. Gerade jetzt im Juni, kurz vor Sonnenuntergang, wenn die Sonne nur noch einen ganz schmalen, zerfransten Streifen auf die Erde wirft, dann sind sie unterwegs.“ Ian machte eine Pause, um einen weiteren Löffel Suppe zu essen.
Christine hörte etwas verwundert, aber doch voller Neugier zu. „Wer ist dann unterwegs?“ fragte sie schließlich und brachte Ian dazu, weiter zu reden.
Zunächst nahm er sich aber noch ein Stück Brot aus dem Korb und kaute es genüsslich. „Die Elfen natürlich. Was hast du denn gedacht? Aber keine Sorge, sie tun dir nichts. Ich habe zwar schon von einigen hübschen Mädchen gehört, die nach ihnen gesucht haben, um ihnen die besagte Frage zu stellen. Und auf der Suche nach ihnen sich dann immer tiefer im Wald verirrten und nicht mehr herauskamen. Aber, ich glaube nicht, dass denen was passiert ist. Wahrscheinlich sind sie vom Anblick der Elfen so verzaubert worden, dass sie all ihre Fragen vergaßen, ihnen folgten und einfach nicht zurückkamen. Obwohl manche ja behaupten, dass einige so verzweifelt über die Antwort der Elfen seien, dass sie weitergelaufen sind bis zur Küste, nur um sich dort ins Meer zu stürzen.“
Christine lächelte verschmitzt und beugte sich gespannt über ihren Teller zu Ian herüber. „Was haben die Mädchen denn wissen wollen?“ Ian schob seinen leeren Teller zur Seite und griff hinter sich zur Fensterbank, auf der eine langstielige, braune Pfeife und ein Tabaksbeutel lagen. Er stopfte sie sorgsam und bedächtig, wie ein lang eingeübtes Ritual. Dann nahm er das Mundstück zwischen die Lippen und zog genüsslich an der Pfeife, bis diese lustige, kleine Wölkchen von sich gab.
Mit einem ernsten Lächeln um die Augen, so dass Christine nicht wusste, ob er nun selbst an die Geschichte glaubte oder nicht, sah er sie an. „Na, was alle Mädchen wissen wollen. Ob sie einen Liebsten finden werden, der ihnen treu bleiben wird, für den Rest ihres Lebens.“
Jetzt konnte Christine ihr Lachen nicht mehr zurückhalten. „Na, ich denke, ich bin aus dem Alter schon raus, in dem ich Elfen danach frage, ob ich den Richtigen gefunden habe“.
Ian sog an seiner Pfeife und legte sie vorsichtig in der Mitte des Tisches ab. „Ich wär’ mir da nicht so sicher. Weißt du, ich war mit meiner Frau 15 Jahre verheiratet und es war keine schlechte Ehe. Dann hab’ ich hier das Haus von meinen Eltern geerbt. Ich mein’, ich bin hier geboren und aufgewachsen. Mein Vater hat sein ganzes Leben für dieses Land geschuftet, damit es meine Mutter und mich ernährt. Das konnte ich doch nicht verkommen lassen. Das wäre Verrat an meinem Vater gewesen. Meine Frau hat das nicht verstanden. Sie ist mit den Kindern in der Stadt geblieben und hat mich einfach vergessen.“ Er nahm die Pfeife wieder vom Tisch und entzündete sie erneut.
Christine warf einen verstohlenen Blick zu Bernd hinüber, der die ganze Zeit still am anderen Tischende gesessen hatte. Ihr war klar, dass Ian jetzt in Gedanken an seine Frau und Kinder verloren war und wusste nicht, wie sie reagieren sollte.
Bernd blinzelte ihr zu und schob seinen Stuhl zurück. „Also, Ian. Ich stimm dir zu. Ich find auch, Christine sollte sich im Wald genauestens umschauen. Schadet bestimmt nicht. Aber du hast das Wichtigste vergessen …“ Und damit zauberte er zwei Flaschen schottischen Malt Whiskey aus dem Beutel und stellte sie mitten auf den Tisch. „Vielleicht findet sie ja die Elfen. Und vielleicht kommt sie sogar so nahe dran, dass sie sie fragen kann. Aber ohne dieses einzigartige, wunderbar gebrannte Wahrheitselixier wird sie niemals die Antwort verstehen.“
Ian schaute mit wiedererwachenden Augen auf die Flaschen und ein verschmitztes Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück. „Da hast du Recht, mein Junge. Also schenk schon mal ein.“ Und Christine stimmte befreit in das aufbrausende Lachen von Ian mit ein.
Es war bereits später Nachmittag und die Sonne schien nicht mehr ganz so warm vom Himmel, als sie sich von Ian verabschiedeten. Joseph hatte die Pferde fertig gesattelt vor die Haustür geführt.
Christine verabschiedete sich von Ian mit einer dicken Umarmung und nahm das kratzige Gefühl seiner Barthaare gern in Kauf. „Vielen Dank für die Suppe. Und ich verspreche dir, wenn ich die Elfen heute Abend zu Gesicht bekomme, werde ich sie fragen. Und dann komme ich wieder bei dir vorbei und werd dir alles erzählen.“
Ian hielt sie ein wenig von sich weg, um ihr Gesicht genauer sehen zu können. „Weißt du, Christine, ich bin vielleicht ein alter, seltsamer Mann, aber ich bin nicht blind. Und in der Ruhe der geschützten Dunkelheit des Waldes kommt jeder zum Nachdenken und findet dann ein paar Antworten. Vielleicht auch du. Denk’ darüber nach.“ Ohne eine weitere Erklärung ging er rüber zu Bernd, der bereits auf Bonzo saß, und drückte ihm zum Abschied die Hand.
„Danke Ian, ich lass’ von mir hören“. Und damit ritt er Christine voran, wieder Richtung Wald.
Es war noch warm genug, beide hatten ihre Regenmäntel zusammengerollt am Sattel festgebunden. Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Fluge und das abwechslungsreiche Gelände nahm Christines ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Mal im Trab oder im Galopp. Mit vielen Windungen, Matschlöchern, umgefallenen Baumstämmen oder Wegkreuzungen, an denen auch schon mal ein Traktor auftauchte. Der Wind blies sanft gegen ihre Gesichter und Christine fühlte sich so leicht und beschwingt, dass sie am liebsten gesungen hätte.
Langsam versank die Sonne über den Baumwipfeln und im Schatten der Bäume wurde es ein wenig frischer. Die Pferde gingen am langen Zügel nebeneinander Schritt und Christine zog den Reißverschluss ihrer Weste hoch. Bernd tat es ihr nach.
„Wie lange reiten wir noch, bis wir da sind?“ Bernd überlegte kurz. „Tja, wir haben uns bei Ian ein wenig verquatscht. Lag wohl am Whiskey. Wenn wir heute noch tatsächlich zum Farley Mount wollen, sind wir nicht vor zehn Uhr in Bishop Waltham . Dort gibt es am Ortsrand ein kleines Gasthaus, in dem man auch Pferde unterstellen kann. Vielleicht sollten wir erst morgen nach Farley Mount. Wenn wir ganz früh los reiten, können wir in Ruhe die Aussicht genießen und haben immer noch genug Zeit, rechtzeitig bis nach Winchester zu kommen. Was hältst du davon?“
Christine überlegte kurz. Ihr Blick schweifte träumerisch durch den Wald und blieb auf der Lichtung vor ihnen liegen, die in den letzten Sonnenstrahlen erblühte. „Um ehrlich zu sein, ich hätte da eine ganz andere Idee. Hast du nicht so ein Notzelt dabei?“ Sie drehte ihren Kopf zu Bernd und hob dabei ihren Po ein wenig, um ihn unauffällig zu entlasten. Auf ihrem Gesicht lag ein verschmitztes Lächeln und sie schob eine Haarsträhne zur Seite, die trotz des Helmes in ihr Gesicht gefallen war.
Bernd stöhnte. „Oh nein, willst du etwa behaupten, dass du lieber in ein kleines Zelt kriechen willst, ohne Abendessen, aber dafür morgens kalten Kaffee statt ein warmes Federbett zum Reinkuscheln oder heißes Wasser aus der Dusche?“
Christine zog einen Schmollmund, der das unternehmungslustige Lächeln in ihren Augen nur unterstrich. „Och, bitte, bitte. Wir haben noch Brot und geräucherte Würstchen. Und ich habe eine gute Flasche Rotwein dabei, die mir Ian beim Abschied zugesteckt hat. Außerdem“ und damit stellte sie sich wieder in den Steigbügeln auf, um den Druck von ihrem schmerzenden Po zumindest kurzfristig zu nehmen „außerdem stelle ich es mir gar nicht so schön vor, in einer kleinen Dusche Wasser über meinen Hintern laufen zu lassen. Ich bin sicher, dass brennt höllisch. Komm Bernd, so wie in den alten Tagen. Und – sei doch mal ehrlich, wer will morgens schon warmen Kaffee, wenn er alternativ von der Sonne wachgeküsst werden kann? Und dann habe ich heute Nacht noch eine Verabredung …“
„Was denn für eine Verabredung?“
„Na, ich hab Ian doch versprochen, mit den Elfen zu reden.“
Belustigt gab Bernd auf. „Also gut. Ich weiß zwar nicht, ob dir die frische Waldluft oder der gute Whiskey zu Kopf gestiegen ist, aber dein Wunsch sei mir Befehl. Ich habe noch eine Decke dabei, auf die können wir uns legen. Und die Regenmäntel dürften für heute Nacht zum Zudecken auch reichen. Ich denke nicht, dass es noch sehr kalt wird.“
Immer noch kopfschüttelnd und lachend ritt Bernd voran, und hielt genau auf die Lichtung zu.
Innerhalb von Minuten hatten sie beide Tiere abgesattelt und Bernd fing an, ein dünnes aber ausgesprochen langes Seil an einigen Bäume zu befestigen, die jemand extra zum Zwecke einer Not-Weide angepflanzt zu haben schien.
Lizzy und Bonzo nahmen diese auch freudig in Beschlag, wälzten sich voller Begeisterung den verschwitzten Rücken, um gleich anschließend das saftige Gras und die guten Waldblumen zu verspeisen. Ab und zu verscheuchten ihre Schweife ein paar neugierige Fliegen.
Bernd begann mit dem Aufbau des Iglu-Zeltes. In der Zwischenzeit kroch Christine durch das Unterholz am Rande der Lichtung, um Holz für ein abendliches Lagefeuer zu sammeln.
„Ich hab’ ganz in der Nähe einen kleinen Bach entdeckt. Können die Pferde da nicht trinken?“
Bernd steckte den Kopf aus dem Zelt, in dem er gerade die wenigen Sachen verstaute und sah Christine aktionsgeladen in der Abendsonne stehen, mit kleinen Ästen und Blättern im Haar, die sich dort offensichtlich bei ihrem Gang durch das Unterholz verfangen hatten. „Gute Idee. Die Halfter liegen hinten an der Einzäunung. Lass sie was durchs Wasser laufen, dass kühlt die müden Beine. Ich bereite hier schon mal alles für dein kleines Lagerfeuer vor, dann brauchen wir es später nur noch anzufachen.“
„Alles klar, auf dem Rückweg schieße ich uns noch das Abendessen. Was hättest du gerne?“
Bernd grinste „Am liebsten irgendwas, aus dem man geräucherte Würstchen machen kann.“
„Okay Boss, zweimal getrocknetes Fleisch, kommt sofort.“ Damit holte sie die Halfter und führte die Pferde zum Bach.
Der Abend war tatsächlich so mild, wie es der Tag erwarten ließ. Das Feuer flackerte fröhlich und verbreitete zusätzlich wohlige Wärme. Bernd hatte noch ein paar Waldbeeren gesammelt, so dass das karge Mahl aus trockenem Brot, Würstchen und ein wenig Schokolade doch noch aufgebessert werden konnte.
Ians Rotwein tranken sie aus den Kaffeetassen, er war einfach köstlich. Je tiefer dabei der Pegel der Rotweinflasche sank, desto tiefer wurde auch in der Vergangenheit nach längst vergessenen Geschichten und Anekdoten gegraben.
Die Sterne funkelten dabei mit Christines Augen um die Wette. „Weißt du noch, wie du mich immer beschützt hast, wenn wir im Schulbus nach Hause fuhren und die anderen Jungs mich ärgern wollten?“
Bernd lag im Gras und kaute auf einem Grashalm. Er nickte und musste bei der Erinnerung ebenfalls lächeln. „Klar, weiß ich das noch.“ Damit schob er den Halm hinüber in den anderen Mundwinkel. „Ich weiß aber auch, das da ein Mädchen war, Ruth hieß sie, glaube ich, die dich immer aufzog. Mit mir herumzulaufen, wo ich doch sooo ein Langweiler wäre, was wir denn immer nur treiben würden und so weiter und so weiter. Und du hast ihr einfach eine geklatscht. Mitten ins Gesicht. Oh Mann, ist die rot angelaufen! Man konnte all’ deine Finger auf ihrer Wange sehen. Glaub’ mir, damit hattest du bei uns Jungs hundert Punkte in petto.“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen und wäre beinahe aus ihrem Schneidersitz heraus hinten rüber gefallen. „Hast du dich eigentlich nie geniert, dass du mit einem Mädchen befreundet warst? Ich meine, nur so? Alle anderen haben doch damit angegeben, dass sie schon wer weiß was gemacht haben.“ Dabei trommelte sie mit zwei kleinen Stöckchen auf Bernds Bauch im Takt der zirpenden Grillen.
Es war kein anderes Geräusch zu hören. Selbst das Schnaufen der Pferde schien erstarrt. Beunruhigt schaute sie auf und blickte direkt in Bernds Augen, die auf ihr Gesicht gerichtet waren. Ohne diesen Blick freizugeben, nahm er ihre Hände und hielt sie fest.
„Nein, Christine, ich habe mich nie geniert. Ich habe immer gehofft, dass du mich eines Tages so lieben wirst, wie ich es getan habe. Ich habe auch nie verstanden, warum du plötzlich mit Michael gingst. Warum er dich plötzlich küssen durfte. Berühren. Und das, obwohl du vorher immer über seinen Mittelpunktswahn gelästert hast. Und darüber, dass er jedes Wochenende eine andere Freundin hatte.“
Es war ein Ernst in seiner Stimme, die sie erschreckte und doch auch berührte. Unsicher schaute sie nach unten, zwischen ihre zum Schneidersitz gefalteten Beine und rupfte ein paar Grashalme aus.
„Ich weiß es nicht. Zuerst habe ich dich nie so als Mann gesehen. Ich meine, du warst mein Freund, solange ich denken konnte. Wir haben die Pubertät zusammen durchgemacht und ich glaube, in meiner Erinnerung saßen wir immer noch im Sandkasten zusammen und haben all’ die anderen Kinder mit Sand beworfen, die unsere Burg zerstören wollten. Und dann …“ sie stockte, nahm nun ihrerseits Bernds Hand und spielte nervös mit den Fingern „weißt du noch, der Tag, an dem wir wissen wollten, wie ein Zungenkuss schmeckt? Du hast plötzlich so ernst ausgesehen. Und irgendwie habe ich gemerkt, dass ist kein Spiel mehr. Ich wollte dir nicht weh tun. Ich meine, du bist immer noch mein bester Freund. Aber damals? Wir waren noch Teenies! Ich habe heimlich die Romane meiner Mutter gelesen, weil ich dachte, da lernst du was über die Liebe und so. Und immer, wenn sich das Pärchen nach vielen Hindernissen gefunden hatte, war der erste Kuss wie ein Feuerwerk, wie ein doppelter Looping auf der Achterbahn, wie ein Ertrinken! Ich glaube, ich habe lange gebraucht, um zu kapieren, das dem nicht so ist.“
Sie lächelte Bernd an. Er lag ruhig da, betrachtete ihr Gesicht aus seinen blauen Augen, die in der Dunkelheit sanft leuchteten. Seine Lachfalten konnte sie kaum noch erkennen und sein Mund schien im Schatten des Lagerfeuers zu beben. Sie schüttete den restlichen Wein in ihren Becher und gab Bernd einen Schluck ab.
„Weißt du, ich habe tatsächlich geglaubt, dass auf mich ein Prinz wartet, der auf seinem Schimmel daher geritten kommt, mich aus dem Turm befreit und – keine Ahnung, wie’s dann weiter gegangen wäre, das ließen die Romane meiner Mutter schön im Dunkeln. Wie auch immer“ und damit trank sie den Rest aus ihrem Becher „ich war mittlerweile siebzehn Jahre alt und mehr oder weniger ungeküsst. Und da habe ich mir geschworen, der nächste wird es sein. Und dass war Michael, damals in der Disco. Weißt du nicht mehr?“
„Natürlich weiß ich das noch, er hatte dich schon den ganzen Abend taxiert. Ich hätte nie geglaubt, dass du darauf reinfällst. Du kanntest seine Tour doch. Erst tanzen, dann trinken, dann mit dem Motorrad ab in den Park und den Rest kennst du wahrscheinlich besser als ich.“
Christine schüttelte den Kopf „Vielleicht war es am Anfang so. Keine Ahnung. Aber ich wollte es jetzt verflucht noch mal wissen. Ich war siebzehn! Und bis dato kannte ich nur den Zungenkuss mit dir, was gleichbedeutend mit dem eines Bruder war! Und auch wenn das Feuerwerk nicht angehalten hat, wir sind jetzt seit drei Jahren verheiratet und wir sind glücklich. Zumindest glaube ich es.“
„Was heißt, du glaubst es? Liebst du ihn jetzt oder nicht?“
Abrupt drehte sich Christine zum Lagerfeuer um und legte den Kopf auf ihre Knie. „Ich weiß es nicht. Ich meine, ich weiß nicht, ob ich ihn als Person liebe. Oder ob ich ihn liebe, weil er für mich da ist. Oder vielleicht auch nur, weil er zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort war. Ich weiß es einfach nicht!“ Den letzten Satz schrie sie fast und Lizzy schreckte aus ihrem Dämmerschlaf hoch und antwortete mit einem Wiehern.
Einen Moment lang passierte nichts. Die Zeit schien still zu stehen. Dann umarmte Bernd sie von hinten und flüsterte, ganz nah an ihrem Ohr. „Hast du gehört? Lizzy macht sich Sorgen um dich. Wie ich auch.“
Und damit wanderten seine Lippen zärtlich über ihre Wange. Mit einer Hand drehte er ihren Kopf zu seinem herüber und küsste die Tränen weg, die den Druck der letzten Tage aufzulösen schienen und im Feuerschein glitzerten.
Christine hielt ganz still. Sie fühlte Bernds Hand in ihrem Nacken, als wenn dort tausend Ameisen Rumba tanzen würden. Langsam hob sie ihr Gesicht und bot ihren Mund seinem dar. Sie wollte jetzt nicht reden. Sie wollte nicht mal denken. Sie wollte einfach sein. Als sich ihre Lippen berührten, spürte sie, dass sie nach Hause gekommen war. Endlich. Und als seine Zunge ihren Mund erforschte, war es nicht wie damals vor elf Jahren, er mit Pickeln und sie mit stecknadelgroßen Brüsten. Nein, es war auch kein doppelter Looping auf der Achterbahn. Es war mehr, als wäre sie eine Bienenkönigin im Bienenstock und Tausende von Drohnen umschwärmten sie. Das Summen übertönte alle aufkommenden Gedanken, die sie zur Vernunft zwingen und in die reale Gegenwart zurückholen wollten. Nein, schrie es ganz tief in ihr drin. Ich will euch nicht hören. Heute bin ich hier. Nur ich und mein Gefühl. Verzieht euch endlich!
Und sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, streichelte seinen Kopf, vergrub ihre Finger in seinen Haaren. Dann ließ sie sich auf den Boden fallen und zog ihn mit herab.
1999
Seit Stunden saß Christine bereits am Computer und versuchte, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, der ihr weiterhelfen konnte. Aber Bernds Name tauchte nirgendwo auf. Jetzt war sie dabei, die englandweite Suche nach Freien Architekten oder Architektur-Büros auf London und Umgebung einzuschränken, ohne zu wissen, ob dies überhaupt sinnvoll war. Wie in Trance durchsuchte sie die endlos scheinende Liste der Links mit vorbeihuschenden Namen, Titeln und Kurzbeschreibungen, die sich zeitweise zu kaum durchdringbaren Nebelschwaden verdichteten.
Das Telefon klingelte.
Unwillig über die Störung schaute sie erst auf das Telefon-Display und erkannte sofort die angezeigte Nummer. Schnell nahm sie den Hörer ab.
„Hallo Bea. Und, hast du was rausgefunden?“ Im Hintergrund war leise Musik zu hören, irgend etwas irisches. Seit Bea Lord of the Dance von Michael Flatley im Theater gesehen hatte, lief die Musik fast pausenlos.
„Danke der Nachfrage wie’s mir geht. Nein, nein, schon gut. Also, ich habe mein bestes Schulenglisch zusammengerafft und in diesem Architekturbüro angerufen. Da war natürlich niemand mehr. Sie haben aber eine Handy-Nummer für Notfälle angegeben und siehe da, ich erwische doch tatsächlich den stellvertretenden Geschäftsführer. Der wusste zuerst gar nicht, wovon ich rede. Bis ihm dann einfiel, dass sie vor mehr als zehn Jahren einen Mitarbeiter hatten, der in die Geschäftsführung aufsteigen sollte, dann aber ein Angebot aus Kanada annahm. Er war sich ziemlich sicher, dass es darin um die Vorbereitung zu den olympischen Winterspielen in Calgary ging. Was sagst du jetzt?“
„Nach Calgary, du meine Güte. Weißt du vielleicht, wann dort die Olympischen Spiele waren?“
Bea lachte. „Aber sicher doch, meine Liebe. Immerhin bin ich mit einem Sportreporter verheiratet. Das war 1988. Also wird er sich wahrscheinlich kurz nach eurem Tete-a-tete in London ein neues Betätigungsfeld gesucht haben … Bist du noch dran?“
„Ja. Ich denke nur nach.“
„Na hoffentlich bringt uns das weiter. Hast du was im Internet gefunden?“
Christine klemmte sich den Hörer unters Ohr und trennte zunächst die Modem-Verbindung, um dann Richtung Küche zu gehen. Sie hatte tierischen Durst.
„Nicht wirklich. Aber wenn er tatsächlich an den Vorbereitungen der Olympischen Stadien beteiligt war, kann er eigentlich nur vom dortigen Government oder einem großen Architekturbüro abgeworben worden sein. Zumindest haben wir jetzt einen wirklich guten Ausgangspunkt. Außerdem habe ich ein recht ausführliches Verzeichnis über internationale architektonische Werke gefunden. Da könnte ich auch fündig werden. Warte kurz, ich muss etwas trinken.“ Christine nahm einen großen Schluck Wasser direkt aus der Flasche und hörte durch das Gluckern hindurch Beas Türklingel läuten.
„Christine, ich denke, ich muss Schluss machen. Tim kommt gerade zurück. Wenn du noch was rausfindest, ruf mich doch bitte morgen im Büro an. Ah, bevor ich es vergesse, ich komme morgen gegen Abend ins Krankenhaus. Bist du dann da?“
„Ja, bestimmt bis sieben Uhr.“
„Okay. Überleg doch mal, ob Michael dich schon ab sechs ablösen kann. Dann fahren wir morgen zusammen zum Stall und reiten eine Runde durch den Wald. Das tut den Pferden gut und dir auch.“ Christine zögerte einen kleinen Moment, doch sie wusste, dass Bea recht hatte.
„Das ist eine prima Idee. Ich muss wirklich mal raus und abschalten. Also, dann sehen wir uns morgen Abend im Krankenhaus, ja? Ich freue mich.“
„Ich mich auch. Bis dann“.
Christine legte auf und stellte die Wasserflasche zurück in den Kühlschrank. Mit einem Schwung knallte sie die Kühlschranktür zu und ging mit neu erwachtem Elan Christine zum Computer, um sich wieder einzuloggen.
Jetzt wusste sie, wo sie zu suchen hatte.
Auch dieser Tag ähnelte den vorherigen auf beängstigende Weise. Wie schnell konnten Handlungen in Routine erstarren, wenn das Herz und der Kopf an anderen Orten weilte. Oder in anderen Zeiten.
Christine jedenfalls erwischte sich mehr als einmal dabei, dass sie weggetreten am Schreibtisch saß, den Blick auf den Monitor gerichtet und erst durch das Aufflackern des Bildschirmschoners aufschreckte.
Es half alles nichts.
Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu Mark ins Krankenhaus. Oder zu Bernd, damals, als sie sich in London trafen. Und liebten.
Zum x-ten Male schüttelte sie vergebens ihren Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben und sich auf die vor ihr liegende Arbeit zu konzentrieren. Kurz nach Mittag gab sie es auf. Wenn sie noch länger blieb, würde sie mehr Fehler produzieren, als sie jemals ausbügeln könnte. Also nichts wie raus hier.
Sie gönnte sich nur einen Kebab auf die Hand als kleinen Imbiss, denn sie wollte so schnell wie möglich bei Mark im Krankenhaus sein.
Dort angekommen reichte ein kurzer Blick auf Mark und die angeschlossenen Monitore, um zu sehen, dass sich auch heute nichts geändert hatte. Also schob sie ihren Stuhl nah ans Bett, holte das Buch aus Marks Nachttisch und legte es direkt neben Marks leblose Hand.
Dann begann sie zu lesen.
Zwischendurch kam eine neue Schwester, um die Beutel auszuwechseln und nach weiteren zwei Stunden die Physiotherapeutin.
Dankbar, auch ihre Muskeln strecken zu können, erhob sich Christine vom Stuhl und begann gemeinsam mit der Therapeutin, Marks Körper zu bewegen und zu strecken, ein Muskel nach dem anderen, jedes Körperteil einzeln.
Sie waren gerade fertig, die Therapeutin kontrollierte nur noch die Verbände an Marks Arm und Bein, als Michael mit einem kurzen Hallo für die Therapeutin und einem flüchtigen Kuss für Christine hereinkam. Er wirkte abwesend.
Die Therapeutin verabschiedete sich mit einem fröhlichen „Bis Morgen“ und Christine ließ sich erschöpft auf den Stuhl fallen. Michael stand derweil an Marks Bett und schaute auf den sich ruhig auf und ab hebenden Brustkorb seines schlafenden Kindes. “Keine Änderung?”
“Nein.“ Sich die Augen reibend sprach Christine wie ins Leere. „Er reagiert weder auf Sprache noch auf körperliche Reize. Dr. Peters kommt gegen sieben noch mal. Ich habe ihn gestern Abend nur kurz gesehen, aber er ist auch weiterhin davon überzeugt, dass Mark irgendwann aufwachen wird. Er sagt mir immer wieder, dass es keine organischen Gründe für das Koma gibt. Bis auf die beiden Brüche ist Marks Körper unversehrt und das Gehirn wurde weder verletzt noch stand es zu irgendeinem Zeitpunkt unter Sauerstoffmangel. Ich hoffe nur, er hat recht und erzählt uns das nicht nur, um uns zu beruhigen. Kannst du bitte noch mal mit ihm sprechen?“
Michael nickte. „Gut. Was machst du heute noch?“
Christine räumte das Buch zur Seite und stellte das von ihr benutzte Geschirr auf dem Nachttisch ab. „Bea kommt mich gleich abholen. Wir wollen noch ausreiten.“
Unwillig verzog Michael das Gesicht. „Das du immer noch reitest, und das bei dem Wetter. Ich versteh das einfach nicht. Und was ist, wenn du stürzt? Nachher liegst du auch noch im Koma und wer kümmert sich dann um Mark?“
Bea ließ fast die Blumenvase fallen, in die sie gerade frisches Wasser füllen wollte. „Das glaube ich ja nicht. Du willst mir doch wohl nicht vorwerfen, dass ich mich leichtsinnig gegenüber Mark verhalte. Ich bin eine gute Reiterin. Und jetzt muss ich einfach mal raus, Kraft tanken und etwas abspannen. Du hast ja auch so deine ‚Entspannungs-Praktiken’, oder etwa nicht?“
Wutentbrannt stand sie vor Michael, der lässig an Marks Bett lehnte und ungerührt lächelte. „Das war ein Schlag unter die Gürtellinie, meine Liebe. Damit sind wir ja wohl quitt. Ich halte es übrigens nicht für besonders effektiv, die alten Geschichten hervorzukramen. Mich interessiert zurzeit nur das Heute und da wäre tatsächlich noch etwas, dass ich mit dir besprechen möchte.“ Abwartend blickte er in ihr Gesicht. „Du kennst doch Jackson?“
Christine nickte, immer noch aufgewühlt durch die Erinnerung an alte Streitereien, die sich fast ausschließlich um die gleichen Themen drehten. Ihre Reiterei oder seine Eskapaden, um es einmal vorsichtig auszudrücken. „Euer Sicherheitschef?“
„Genau. Ich habe ihn gebeten, sich ein wenig umzuhören. Die Zeugen noch mal zu befragen und auch die Anwohner etwas genauer zu interviewen. Schon erstaunlich, dass er es immer wieder schafft, mehr herauszubekommen als die Polizei.“
Neugierig geworden ging Christine auf Michael zu, der lässig auf dem einzigen Stuhl im Zimmer saß. „Wonach hat er denn gesucht? Nach dem Fahrer? Na komm, erzähl schon.“
Michael hob abwiegelnd die Hände „Da ist noch nicht viel zu erzählen. Einer der Anwohner ging gerade mit seinem Hund spazieren. Er bemerkte ein auffällig türkisgrünes Auto, welches mit überhöhter Geschwindigkeit an ihm vorbeifuhr. Kurz darauf hörte er einen Schrei und splitterndes Holz. Der Fahrer ist direkt, nachdem er Mark … du weißt schon … weitergerast und hat dabei ein Stück hölzernen Gartenzauns mitgenommen.“
Christine nickte ungeduldig. „Das wissen wir doch schon alles von der Polizei. Hat Jackson jetzt was Neues herausgefunden oder nicht?“
„Ja, das hat er tatsächlich. Diesem Hundeliebhaber ist doch noch etwas aufgefallen. Er glaubte nämlich zunächst, dass keiner am Steuer säße und war entsprechend irritiert. Als er deswegen genauer hinsah, erkannte er, dass der Fahrer auf der falschen Seite saß.“
„Was meinst du mit ‚er saß auf der falschen Seite’?“
Michael schaute Christine aufmerksam ins Gesicht. „Kannst du dir das nicht denken? Dieses Auto kam aus England. Alle englischen Fabrikate haben das Steuer auf der anderen Seite.“
Christine wurde blass. Im gleichen Moment klopfte es an der Tür und Beas kurzer Igelschopf schaute durch den Spalt herein.
Sie hatten schweigend den Hof verlassen und ritten über eine wenig befahrene Straße Richtung Autobahnbrücke. Diese mussten sie jedes Mal überqueren, wenn sie durch den Kottenforst reiten wollten. Hier gab es verwunschene Wege, herrliche Sandstrecken für flotte Galoppaden, teilweise mit kleinen Hindernissen, und viel unberührte Natur, die in der Nähe von Bonn nicht unbedingt selbstverständlich war. Man konnte tatsächlich mehrere Stunden durch das Gelände reiten, ohne jemanden zu treffen, solange man dies nicht an einem Sonntag tat, an dem sich alle Städter zu ihren Verdauungsspaziergängen trafen.
Heute jedoch war Donnerstag und es nieselte leicht. Der Wind frischte ein wenig auf und es roch nach weiterem Regen. Sie würden kaum auf jemanden treffen.
„Also, erzähl jetzt“ forderte Bea ihre Schwester auf, als sie die ersten Bäume des Waldes erreichten und der Autolärm nur noch in der Ferne wie ein beständiges Brummen zu vernehmen war. „So laut wie du habe ich schon lange keinen Menschen mehr schweigen hören. Was ist passiert, hast du Bernds Schlupfloch gefunden?“
Christine schüttelte den Kopf „Noch nicht.“
„Ja, aber was ist es dann? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ Bea bückte sich, um nachzugurten und Christine tat es ihr nach, bevor sie anhob zu sprechen.
„Also, fangen wir mit gestern an. Deine Info mit Calgary war lebensrettend. Wenn ich das Suchgebiet nicht hätte eingrenzen können, säße ich wohl jetzt noch am PC. Wie auch immer, ich habe tatsächlich etwas in dem Verzeichnis über internationale Architekturbauten gefunden. Und zwar hat Bernd in den Jahren 1986 bis 1988 in Calgary an der Erstellung und Einrichtung des olympischen Dorfes gearbeitet. Dann folgte natürlich eine genaue Beschreibung der Gebäude und so weiter. Aber dann, du glaubst es nicht, gab es Links zu den mitwirkenden Architekten, die an der Errichtung und Erschaffung beteiligt waren! Und da hab ich ihn gefunden. Eigentlich ganz einfach. Da stand sein Name: Bernd Brück, Freier Architekt. Ich war so aufgeregt, ich hab’ mich kaum getraut, darauf zu klicken.“
Sie schüttelte immer noch verwundert den Kopf „Hab’ ich dann natürlich. Und innerhalb von zwei Sekunden hatte ich Bernds architektonischen Lebenslauf, und zwar lückenlos bis 1997. Er ist nach Calgary auch in Albertville und zuletzt in Atlanta gewesen. Ach ja, er war sogar in Barcelona dabei. Er muss sich in diesem Bereich wirklich einen Namen gemacht haben. Oder er hat gute Kontakte zum Internationalem Olympischen Komitee. Vielleicht ist er sogar nächstes Jahr in Sydney dabei, das habe ich aber nicht mit hundertprozentiger Sicherheit herausfinden können. Sein Wohnsitz, und jetzt halt dich fest, ist mit Southampton, England, angegeben. Ich habe über die internationale Auskunft seine Telefon-Nummer rausgefunden und angerufen.“
„Was hast du?“ Bea zog so abrupt an den Zügeln, dass ihr Pferd überrascht stehen blieb, während Christines Wallach weiter trottete. Schnell trieb sie ihre Stute durch leichtes Andrücken der Waden weiter, bis sie wieder auf gleicher Höhe mit Christine war. „Jetzt sag bloß noch, du hast ihn gesprochen?!“
Christine schüttelte den Kopf. „Nein. Es war nur der Anrufbeantworter dran und ich habe sofort wieder aufgelegt. Und das die ganze Nacht lang, selbst heute morgen noch mal. Er scheint nicht da zu sein. Ich weiß, das kann alles und nichts bedeuten. Aber ich habe so ein komisches Gefühl im Magen und das ängstigt mich kolossal.“
Schweigend ritten beide weiter. Es dämmerte langsam. Durch die vielen Laubbäume, die dicht an dicht mit einigen Nadelhölzern dem Himmel entgegenwuchsen, gelang das untergehende Sonnenlicht nur noch spärlich zu ihnen runter.
Den Pferden jedoch machte dies nicht viel aus, sie kannten ihre Wege hier sehr gut und fingen an zu tänzeln, als sie eine der üblichen Galoppstrecken erreichten. „Bist du so weit?“ fragte Christine und setzte sich an die Spitze. Bea nickte nur und schon ging es los.
Bereits das Andeuten der Galopp-Parade reichte aus, dass die Pferde kraftvoll aus der Hinterhand heraus losstürmten. Links und rechts verwischten die Konturen der Bäume und Sträucher in der sich steigernden Geschwindigkeit. Erst nach einigen Minuten nahmen die Frauen die langen Zügel wieder auf, um eine leichte Anlehnung zu erhalten und die Pferde aus dem Renngalopp in einen kontrollierten Galopp zu bringen. Immer noch strich der Wind erfrischend an den erhitzten Gesichtern entlang und am Ende der Strecke juchzten die Frauen vor lauter Lebenslust. Ihr schnell gewordener Atem bildete kleine Wolken in der kühler werdenden Abendluft und vermischte sich mit denen der dampfenden Pferde. Ein kurzes Tätscheln als Lob auf den Pferdehals und es ging im ruhigen Schritt weiter.
„Da ist etwas, was ich dir noch nicht erzählt habe“ nahm Christine den Gesprächsfaden wieder auf. „Und zwar hat der Sicherheitschef von Michaels Firma herausgefunden, dass der Unfallwagen aus England stammt.“
Erstaunt schaute Bea auf. „Und, was willst du damit sagen?“
Christine musste sich zusammenreißen, um ihre Stimme nicht umkippen zu lassen. Der Kloß, den sie die ganze Zeit im Halse spürte, wurde immer größer und sie wusste nicht, wie lange sie sich noch unter Kontrolle halten konnte, um nicht hysterisch loszuheulen. „Ich will damit gar nichts sagen. Aber ich glaube, ich drehe langsam durch. Ich meine, erst wird mein Sohn angefahren und liegt seit einer Woche im Koma. Dann behauptet irgendeine dämliche Person, dass ein fremder Mann mein Kind auf der Intensivstation besucht und ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Natürlich muss ich da an Bernd denken. Und jetzt stellt sich raus, dass der Unfallwagen aus England stammt. Ich komme mir vor wie im falschen Film!“ Sie zügelte ihre Stimme, die unversehens laut geworden war. „Was ist, wenn Bernd entdeckt hat, dass er der Vater ist? Ich meine, was ist, wenn er Mark sehen wollte und dabei der Unfall passierte?“
Verzweifelt sah sie Bea an, ohne auf die Tränen zu achten, die aus ihren müden Augen liefen. Bea brauchte ebenfalls einen Moment des Nachdenkens, sie musste erst einmal die Neuigkeiten verdauen, sie nach Fakten und Vermutungen sortieren, um die richtige Antwort zu finden.
„Christine. Jetzt lass uns bitte vernünftig über alles nachdenken. Ja, es kann sein, dass es Bernd war, der vorgestern an Marks Bett saß. Die Schwester hat erzählt, dass dieser Mensch Mark sehr ähnlich war und lange zu ihm geredet hat. So weit so gut. Aber wenn es tatsächlich Bernd war, warum sollte er in englisch mit ihm reden? So lange war er nun auch nicht im Ausland, als dass er plötzlich sein Deutsch vergessen haben könnte. Aber sei das mal dahingestellt. Jetzt zum Thema Auto. Was glaubst du eigentlich, wie viele englisch gebaute Autos es in Deutschland gibt? Ich denke, da kommen einige zusammen. Seit Bonn nicht mehr Regierungssitz ist, sind zwar viele Diplomaten verschwunden, aber parallel dazu hat sich im internationalen, wirtschaftlichen Bereich vieles getan. Nicht zu vergessen, der Eurotunnel. London ist nicht mehr weiter entfernt als München. Und zu guter Letzt: Wenn Bernd ein so gefragter Architekt und überall in der Welt zu Hause ist, ist es da nicht wahrscheinlicher, dass er mit dem Flieger nach Deutschland kommt, als mit dem Auto durch die Landschaft zu dümpeln? Bitte Christine, versuch dich zu beruhigen. Wir finden bestimmt eine Antwort auf all diese Fragen. Es gibt sicherlich eine völlig logische Erklärung für alles.“
Bea versuchte Christines Blick auf sich zu ziehen, die zwar an ihrer Seite ritt, aber nachdenklich und verloren in die Bäume starrte. „Christine?“
„Ja?“
„Du hast mir eigentlich nie erzählt, wie es damals auseinander ging. Ich meine, nachdem du mit Bernd geschlafen hast. Er kann doch nicht einfach in die Abendsonne geritten und dann niemals mehr aufgetaucht sein. Willst du mir nicht erzählen, was damals passiert ist?“
Christine sackte sichtbar in sich zusammen. Selbst ihr Pferd schien es zu merken und ließ ebenfalls traurig den Kopf hängen. So ritten sie alle eine Weile schweigend dahin.
1985
Christine wachte vor Bernd auf. Ihr Arm war kühl vom morgendlichen Tau, der an der Zeltwand hinunterlief. Sie spürte Bernds warmen Atem in ihrem Nacken und ein leichtes Prickeln in der Taille, hervorgerufen durch Bernds Körperwärme, der sie im Schlaf fest umschlungen hielt. Vorsichtig schob sie seinen Arm zur Seite.
Durch die Luftschlitze des Zeltes drang bereits Tageslicht und Christine konnte das leise Schnaufen der Pferde draußen hören. Es war noch früh und sie schloss erneut die Augen. Ein warmes Gefühl durchlief ihren Körper, als sie in Gedanken die letzte Nacht noch einmal durchlebte. Schemenhaft tauchte Michaels Gesicht vor ihr auf, aber sie wollte jetzt nicht an ihn denken. Noch nicht.
Langsam regte sich Bernd neben ihr. Sein Haar sah völlig zerwühlt aus und daran war sie vermutlich nicht ganz unschuldig. Eine dicke Strähne rollte sich über seinen Augen und sie blies sie sanft zur Seite.
„Krieg’ ich einen Kuss?“ kam es rau aus Bernds Mund, seine Augen immer noch verschlossen. Zärtlich beugte sich Christine über ihn und bedeckte sein ganzes Gesicht mit kleinen Küssen. Bernd zog sie zu sich runter, flüsterte ein leises „Guten Morgen Sonnenschein“ und ließ seine Finger langsam ihren Rücken runterkrabbeln. Christine stöhnte leise auf und glitt mit ihren Händen unter sein T-Shirt, streichelte den erbebenden Brustkorb und wanderte langsam tiefer während auch Bernds Hände zielsicher den Weg zwischen ihre Beine fanden. Sie fühlte ihren Unterleib sich willenlos um Bernds Finger schließen und genoss das heiße Gefühl, welches mit jeder Bewegung in Wellen von unten nach oben stieg und sie fast um den Verstand brachte, bis Bernd sich endlich nicht mehr zurückhielt, sie regelrecht auf den Boden warf und in sie eindrang. Erst langsam und immer schneller werdend bewegte er sich auf ihr und sie hielt sich an seinen Armen fest. Dann kam er und sie spürte die Wärme des Samens, als er sich in ihren Schoss ergoss.
Eine wohlige Ruhe überkam sie und irgendjemand schien den Regler für Lautstärke hochgefahren zu haben. Sie vernahm wieder das Summen der Insekten, die über der Sommerwiese surrten, das Schnauben der Pferde und fröhliches Vogelgezwitscher.
Zärtlich fuhr sie mit ihren Händen durch sein Haar. „Dir auch einen guten Morgen.“ Bernd lachte leise und erhob sich leicht. „Daran könnte ich mich gewöhnen. Aber jetzt muss ich leider dem Ruf der Natur folgen.“ Damit gab er ihr einen Kuss auf die Nasenspitze, schlüpfte in seine Jeans und kletterte aus dem Zelt. Christine konnte ihn noch im Wald verschwinden sehen, bevor sie sich wieder in ihren Regenmantel und Bernds Sweat-Shirt kuschelte.
Kurz darauf spähte Bernd ins Zelt, er hatte bereits die Halfter in der Hand. „Los, du Schlafmütze. Die Pferde haben Durst und wir haben noch einiges vor heute.“
Christine seufzte und kroch aus dem Zelt in die wunderbar frische Luft. Immer noch barfuss tapste sie bis zu Bernd, übernahm die Pferde und führte sie zum Bach. Als sie zurückkam, hatte Bernd bereits das Zelt abgebaut und verpackt, das Seil von den Bäumen abgewickelt und alles in den Satteltaschen verstaut. Sie half ihm bei Satteln der Pferde und zwanzig Minuten später saßen beide auf und weiter ging’s Richtung Farley Mount.
Unterwegs fanden sie ein kleines Gasthaus, wo sie warmen Kaffee und ein paar belegte Sandwichs für unterwegs bekamen. Ohne Absprache waren beide sich einig, den schönen Tag nicht in den geschlossenen Wänden eines Hauses und zwischen vielen Menschen zu verbringen. Sie wollten diese reale Welt, mit all ihren Verpflichtungen, ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, noch nicht in ihre Köpfe einlassen.
Lieber allein mit den Pferden auf einer einsamen Wiese Rast machen, allein mit ihren zärtlichen Gefühlen, die zwanzig Jahre lang auf ihr Erwachen warten mussten.
Nach der Rast ritten sie in einem Bogen um Winchester bis Farley Mount. Die Aussicht war tatsächlich atemberaubend. Die Anhöhe wurde von zwei Flüssen umspült und ermöglichte einen herrlichen Blick über den New Forrest bis zur Küste und die Isle of Wight. Versunken stützte sie sich auf dem Sattel ab und blickte runter bis zu den Hafenstädten, die unhörbar in der Ferne pulsierten.
„Christine?“ Lächelnd wand sie ihm ihr Gesicht zu. „Wirst du Michael verlassen?“
Bernd sah das verträumte Lächeln aus ihrem Gesicht schwinden, wie die Flüssigkeit aus einem Glas mit einem Loch im Boden.
„Müssen wir jetzt schon darüber reden?“
„Ich denke schon.“
Christine drehte sich wieder um und schaute über Lizzys Pferdekopf hinweg in die Weiten des Himmels. Kleine Schleierwolken wurden vom Meer in Richtung Festland getrieben und sie versuchte, während sie den langsamen Flug einer Wolke in Form eines riesigen Schneeballes verfolgte, eine Antwort zu finden, die so ehrlich war, wie es die Situation verlangte.
„Bernd, ich habe bis jetzt nicht über Michael nachgedacht, weil ich mich dafür fürchtete. Ich wollte einfach dich und das alles hier genießen, in mich einsaugen und mir einbilden, wir wären so frei wie früher.“ Christine musste schlucken, um ihrer Gefühle Herr zu werden und fuhr dann fort. „In den letzten Jahren war Michael der Mittelpunkt meines Lebens, während ich dich seit vier Jahren nicht mehr gesehen habe.“
Sie stockte, aber nur kurz und schaute Bernd in die Augen, in der Hoffnung, Verständnis darin zu entdecken. „Ich kann nicht nach einer Nacht, so wunderschön sie auch war, entscheiden, ob ich das Recht habe, unser aller Leben so zu verändern. Es ist nicht nur Michael. Mein ganzes Leben steht hier zur Debatte. Meine Eltern, meine Schwester und meine Freunde. Meine Arbeit, in die ich in den letzten Jahren viel Energie gesteckt habe. Das alles wartet auf mich. Ich kann nicht einfach aus einer Laune heraus alles aufgeben.“
Bernd wurde blass. „Ich hatte nicht gewusst, dass dies nur aus einer Laune heraus geschah.“
„Mein Gott, Bernd. Natürlich nicht. Aber ich brauche einfach noch Zeit. Du bist jahrelang mein bester Freund gewesen. Vielleicht habe ich dich auch schon immer geliebt und fange erst jetzt an, das zu begreifen. Aber ich kann nicht so tun, als ob wir allein auf der Welt wären. Da draußen, auf der anderen Seite des Meeres, da ist meine Welt. Und in dieser Welt habe ich einen Ehemann, den ich nicht einfach verschwinden lassen kann.“
Bernd schwieg. Es erschien Christine eine Ewigkeit zu dauern, bis er das bedrückende Schweigen brach. Ernst und seltsam gefasst wand er sich ihr zu. „Christine, ich habe ein Leben lang auf dich gewartet. Solange ich denken kann, habe ich dich geliebt. Selbst im Bett mit anderen Frauen konnte ich dich nicht vergessen und mehr als einmal musste ich erklären, warum in den intimsten Momenten plötzlich dein Name über meine Lippen huschte.“ Wieder schwieg er und Christine wagte nicht, die Ruhe zu brechen. Dann schaute er auf und zwang Christine, ihm direkt in die Augen zu sehen. „Christine. Du bist noch drei Tage in England. Ich möchte dich bitten, mir bis dahin zu sagen, ob du bereit bist, mit mir zu leben, zu lieben, zu streiten und einfach alles zu teilen. Ich habe seit unserem Kuss damals vor elf Jahren auf dich gewartet. Das war lange genug. Es muss jetzt endlich eine Entscheidung stattfinden, damit ich irgendwann weiterleben kann. Mit oder ohne dich. Verstehst du?“
Christine konnte nur nicken. Sie traute ihrer Stimme nicht, die am liebsten vor Schmerz aufschreien wollte.
Ohne ein weiteres Wort wendete Bernd Bonzo und Christine konnte nur hinter ihm herreiten. Die ganze Zeit über war ihr Blick gefangen von seinem gerade aufgerichteten Körper, dessen Bewegung im harmonischen Gleichklang mit denen des Pferdes zu einem gemeinsamen Wesen zu verschwimmen schien. Verzweifelt fixierte sie seinen Hinterkopf, in der Hoffnung, er würde sich umdrehen, so dass sie in seinem Gesicht die Antwort lesen konnte, die sie brauchte, um ihre sich ständig im Kreise drehenden Gedanken anzuhalten, zu sortieren und sich letztendlich entscheiden zu können.
Eine knappe Stunde später hielten sie auf der Anhöhe eines Weinberges. Direkt vor ihnen lag Bishop Waltham, ein recht beschaulicher Ort aus dem 17. Jahrhundert. „Siehst du diese kleine Straße vorne?“ Christine nickte. „Auf der gehst du immer geradeaus, bis zu einer Bushaltestelle auf der rechten Seite. Die Busse fahren hier recht häufig und du bist in höchstens zehn Minuten im Zentrum. Denkst du, du schaffst das ohne mich?“
Christine nickte, stieg ab und wechselte Lizzys Zaumzeug gegen ein Halfter mit Strick, welches sich in ihrer Satteltasche befand. Dann überreichte sie diesen Bernd. „Reitest du gleich weiter?“
Bernd kontrollierte mit einem kurzen Blick den richtigen Sitz des Halfters. „Ja, ich habe heute Abend noch einen Termin in London und möchte mich daher beeilen.“ Mit keinem Wort sprach er die Gedanken an, die fast hörbar zwischen ihnen standen, während Christine das Zaumzeug verstaute und ihren Rucksack schulterte. Er schlang das Ende des Strickes um eine Halterung an seinem Sattel, nickte Christine kurz zum Abschied zu und ritt einfach los.
Christine schaute Bernd noch lange nach, bis sie die kleine Gruppe nur noch als Schatten im Wald erkennen konnte. Dann machte sie sich auf den Weg nach Bishop Waltham.
Die kleine Straße, die sie nun beschritt, erschien ihr wie ein Verbindungsband zwischen diesen beiden Leben, die jede für sich aber nicht gemeinsam existieren konnten.
In den letzten zwei Wochen gerieten ihre ursprünglichen Probleme immer mehr in den Hintergrund. Sie hatte sie nicht vergessen, nein. Aber mit dem neu gewonnenen Abstand konnte sie ihnen den richtigen Stellenwert zuordnen.
Sie war zu sich selbst nach Hause gekommen.
Und nicht nur das. Sie ist bis zu ihrem inneren Selbst vorgestoßen und konnte ihre wahren Bedürfnisse und Wünsche verstehen, erfühlen. Dieses Wissen war wie das Strahlen der Sonne, die sie in den letzten Tagen von innen her wärmte. Und die Sonne selbst? Ja, das war Bernd.
Mit jedem Schritt, den sie sich nun auf dieser schmalen Straße weiter Richtung Bishop Waltham und damit ihrem bisherigen Leben näherte, fühlte sie förmlich, wie all die Probleme wieder auf sie zukamen. Sie zog sie an wie ein Magnet.
Angefangen bei den alltäglichen, ob alle Limousinen und das komplette Team am Start waren bis zu den wirklich lebensentscheidenden, wie der Wunsch nach einem Kind und Michaels Unfruchtbarkeit.
Sie näherte sich den ersten Häusern und sah eine Frau in ihrem Garten Wäsche auf eine Leine hängen, die im Wind wehte. Irgendwo kläffte ein Hund, ein anderer antwortete. Sonst nur abwartende Stille, die ihr Herz wie eine kalte Hand umfing.
Während sich ein Fuß automatisch vor den anderen setzte, beobachtete sie diese Frau, wie sich ihr Rücken im regelmäßigen Takt hob und senkte, ein Wäschestück aus dem Korb holend, dann an die Leine, und schon war das nächste in ihrer Hand.
Es waren geübte Bewegungen, doch keine geschmeidigen. Christine erkannte bereits, bevor die Frau die Hände stützend in den Rücken schob, dass der Körper nach all den langen Jahren harter Arbeit nicht mehr wollte. Doch diese Frau da, in dem einfachen, kleingeblümten Kleid, geschützt durch eine Schürze und mit Gummistiefeln an den Füssen, die leicht in dem feuchten Gartenboden einsanken; diese Frau verhielt nur für einen Moment in der Bewegung, dann ging sie, den leeren Wäschekorb an die Hüfte gedrückt, wieder ins Haus. Sicherlich wartete der nächste Korb bereits.
Auch auf sie warteten Verpflichtungen. Sie konnte nicht einfach alles fallen lassen, nur ihrer inneren Stimme gehorchend. Es gab Menschen, die Erwartungen in sie gesteckt haben und die sie auch erfüllen wollte. Sie war nicht der Typ, der lose Enden zurückließ.
Leise fragte sie sich, ob dies nicht auch der einfachere Weg war, statt sich gegen unausgesprochene Regeln zu wehren. Genau wie Michael. Auch er versuchte Normen zu erfüllen, ohne sich selbst oder sein Tun jemals in Frage zu stellen.
Im letzten Jahr jedoch schlich sich eine Leere in ihre Beziehung, deren wahre Ursache sie beide nicht erkannten. Verzweifelt versuchten sie, das entstandene Vakuum mit etwas Neuem, Gemeinsamen zu füllen. Also versuchten sie, sich fortzupflanzen.
Doch plötzlich begriff sie, dass dieses Kind, welches sie in die Welt setzen wollten, nicht dazu da wäre, ihnen den Sinn ihrer Beziehung zurückzugeben. Sondern dass sie sich erst darüber klar werden mussten, woher diese Leere stammte und ob sie immer noch die gleichen Ziele in ihrem Leben hatten.
Ein gemeinsames Kind hätte nur die Symptome verdrängt. Wie ein wunderschöner Mantel aus Gefühlen, der die Ursache selbst bis auf weiteres verdeckte.
Jetzt erst wurde ihr klar, was sie schon länger in ihrem Unterbewusstsein gespürt hatte. Dass sie kein Kind mit Michael wollte. Zumindest nicht jetzt. Es wäre einfach nicht fair.
Zuerst musste sie einige Antworten finden und die lagen vor ihr. In ihrem bisherigen Leben, welches ihr noch nie so kalt und leblos erschienen war wie jetzt.
Drei Tage später flog sie nach Deutschland zurück.
1999
„Soll das heißen, dass du dich tatsächlich in ihn verliebt hast? Ich habe bis zum heutigen Tage geglaubt, dass ihr eine rein praktischeBeziehung miteinander hattet. Ich meine, du bist doch nach England gefahren, um schwanger zu werden. Und das hast du dann auch geschafft.“
Ein trockenes Lachen entrang Christines Kehle. „Das hast du die ganze Zeit geglaubt? Und ich dachte, du würdest mich besser kennen.“
„Was heißt hier besser kennen? Du hast schließlich mit diesem völlig schwachsinnigen Plan vor meiner Tür gestanden und ich konnte dich nicht mehr vom Gegenteil überzeugen“ antwortete Bea entrüstet. „Und dann bist du schwanger aus England zurückgekommen. Du hast niemals über Bernds oder deine Gefühle gesprochen. Also, dachte ich, Erfolg auf ganzer Linie. Er den Spaß und du das Kind.“
Resigniert nickte Christine mit dem Kopf und ritt weiter. Natürlich, so musste es jedem erscheinen, der sich nur an die sogenannten Fakten hielt. Sie selbst würde so denken. Und doch …
Lange Zeit sprach keine der beiden Frauen. Die Pferde folgten gemächlich den bekannten Pfaden und achteten wenig auf die immer stärker werdende Dunkelheit. Es war nicht ungewöhnlich, besonders nach dem langen Winter, dass sie im Dunkeln ihren Heimweg finden mussten.
Hinter der nächsten Kurve war bereits das Ende des Waldes zu sehen. Der Weg fiel hier steil ab und die Pferde tasteten sich langsam vorwärts. Über einige Felder und eine Baumschule hinweg konnte man die Brücke erkennen, über die der Weg zum Hof zurückführte.
„Das Komische an der Sache ist“ brach Christine unvermittelt das Schweigen „dass ich mit Bernd geschlafen habe, ohne an eine Schwangerschaft zu denken. Und auch danach ist mir nie in den Sinn gekommen, dass diese eine Nacht Folgen haben könnte. Um ehrlich zu sein, ich habe an Nichts gedacht, was diese wunderbare Nacht hätte stören können. Ich war wie in einer anderen Welt. Nach Deutschland bin ich zurückgekommen, weil ich ernsthaft glaubte, dass diese Welt, dieses Leben nur ein schöner Traum war, der nichts, aber auch überhaupt nichts mit der Realität zu tun hat. Ich hatte Freunde und Familie in Deutschland auf mich warten, ich hatte einen guten Job. Und obendrauf war ich noch verheiratet. Und ich habe nichts von einer Schwangerschaft gemerkt. Genau genommen kann ich mich an die ersten Monate in Deutschland nur sehr schwer erinnern. Ich war zu sehr damit beschäftigt, nicht verrückt zu werden und irgendwie zu überleben. Weißt du denn wirklich nicht mehr, dass ich schon im fünften Monat war, als ich zum Arzt ging? Und dass auch noch wegen irgendwelcher diffusen Unterleibsbeschwerden?“
Christine wartete Beas Reaktion erst gar nicht ab. „Ich habe es nicht gewusst und ich hatte es nicht geplant, so unwahrscheinlich sich das im Nachhinein selbst für mich anhört. Aber du musst mir bitte glauben. Ich habe mit Bernd geschlafen, weil ich ihn in dieser Nacht liebte. Wahrscheinlich schon immer geliebt hatte. Nur ist mir das viel zu spät klar geworden.“
Christine wischte sich die Tränen vom Gesicht, die bereits ihre staubigen Spuren hinterlassen hatten. „Ich denke, dass deswegen auch die Ehe mit Michael in die Brüche ging. Ja, er ist mir fremd gegangen. Und das nicht nur einmal. Aber mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass ich ihn unbewusst dazu getrieben habe. Damit war er der Schuldige, der unsere Ehe zerstörte und ich war nur das arme, betrogene Opfer.“
Wieder schwiegen beide eine Weile. „Und du hast nie versucht, wieder mit Bernd Kontakt aufzunehmen?“
Christine schüttelte den Kopf. „Nicht ernsthaft. Er hatte mir unmissverständlich klar gemacht, dass er mich nicht mehr sehen wollte, dass er es nicht ertragen würde. Und mir wäre es schändlich vorgekommen, mich an ihn zu wenden, nachdem Michael und ich geschieden waren. Weißt du, so nach dem Motto ‚Bäumchen wechsle dich’. Ein Mann weg, jetzt muss der nächste her. Und mit den Jahren wurde es auch immer schwieriger, mir selbst zu erklären, warum ich Bernd nichts von Mark erzählt habe. Wie hätte ich es erst ihm begreiflich machen sollen?“
„Keine Ahnung, da bin ich wirklich überfragt.“
Sie ritten über die Brücke und kein Wort übertönte den Viertakt der Hufe auf dem Straßenasphalt, bis sie im Stall waren. Dort angekommen, diskutierten sie routinemäßig mit den anderen Reiterkollegen über die alltäglichen kleinen Handgriffe, den neuesten Klatsch und fuhren nach Hause.
Als Bea Christine vor ihrer Haustüre absetzte, konnte sie nicht umhin, das Thema nochmals anzusprechen. „Christine, ich denke, du hast damals ganz große Scheiße gebaut. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob ich einem Menschen das verzeihen könnte. Aber andererseits kenne ich dich gut genug, um zu wissen, dass du nicht leichtfertig gehandelt hast. Und ich bin der Meinung, dass du lange genug dafür gebüßt hast. Dann wäre da noch etwas. Du hast Bernd die ersten zwölf Jahre seines Sohnes verschwiegen. Auch wenn er gesagt hat, dass er nie wieder etwas von dir hören möchte, ich finde, das hat er nicht verdient.“
Sie legte den Arm tröstend um Christines Schulter, die leise vor sich hin weinte. „Such ihn. Auch wenn Mark wieder gesund wird. Er sollte ihn sehen und erfahren, dass es sein Sohn ist. Und du musst mit Michael reden.“
Tränenüberströmt hob Christine ihren Kopf. Ihr Brustkorb hob und senkte sich vor Anstrengung, mit dem Weinen aufzuhören. Sie nickte. Dann öffnete sie die Tür und stieg aus. Kurz bevor sie die Tür zuschlug, beugte sie sich noch mal hinunter „Weißt du eigentlich, dass Mark nächste Woche Geburtstag hat?“
Bea nickte. „Ja, geh jetzt schlafen. Bis morgen.“
Mit einem „Gute Nacht“ schlug Christine die Autotür zu und lief schnell ins Haus.
Das Blinken des Anrufbeantworters leuchtete im dunklen Flur. Sie zog nur schnell ihre schmutzigen Reitstiefel aus, hing die Jacke an den Garderobenhaken und warf den Schlüsselbund auf den kleinen Tisch neben das Telefon. Dann drückte sie auf den Knopf zum Abhören der Nachrichten. ‚Pieps. Sie haben drei Nachrichten. 1. Nachricht: Hallo Frau Schneider, hier ist Rob. Ich würde gerne Mark im Krankenhaus besuchen und wollte fragen, ob ihnen das Recht ist. Bitte rufen sie mich oder meine Mutter an. Tschüss. Piep. Zweite Nachricht. Hallo Kind, hier ist deine Mutter, komm’ doch morgen zum Abendessen vorbei. Ich wollte auch noch Bea und Tim einladen. Gib bitte Bescheid, ob du Zeit hast. Piep. Dritte Nachricht: Hallo Christine, hier ist Bernd. Ich denke, wir sollten reden. Ich wohne im Maritim. Ruf mich bitte an. Meine Zimmer-Nummer ist 432. Piep. Ende aller eingegangen Nachrichten. Piep.’
Mit einem leisen Klick sank der schwere Hörer des altmodischen Telefons zurück auf die Gabel. Einen Moment noch ruhte Michaels Hand darüber, bevor er den Kopf der Lampe ein wenig schwenkte und damit das Licht im Schlafzimmer dämpfte.
Es war kurz nach Mitternacht und er schlief bereits, als das Telefon ihn unsanft weckte. Es war Jackson und er hatte tatsächlich einige erstaunliche Neuigkeiten für Michael.
Nachdenklich lehnte er sich zurück, an das verschnörkelte Ende des Metallbettes, und stopfte sich ein Kissen in den Rücken. Sein Blick fiel auf die schlafende Frau neben ihm. Ihr Gesicht, verdeckt durch eine rote Haarflut, war kaum zu erkennen. Der ruhige Atem, in regelmäßigen Intervallen ausgestoßen, vermochte nicht, die Schwere dieser Haarpracht mehr als einige Millimeter vom Mund zu vertreiben.
Sie hatte schon immer einen tiefen Schlaf und drehte sich auch jetzt nur leise murmelnd von der Lichtquelle weg. Dabei verrutschte die Decke und ließ einen schönen, füllig geformten Körper erkennen. Vorsichtig deckte Michael sie wieder zu.
Er wollte nachdenken, und dass fiel ihm schon immer schwer, wenn nackte Frauenhaut in so erreichbarer Nähe war.
Er kannte Gabi seit ungefähr drei Monaten. Sie hatte sich vor einiger Zeit in seiner Firma beworben, und wurde vom Fleck weg angestellt. Nah an der Jahrtausendwende mit all der mediengemachten Panik vor dem Supergau in Sachen Computer-Crash war es nicht leicht, Programmierer zu finden. Und so gutaussehende schon gar nicht.
Auch er hatte eine Weile so seine Probleme damit, nicht auf ihre ausgesprochen gut gebaute Figur, sondern auf ihre wirklich exzellent programmierten Arbeiten zu achten. Um genau zu sein, gehörte sie zu den intelligentesten Menschen, mit denen er je gearbeitet hatte. Oder geschlafen.
Wieder erhaschte sein Blick ein Stück des langen Beins und der rotlackierte Zehnagel leuchtete selbst in diesem Dämmerlicht auf. Es hatte einfach keinen Sinn.
Vorsichtig stand er auf, und das quietschende Geräusch des Bettes erinnerte ihn daran, wie sehr sie beide noch vor einer Stunde die Metallfedern strapaziert hatten. Entschlossen setzte er seine Füße auf den weichen Teppich vor dem Bett, verlöschte das Licht und ging nach nebenan in das Wohnzimmer zu einer kleinen Bar. Aus dem Kühlschrank hinter der Theke nahm er sich ein eiskaltes Jever Light und ließ das erfrischende Bier die Kehle runter gleiten. Dann klaubte er seine Sachen vom Boden auf, die eine unübersehbare Spur zum Schlafzimmer wiesen und zog sich an.
Er war sicher, Jackson noch in seiner Lieblingskneipe zu treffen und da wollte er jetzt hin. Es gab doch mehr zu besprechen, als er eben noch gedacht hatte.
Der Qualm hing zum Schneiden dick in der Luft. Hinter den spärlich besetzten Tischen, führten vier Stufen hoch zum Thekenbereich. Die Theke selbst umfasste eine Länge von knapp fünfzehn Metern und füllte damit die gesamte Fläche der Wand aus. Ein Barkeeper wetzte eilig hin und her, um einigen ebenfalls neu angekommenen Gästen die Drinks zu bringen, die er stilecht vor der großen Spiegelwand in seinem Shaker bereitete.
Michael war nicht zum ersten Mal in dieser Bar. Immer, wenn er für Jackson ein paar Aufträge delikaterer Natur hatte, zog er diese private und doch unpersönliche Atmosphäre vor. Auch Jackson kam gern hierher, weil die ganze Bar bereits beim Eintreten einen Hauch von Amerika verströmte. Ein freundlicher Barkeeper, der sich gern und ausführlich mit den Gästen unterhält, die reichhaltige Getränkeauswahl, auch an Long Drinks, die Rhythm & Blues Musik und, nicht zu vergessen, die Rock’n Roll Special Nights, dann natürlich mit Elvis Presley.
Und auch jetzt erkannte Michael den kräftigen Mann am Ende der Theke sofort, als er gerade ein Glas anhob und es in einem Zug leerte. Michael ging schnellen Schrittes auf ihn zu und registrierte kurz, dass Jackson wohl nicht allein war, ein Glas mit Lippenstift-Rand stand direkt neben Jacksons Glas.
„N’abend Jackson. Hast du kurz Zeit oder stör’ ich?“ Überrascht schaute Jackson auf.
„Setz dich ruhig. Warst du gerade nicht noch im Bett?“
„Das schon, aber irgendein Vöglein hat mir gezwitschert, dass du hier sitzt und vielleicht einem alten Kumpel was zur Seite stehst. Stör ich auch wirklich nicht?“
Michael nahm vielsagend lächelnd das Glas mit den verräterischen Lippenstift-Spuren in die Hand und ließ es vor Jacksons Gesicht hin und her tanzen. Der blieb völlig ungerührt und schüttelte nur den Kopf. „Schon weg, kein Problem. Also, was treibt dich aus deinem warmen Bett in die ungemütliche Nacht zu mir heraus?“
Michael bestellte beim heraneilenden Barkeeper ein Budweiser und klopfte nachdenklich mit einem Bierdeckel auf den blank geputzten Tresen. „Gute Frage, ich weiß selbst noch nicht so genau. Hat sich eigentlich schon eine der Werkstätten bei dir gemeldet? Ich meine, wegen eines kaputten, englischen Wagens.“
Jackson schaute Michael durchdringend in die Augen. „Nein, werden die jetzt um die Uhrzeit auch nicht tun. Ich hab’ dir doch am Telefon schon gesagt, dass ich da morgen noch mal nachhake. Also, was ist los?“
“Tja,“ Michael nahm dankbar nickend das Budweiser vom Barkeeper an, trank einen Schluck und schaute in den Flaschenhals, als wenn er dort eine Antwort finden könnte. „Weißt du Jackson, dass du im Krankenhaus nach fremden Besuchern gefragt hast – wirklich nicht schlecht. Wenn der Schweinehund auch nur eine Spur von Gewissen hat, wird er sich tatsächlich nach Mark erkundigen. Schließlich stand in der Zeitung, wo er liegt. Aber ich denke nicht, dass dieser Typ, den diese Schwester – wie hieß sie noch gleich?“
„Schwester Barbara.“
„Richtig, Schwester Barbara. Also ich denke nicht, dass er unbedingt was mit dem Unfall zu tun haben muss.“
Michael machte eine Pause und schaute Jackson auffordernd an, der den Blick abwartend erwiderte. „Ich habe mir überlegt“ fuhr Michael daher fort „dass du diese Schwester Barbara noch mal zu Hause besuchen solltest. Und vielleicht könntest du ihr ein paar Bilder vorlegen. Könnte ja sein, dass sie darauf jemanden erkennt.“
Michael nahm erneut einen großen Schluck aus der Flasche und beobachtete eine Frau durch den Thekenspiegel, die hinter ihm auf ein wenig unsicheren Beinen Richtung Toiletten ging. Sie trug ein enges rotes Kleid, durch das sich ihr Tanga-Slip deutlich abzeichnete. ‚Wow’ dachte er kurz und wand dann seine Aufmerksamkeit wieder Jackson zu.
Der hob gerade sein Glas in Richtung Barkeeper und orderte mit einem zusätzlichen Nicken Richtung Michael eine weitere Runde. „Aha. Und an was für Bilder dachtest du?“ brach er das kurze Schweigen. „Ich meine, gemeinhin führt die Polizei keine Kartei über potentielle Fahrerflüchtige.“
Michael lachte leise. „Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ich habe da noch so ein Foto, dass du selbst vor etwas mehr als zwölf Jahren in England geschossen hast.“
Michael konnte sehen, wie die Erinnerung in Jacksons Augen aufflackerte. Mit dem Blick eines Jagdhundes, der seine Beute vom Himmel fallen sieht, streckte sich Jackson auf dem hölzernen Barhocker und steckte seine beiden Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Jeans. „Nur damit ich dich richtig verstehe. Du redest von diesem Typen, der vermutlich vor eben diesen zwölf Jahren mit deiner Ex-Frau in der Pampa rumgeritten ist. Wie hieß er noch gleich, Bernd Brück, oder?“
Michael nickte. „Genau den. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er wieder aufgetaucht ist.“
Jackson nickte anerkennend. „Kein schlechter Gedanke. Und, was hast du vor, falls er es tatsächlich ist?“
„Ich weiß noch nicht. Du sollst nur für mich rausfinden, ob er es ist. Außerdem will ich wissen, seit wann er sich hier rumtreibt. Und ob er mit dem Flieger oder mit dem Auto, zum Beispiel ein englisches, eingetrudelt ist.“
Jackson nickte zustimmend und wählte bereits eine Telefon-Nummer auf seinem Handy. Michael guckte erstaunt. „Wen rufst du denn jetzt noch an?“
Jackson schmunzelte. „Na, Schwester Barbara natürlich. Ich möchte wissen, ob sie gut nach Hause gekommen ist. Ihr war der Scotch nicht so bekommen. Vielleicht sollte ich sogar selbst noch mal vorbeifahren und mich ein wenig persönlich um sie kümmern.“
Es dauerte einen Moment bis Michael verstand, dann fiel er in Jacksons Lachen ein.
„Tut mir leid, Frau Schneider. Ihre Schwester ist noch in einer Besprechung und hat ausdrücklich darum gebeten, keinesfalls gestört zu werden. Ich kann ihr aber gerne eine Nachricht reinlegen und sie ruft Sie dann zurück. Ist das okay?“
Die Sekretärin klang geschäftsmäßig unerbittlich. Am liebsten wäre Christine durch die Leitung gekrochen und hätte sie erwürgt. Stattdessen schluckte sie ihre Wut herunter und versuchte halbwegs normal zu klingen. „Ja, das wäre nett. Es ist wirklich wichtig. Und sagen Sie ihr bitte, ich warte zu Hause.“ Ohne ein ‚Auf Wiederhören’ drückte Christine den Aus-Knopf des Telefons und nahm ihre Wanderung durch den Flur zwischen Haus- und Wohnzimmertüre wieder auf.
Es war noch vor neun Uhr morgens und sie hatte sich in der Agentur krankgemeldet. Schließlich war Freitag und es standen keine wichtigen Termine an. Außerdem könnte sie sich sowieso nicht konzentrieren. Völlig erschöpft nach einer durchwachten Nacht stand sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
‚Wieso kommt nur immer alles auf einmal?’ fragte sie sich, war jedoch in ihrem Inneren gar nicht so sehr verwundert. Es war klar, dass dieser Tag kommen würde, an dem sie Bernd gegenübertreten müsste. Das war so vorhersagbar wie das Amen in der Kirche.
Nur warum es so lange gedauert hatte, war ihr ein Rätsel. Im Sommer würden es dreizehn Jahre sein. Nein, fast vierzehn. Mark wurde jetzt dreizehn, plus neun Monate … nicht zu glauben, wie schnell die Zeit vergangen war. Und in einem Zeitraffer huschten die letzten Jahre an ihrem inneren Auge vorbei.
An die ersten Monate nach ihrer Rückkehr aus England erinnerte sie sich nur noch sehr verschwommen. Eigentlich war nur ihre körperliche Hülle nach Deutschland zurückgeflogen und hatte weder den Willen noch die Kraft, diesen Nebel in ihrem Kopf zu zerreißen, um etwas zu tun, was sie aus dieser Lethargie herausholen würde.
Und später, als sie langsam aus dieser Starre erwachte und durch ihren Schmerz hindurch die Umwelt wieder wahrnahm, bekam Michael große Probleme in seiner damaligen Firma. Ihm wurde nahegelegt zu kündigen und war eine Zeitlang kaum ansprechbar. Erst als er das Angebot seiner jetzigen Firma erhielt, direkt als geschäftsführender Gesellschafter einzusteigen, sah sie den Zeitpunkt gekommen, ihm reinen Wein über seine Unfruchtbarkeit, vielleicht auch über die Geschehnisse in London, einzuschenken.
Doch zunächst ging sie zu ihrem Gynäkologen. Zum einen wegen der damaligen Ergebnisse der Sperma-Untersuchung, zum anderen wegen dieses rätselhaften Ziehens und Gluckerns im Bauch.
Tja, und dann stellte sie fest, dass sie schwanger war und drückten ihr mit den besten Wünschen einen Mutterpass in die Hand.
Es war ein Schock für sie. Sie war wie paralysiert. War es nicht das, was sie seit Jahren wollte? Warum konnte sie sich nicht freuen? Und was sollte sie jetzt tun?
Sie versuchte Bernd zu erreichen, aber dessen Architektur-Büro teilte ihr nur mit, dass er gekündigt und keine neue Anschrift hinterlassen hätte. Sie war ratlos und all’ ihre Überlegungen drehten sich im Kreis. Und da entschied sie sich, nichts zu tun. Einfach abzuwarten und dem Lauf der Zeit die Entscheidung zu überlassen.
Natürlich versuchte sie in unregelmäßigen Abständen Bernd ausfindig zu machen. Aber meist nur halbherzig, zu viel Angst vor einer Abweisung hinderte sie an einer ernsthafteren Recherche.
Auch der Vorsatz, Michael reinen Wein einzuschenken, verblasste im Laufe der Jahre. Anfangs war sie so völlig von Milchflaschen, Windelwechsel, Zahnen, Windpocken und Kindergarten-Problemen eingenommen, dass sie die Entscheidung jedes Mal aufs Neue hinausschob. Und als Michael und sie sich immer weiter voneinander entfernten und seine amourösen Abenteuer immer öfter der Mittelpunkt ihrer täglichen Streitgespräche wurden, da sah sie keinen Sinn mehr darin, irgend jemanden aufzuklären. Mark war ihr Sohn. Und so sollte es bleiben.
Zudem war Michael ein guter Vater. Zugegeben, ein Wochenend-Papa, aber trotz allem einer, der sich von Marks kleineren und größeren Problemen auch mitten in einer Besprechung stören ließ.
Warum sollte sie an dieser Beziehung rütteln?
Mark hatte genug daran zu knabbern, dass Michael auszog. Und es hat weit mehr als ein Jahr gedauert, bis er akzeptieren konnte, dass Michael für ihn da war, auch wenn sie nicht mehr zusammenlebten. Wie hätte er wohl reagiert, wenn er auch noch erfahren würde, dass Michael gar nicht sein leiblicher Vater ist?
Nein, es war schon besser so. Und mit den Jahren wurde die Erinnerung an Bernd blasser. Sie hatte ihn und die dazugehörigen Gefühle aus ihrem Leben verdrängt, in die untersten Schichten des Gedächtnisses verbannt. Schlicht und ergreifend.
Doch jetzt war alles wieder da.
Ausgelöst durch Marks schweren Unfall kam die Erinnerung an Bernd in einem Schwall zurück, der sie völlig unvorbereitet, wie eine riesige Flutwelle überrollte und ihr beinahe endgültig den Boden unter den Füssen wegzog.
Und gestern dann seine Stimme auf dem Anrufbeantworter. Der Klang allein hatte ausgereicht, dass Christine ihn fast körperlich spürte. Und auch jetzt ließ die Erinnerung daran sie schnell die Treppe hoch rennen, den Kopf unter die Dusche halten und eiskalt aufdrehen.
Verflucht, wann endlich ruft Bea zurück? Sie musste dringend mit jemanden sprechen, bevor sie völlig durchdrehte.
Das kalte Wasser traf ihren Nacken wie spitze Stecknadeln und erfrischte sie tatsächlich ein wenig. Als sie es nicht mehr aushielt, drehte sie den Hahn wieder zu und wickelte ein Handtuch zum Turban um den Kopf.
Im gleichen Moment klingelte das Telefon. Sie rannte die Treppe, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, herunter und erreichte es gerade, als der Anrufbeantworter ansprang. „Hallo?“
„Was ist los? Warum bist du zu Hause? Ist mit Mark alles okay?“ Es war Bea. Endlich.
„Ja. Ich habe heute schon ganz früh im Krankenhaus angerufen, alles unverändert. Darum geht es jedoch nicht. Ich muss dich unbedingt sehen. Jetzt, sofort.“
„Sofort? Sag mal, was ist denn los? Ich bin mitten in einer wichtigen Besprechung. Ich kann die nicht einfach sitzen lassen.“
Trotz des Handtuchs rann kaltes Wasser über Christines Rücken und verursachte eine Gänsehaut, dass sie sich schütteln musste. Sie holte kurz Luft und spukte die Neuigkeit regelrecht in den Hörer. „Bernd hat gestern Abend auf meinen Anrufbeantworter gesprochen. Ich werde ihn heute Mittag um halb eins im Maritim treffen.“ Beas Schweigen erschien Christine endlos. Nervös ging sie mit dem Hörer in der Hand auf und ab.
„Okay, ich lass mir etwas einfallen. Aber ich brauche noch mindestens eine Stunde. Sagen wir, so gegen elf Uhr, das müsste klappen. Bist du dann noch zu Hause?“
Ein hörbares Aufatmen verriet Christines Erleichterung. „Nein, komm bitte ins Krankenhaus. Michael kann heute morgen nicht und ich laufe hier vor lauter Nervosität schon Löcher in den Teppich. Und, Bea?“
„Ja?“
„Vielen Dank.“
Ein sanftes Lachen klang durch die Leitung. „Ist schon okay. Also, bis später.“
„Ja, bis später.“ Und Christine legte auf, das erste Lächeln des Tages auf dem Gesicht. Dann rannte sie schnell die Treppe hoch, um sich anzuziehen und zu Mark zu fahren.
Sie war am letzten Kapitel von Die Schatzinsel von Louis Stevenson angelangt und ihr Hals kratzte bereits. Vorsichtig tastete sie mit der Hand nach dem neben ihr stehendes Glas. In mehreren kleinen Schlucken rann das lauwarme Wasser ihren Hals herunter.
Verloren wanderte ihr Blick dabei über die kahlen Wände, zu Mark und wieder zurück, auf der Suche nach Entspannung von den kleinen Buchstaben in dem vor ihr liegenden Buch. Sie hatte das Gefühl, endlos in den Schriften dieser Welt gefangen zu sein und sie fühlte, dass sie ohne Mark diese Scheinwelt nicht mehr verlassen würde. „Lesen Sie bitte weiter, schnell.“
Vor Schreck sprang sie auf und ließ das Wasserglas fallen, dessen Inhalt über die Füße von Dr. Peters spritzte, der unbemerkt eingetreten war und nun vor Marks Bett stand. Das Glas war nur aus Plastik und blieb unversehrt am Fußende des Bettes liegen. „Los, lesen sie schon.“
Gehorsam nahm sie das Buch wieder auf und las weiter. Aus den Augenwinkeln heraus konnte sie Dr. Peters beobachten, wie er mit der einen Hand Marks Puls fühlte, während er den Sekundenzeiger der Wanduhr verfolgte und gleichzeitig mit der anderen Hand eine kleine Taschenlampe aus seiner Kitteltasche holte.
Wortlos untersuchte er Marks Pupillen, während Christine immer weiter las, ohne zu bemerken, dass sie den letzten Absatz bereits zum zweiten Male wie eine zerkratzte Schallplatte wiederholte. Als Dr. Peters jedoch zurücktrat, um die Puls- und Herzfrequenz-Geräte zu kontrollieren, an die Mark seit über einer Woche angeschlossen war, hielt sie es einfach nicht mehr aus.
Schnell ging sie zu Marks Bett und versuchte nun selbst, irgendeine Veränderung zu entdecken. Aber da war nichts. Mark lag immer noch da, ohne eine Miene zu verziehen, ohne sich bewegt zu haben.
Verwirrt schaute sie zu Dr. Peters hinüber. „Ist alles in Ordnung?“
In Dr. Peters Augen sprühten tatsächlich kleine Funken. „Und wie alles in Ordnung ist! Marks Herzfrequenz ist leicht gestiegen, als sie gerade den Absatz über Long John Silver lasen. Als sie aufhörten zu lesen, sank sie wieder. Man konnte es deutlich erkennen. Als Sie den Absatz zum zweiten oder dritten Male vorlasen, passierte das Gleiche. Das war kein Zufall, das war eine Reaktion auf das Gehörte. Mark hat Sie gehört.“
Er drehte sich um, um nochmals Marks Puls zu fühlen, und sprach erst danach weiter. „Der Puls steht bei 80 zu 60. Er schläft jetzt wieder fest. Bitte erwarten Sie noch nicht zuviel. Lesen Sie ihm weiterhin regelmäßig vor. Wenn Sie Die Schatzinsel beendet haben, beginnen Sie noch mal von vorne. Okay? Übrigens, das war auch mein Lieblingsbuch.“ Er legte seine Hand auf Christines Schulter. „Ich habe es Ihnen versprochen. Er wird aufwachen. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber bald, sehr bald. Vertrauen Sie mir.“
Christine konnte nicht anders, sie warf sich ihm in die Arme und weinte einfach drauf los. Dr. Peters drückte sie kurz an sich. „Ich komme heute Nachmittag wieder rein.“ Damit ließ er sie los und ging aus dem Zimmer.
Christine beugte sich über Marks Gesicht, küsste und herzte ihn. Die Tränen liefen unaufhörlich über ihr Gesicht und fielen auf Mark. „Mark, hast du gehört, was Dr. Peters gesagt hat? Ich bin ja so glücklich. Bald mein Schatz, bald bist du wieder bei uns. Dein Körper braucht nur noch ein bisschen Ruhe und dann wachst du auf. Ich liebe dich ja so sehr.“ Und damit nahm sie wieder ihren Platz auf dem Stuhl ein, unternahm einen nur bedingt erfolgreichen Versuch, mit dem Handrücken alle Tränen weg zu wischen und nahm das Buch erneut auf, um weiterzulesen.
Als sie auch das letzte Kapitel, den letzten Absatz und das letzte Wort vorgelesen hatte, schloss sie das Buch und versank für einen Moment in das Bild auf dem Umschlag.
Sah der Junge nicht sogar ein wenig wie Mark aus? Über sich selbst lächelnd öffnete sie das Buch und blätterte bis zum Beginn des ersten Kapitels, um erneut die Geschichte von Jim Hawkins und seiner Suche nach dem Schatz des Seeräubers Flint zum Leben zu erwecken.
Dieses Mal hörte sie das Klopfen. Es war Michael.
Leise schloss er die schwere Tür hinter sich und trat ein. „Hey Christine, ich dachte, du wärst arbeiten. Alles okay?“
„Michael!“ Christine sprang auf und fiel um Michaels Hals, mit dem Finger als Lesezeichen zwischen den Seiten. „Mark hat heute zum ersten Mal eine selbständige Reaktion gezeigt!“
„Was hat er?“ Michael musste Christine von sich wegschieben, um in ihrem Gesicht zu lesen, ob es wirklich wahr war. „Weiß Dr. Peters davon? Was hat er dazu gesagt?“
Christine ließ ein glückliches Lachen hören. „Er hat es selbst entdeckt. Ich hatte gar nichts bemerkt. Ich meine, ich habe ihm Die Schatzinsel vorgelesen und plötzlich kam Dr. Peters rein, kontrollierte Marks Reaktionen und die Geräte und das war’s! Mark schläft jetzt wieder fest. Aber morgen oder übermorgen – wer weiß. Es ist nur noch eine Frage der Zeit!“
Christine ließ sich zurück auf ihren Stuhl fallen. Ihr glückliches Lächeln zog die Mundwinkel nach oben und bildete einen krassen Gegensatz zu den dunklen Ringen unter ihren Augen. Michael setzte sich ihr gegenüber auf Marks Bett und hielt ihre Hände für einen Moment. Auch in seinen Augen schimmerten Glückstränen.
„Ich bin froh, dass du heute morgen hier warst und es selbst gesehen hast. Ich hätte es sonst vielleicht nicht geglaubt. Wie kommt das eigentlich? Gestern Abend hast du mir noch erzählt, du wolltest für ein paar Stunden in die Agentur, um Arbeit fürs Wochenende mitzunehmen. Bist du vielleicht krank?“ Und damit schaute er zu Christine, die bei seinen Worten sichtbar in sich zusammenfiel.
Michael kannte sie gut genug, um zu wissen, dass ihr offensichtlich noch etwas anderes als die ununterbrochene Sorge um Mark auf dem Herzen lag. Und dass sie nur auf der Suche nach dem passenden Anfang war, um es ihm zu erzählen.
Schon während ihrer Ehe konnte er manchmal binnen kürzester Zeit ihren fast körperlichen Verfall beobachten, wie ihre Haut blasser und ihre Augen stumpfer wurden. Wie ihre Hände leicht anfingen zu zittern und eine allgemeine Unruhe ihren Körper in einen seltsamen Zustand brachte. Dieser Zustand währte so lange, bis sie sich entschloss, über das jeweilige Problem zu reden und sich somit davon zu befreien.
Auch jetzt stand Christine unter Hochspannung und lief unruhig zwischen Marks Bett und dem kleinen Tisch an der Tür auf und ab. Michael saß weiter auf der Bettkante und wartete. „Erzähl schon, was ist los?“
Der Entschluss, zu reden, und zwar jetzt, ließ Christine mitten im Zimmer abrupt anhalten und zur Salzsäule erstarren. „Michael, ich muss dir etwas sagen, was ich dir seit nunmehr dreizehn Jahren verschwiegen habe.“
Sie holte tief Luft und schaute hilfesuchend zu Michael, der jedoch mit keinem Zucken im Gesicht eine wie auch immer geartete Reaktion verriet. „Sprich weiter, was hast du mir in all den Jahren verschwiegen?“
„Vor ungefähr dreizehn Jahren, du warst gerade auf Geschäftsreise, hatte ich einen Termin bei Dr. Palmer. Weißt du noch? Mein damaliger Frauenarzt.“ Sie schaute kurz zu Michael, der weiterhin abwartend auf Marks Bettkante saß. „Es ging um die neuesten Untersuchungsergebnisse. Ob ich meinen Eisprung habe, ob sich genügend Follikel gebildet hatten und so weiter. Auf jeden Fall hat mir Dr. Palmer an diesem Nachmittag erzählt, dass … also …“
Verzweifelt suchte sie nach den richtigen Worten, fand sie nicht und somit sprudelte die Wahrheit einfach aus ihr heraus. „Also, das Untersuchungsergebnis deiner Spermien hat gezeigt, dass sie nicht beweglich genug sind. Das heißt, das die Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Empfängnis von mir durch dich praktisch gleich Null war.“
Christine wartete. Auf einen Aufschrei, einen Wutausbruch, auf irgendwas. Nur nicht auf diese unheimliche Stille. Christine konnte es kaum glauben, aber Michael saß weiterhin ruhig auf Marks Bettkante, schlug seine Beine übereinander und sein Fuß wippte in der Luft. „Weißt du Christine, ich habe mich immer gefragt, wann du mir sagen wirst, dass Mark nicht mein leiblicher Sohn ist.“
Christine wurde es schwarz vor Augen. Unsicher stolperte sie Richtung Michael, jedoch nur, um sich am Gestänge des Bettgestells festzuhalten „Du hast es gewusst? Du hast tatsächlich die ganze Zeit gewusst, dass Mark nicht dein Sohn ist. Und du hast nie gefragt, wer … ich meine, wie ich schwanger wurde?“
Jetzt erst sah sie eine Regung in seinem Gesicht, trotz oder gerade wegen des Lächelns seines Mundes, das jedoch nicht einmal in die Nähe seiner Augen kam. „Christine. Für wie dumm hast du mich eigentlich gehalten? Ich komme aus München zurück und plötzlich kein Gerede mehr über statistische Wahrscheinlichkeiten der Schwangerschaft beim so und so vielten Versuch, keine Temperaturmessungen am frühen Morgen, keine Termine mehr bei deinem Frauenarzt. Obwohl ich wusste, dass noch Untersuchungsergebnisse ausstanden und ich dich auch darauf ansprach, bist du jedem Gespräch in dieser Richtung ausgewichen.“ Michael schüttelte den Kopf. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde nicht nachhaken? Wir beide wollten Kinder. Nicht nur du.“
Jetzt erst stand er auf und ging nun seinerseits im Zimmer auf und ab. „Nun gut. Du bist also damals nach London gefahren und ich habe mir einen Termin bei Dr. Palmer geben lassen. Er hat mir klipp und klar gesagt, dass ich mit 95%iger Wahrscheinlichkeit niemals Kinder zeugen werde. Ich hatte zwei Wochen Zeit, das zu verdauen. Dann kamst du aus England zurück. Von Bernd Brück.“ Christine schrie auf, doch es kam kaum mehr als ein Wimmern aus ihrem Munde.
Michael lachte trocken. „Ich bitte dich Christine, du konntest doch nicht so naiv sein! Du warst völlig verändert, sprachst kaum mit mir, brachst bei der kleinsten Gelegenheit in Weinen aus und hast kaum noch gegessen. Du liefst rum wie ein Gespenst. Als du anfingst zu kotzen, wollte ich schon einen Therapeuten suchen. Ich glaubte tatsächlich, du hättest Bulimie oder so was, als verspätete Reaktion darauf, dass wir keine Kinder zusammen haben können. Dabei warst du schwanger. Von einem alten Verehrer. Ich war tatsächlich nicht sicher, ob ich dich oder mich selbst von der Brücke schubsen sollte. Das Einzige, was mich daran hinderte, war das Kind in deinem Bauch. Als ich das erste Ultraschallbild sah, nahm ich es einfach als mein Kind an. Meinen Sohn. Wer war schon dieser Bernd Brück? Nur eine Schattenfigur aus deiner Vergangenheit.“ Michael lehnte sich vor und beobachtete Christines Gesicht. „Ihm hast du auch nichts erzählt, oder?“
Die Schärfe in seiner Stimme war nicht zu überhören und Christine zuckte zusammen. „Nein, er hat keine Ahnung. Ich wusste damals nicht, was ich machen sollte. Ich wusste ja anfangs nicht einmal, dass ich schwanger bin. Ich wollte es aufklären. Aber als ich mich endlich so weit im Griff hatte, warst du wegen deiner alten Firma völlig am Boden zerstört. Ich wollte dich nicht noch tiefer in den Dreck treten. Und Bernd war wie vom Erdboden verschwunden. Und irgendwie dachte ich, was soll’s, Schicksal. Eigentlich war doch alles in Ordnung. Du warst mein Ehemann, wir wollten Kinder, ich wurde schwanger. Ich habe die Lüge so in unser Leben eingebaut, dass ich schon fast selbst daran glaubte. Und noch etwas, Michael, man wird nicht Vater durch die Zeugung allein. Man wird Vater, indem man für das Kind sorgt, sich um es kümmert. Indem man nachts auch einmal aufsteht, wenn es weint oder mit ihm spielt, obwohl die Arbeit einem über den Kopf zu wachsen scheint. Indem man sich mehr für Lego-Autos als für den neuesten Porsche begeistern kann. Und all das hast du getan.“
Christine trat auf Michael zu und nahm seine widerstrebenden Hände in ihre. „Michael, du bist Mark immer ein guter Vater gewesen. Nur das zählt.“
Michael wirkte auch jetzt noch gelassen und sie ließ entmutigt seine Hände aus den ihren gleiten. Wie ein Fluchttier wich sie drei Schritte zurück, nicht sicher, ob der Löwe hungrig oder nur müde war. „Wie hast du von Bernd erfahren?“
Michael zuckte gelangweilt mit den Schultern. „Das war relativ einfach. Da ich nicht die Ursache für deine Schwangerschaft sein konnte, habe ich zwei und zwei zusammengezählt. Es war nicht schwer auszurechnen, dass der Zeitpunkt von Marks Zeugung exakt mit deinem Aufenthalt in London zusammenfiel. Also habe ich Jackson hingeschickt.“
„Du meinst deinen Sicherheitschef?“
Michael nickte. „Damals war er noch Privatdetektiv und hielt sich mit kleineren Aufträgen über Wasser. Er hatte kurz vorher bei der Polizei gekündigt, weil er wohl mit dem Gesetz ein wenig in Konflikt geraten ist. Wie auch immer. Es war für ihn nicht schwer, herauszufinden, wer dich mehrfach im Hotel abholte. Und dass du auch mal für ein ganzes Wochenende verschwunden bist, und zwar in Reiterklamotten, daran konnte man sich ebenfalls lebhaft erinnern. Jackson musste nur noch ein Foto von deinem Lover schießen und es mir faxen. Ich habe Bernd sofort erkannt. Das war’s.“
Michael stand auf. „Jackson hat gut, schnell und diskret gearbeitet. Wir suchten sowieso einen Sicherheitschef, also habe ich ihn angestellt. Zudem ist er sehr loyal, das hat er mir in den letzten Jahren mehr als einmal beweisen können.“ An der Tür verharrte er kurz.
„Übrigens“ fuhr er fort, ohne Christine direkt anzusehen. „Weißt du eigentlich, dass er zur Zeit in Deutschland ist?“
Christines „Ja“ war kaum zu verstehen.
„Du solltest ihm die Wahrheit sagen.“ Damit drückte Michael die Klinke runter und ging, ohne sich nochmals umzusehen.
Kurz danach kam Bea.
„Ich habe gerade Michael auf dem Flur getroffen. Wollte er nicht erst mittags hier sein?“
Fragend schaute Bea auf Christine und erschrak. Christine sah aus, als würde sie jeden Moment umfallen. Und das kam der Wahrheit auch ziemlich nahe. Sie zwang sie, sich auf den Stuhl zu setzen und half ihr, die Beine hoch auf Marks Bett zu legen. „Besser? Möchtest du vielleicht einen Schluck Wasser?“
„Ja, bitte.“
Beas suchender Blick entdeckte das Glas auf dem Boden. Kopfschüttelnd hob sie es auf, spülte es kurz aus und brachte es gefüllt zurück zu Bea. „So, jetzt trink erst mal und dann erzähl.“
„Bea?“ hob Christine an, nachdem sie das Glas halb leer getrunken hatte und wieder etwas Farbe in ihrem Gesicht sichtbar wurde. „Hältst du mich für ein Monster?“
„Was soll denn die dumme Frage?“
Christine zuckte mit den Schultern. „Michael hat mir gerade eröffnet, dass er von Anfang an wusste, dass Mark nicht sein Kind sein kann, weil er unfruchtbar ist. Und er wusste auch die ganze Zeit, dass Bernd der Vater ist. Trotzdem hat er nie etwas gesagt. Ich meine“ und damit stand Christine auf und fing eine erneute Wanderung durch das Zimmer an. „Jeder hat mich immer bedauert, weil Michael so oft fremdging. Und jetzt stellt sich heraus, dass ich einen weitaus schlimmeren Betrug begangen habe. Ich habe ihn nicht nur betrogen und belogen, sondern er wusste es und war Mark trotzdem ein guter Vater.“
Nur das beständige Piepsen der Geräte übertönte Christines Schweigen, bis sie weitersprach. „Und weißt du was noch?“
Bea schüttelte den Kopf.
„Er weiß, dass Bernd hier ist und will, dass ich ihm die Wahrheit sage. Ich glaube tatsächlich, er hat Mitleid mit ihm. Weißt du, ich habe mich immer für einen ziemlich guten Menschen gehalten. Wie konnte ich nur glauben, dass diese Lügen gegenüber Bernd, Michael und auch Mark, das Beste für sie sind. Wie konnte ich nur so arrogant sein, diese meine Entscheidung als die einzig richtige zu sehen?!“
„Christine, jetzt hör’ bitte auf, dich selbst zu zerfleischen. Ja, es stimmt, dass du keinem die Wahrheit gesagt hast. Aber du hattest damals deine Gründe! Ich meine, kaum wird dir klar, dass du Bernd und nicht Michael liebst, ist Bernd auch schon wieder verschwunden. Und diesmal offensichtlich für immer. Kaum hast du das dann notgedrungen akzeptiert, da erfährst du von deiner Schwangerschaft. Plötzlich stehst du da, mit einem heranwachsenden Kind im Bauch, das nicht nur einen Ernährer, sondern einen Vater und eine Mutter braucht, eben eine intakte Familie. Bernd ist nicht auffindbar, aber da ist immer noch Michael. Dein Ehemann, den du bis vor diesem Erlebnis aus ehrlichem Herzen zu lieben glaubtest. Und den du auch immer noch sehr, sehr gerne hattest. Dieser Mann, der dich geheiratet hat, um Kinder zu haben, einen ganzen Stall voll, erinnerst du dich? Und jetzt niemals welche haben würde. War es nicht am besten für alle Beteiligten, einfach den Mund zu halten und das Leben weiter laufen zu lassen, als würde alles seinen normalen Gang gehen?“
Bea beobachtete Christine. Sie schien zumindest aufmerksam zuzuhören. „Ich kann deine Entscheidung damals tatsächlich nachvollziehen. Vielleicht hätte ich auch so gehandelt. Aber jetzt ist der Moment der Wahrheit gekommen. Ohne Wenn und Aber. Wenn du jetzt weiter schweigst, wird Bernd dir nie verzeihen können. Mit Michael hast du schon gesprochen. Das war sehr gut so. Wenn du dich nachher mit Bernd triffst, wirst du ihm auch die Wahrheit sagen. Und du wirst es durchstehen. Was auch immer er dir sagen wird, er hat ein Recht dazu. Er ist Marks Vater und hat die ersten zwölf Jahre seines Kindes nicht erleben dürfen. Du musst ihn an den weiteren Jahren teilhaben lassen. Christine, schau mich doch bitte an“ und mit beiden Händen packt sie Christines Schultern. „Du bist kein Monster. Du warst nur verzweifelt. Verzweifelt, weil du die große Liebe deines Lebens hast gehen lassen. Aber jeder hat eine zweite Chance verdient. Auch du. Jetzt ist die Zeit der großen Aussprache gekommen. Was daraus wird?“ Bea zuckte mit den Schultern. „Das liegt in deiner Hand. Also, wann wirst du dich mit Bernd treffen?“
Christine schaute zur Wanduhr und öffnete zum ersten Mal seit Beas langer Rede den Mund. „In einer halben Stunde.“
„Das ist nicht mehr viel Zeit. Wasch dir dein verheultes Gesicht, du gehst schließlich nicht zum Schafott. Ich hab’ noch etwas MakeUp und eine Bürste für dich. Das muss reichen.“ Und damit kramte sie die benötigten Utensilien aus ihrer großen Handtasche hervor.
Während Christine ihr Gesicht mit kaltem Wasser wusch, redete Bea weiter auf sie ein.
„Michael hat mir übrigens im Flur bereits erzählt, dass Mark heute spontan reagiert hat und Dr. Peters damit rechnet, dass er in den nächsten Tagen aufwachen wird. Du wirst sehen, alles wendet sich noch zum Guten. Mach dir bitte nicht zu viel Sorgen. Ich bleibe auf jeden Fall hier so lange sitzen, bis du wieder kommst, und lese ihm was vor. Lass dir alle Zeit, die du brauchst. Das ist vielleicht die letzte Gelegenheit, um die Gespenster der Vergangenheit zu vertreiben. Verstehst du mich?“
Christine stand vor dem Spiegel und fuhr sich mit kräftigen Bürstenstrichen durch das Haar, bis ihre Kopfhaut schmerzte. Sie sah Bea durch den Spiegel an. „Ja. Und du hast vollkommen Recht. Ich habe schon viel zu lange in diesem Lügengebäude gewohnt. Ich werde Bernd alles erzählen. Dass ich ihn liebe. Und dass Mark sein Kind ist. Wahrscheinlich wird er mich dafür hassen. Auch gut. Auf jeden Fall, wissen wir dann endlich alle, woran wir sind.“
Entschlossen wand sie sich um und versuchte ein Lächeln. „Wie sehe ich aus?“
Sie ging zu Fuß.
Es war nicht unbedingt vorhersehbar, ob das Wetter halbwegs halten oder sie im Stich lassen würde, denn es nieselte leicht. Weiter hinten jedoch lockerten die Wolken etwas auf und sie brauchte einfach Sauerstoff. Für ihre Lungen, ihre Muskeln, ihr Herz.
Sie folgte der kleinen Straße bis zu den Eisenbahn-Schienen und stoppte vor den geschlossenen Schranken. Es warteten nur wenige Autos, mehrheitlich waren es Radfahrer, Studenten, die zu ihren Vorlesungen an der Universität am Hofgarten fuhren. Zwei Züge rauschten dicht hintereinander an ihr vorbei, so dass ihre langen Haare ungezügelt vor ihrem Gesicht tanzten. Endlich erhoben sich die Schranken und alle konnten passieren. Bis zum Haupt-Bahnhof waren es nur zehn Minuten und von da aus ging es weiter, quer durch die Fußgänger-Zone.
Erstaunlich, trotz des kühlen Wetters und der frühen Uhrzeit, waren viele Leute in der Stadt unterwegs. Sie sah die typisch gehetzte Hausfrau, zwei Kleinkinder an der Hand, am Markt mit der Verkäuferin reden und gleichzeitig beide Kinder im Auge behalten, obwohl diese in alle Richtungen liefen, um Tauben zu jagen. Sie sah den Geschäftsmann im dunklen Anzug und Knopf im Ohr, um nicht das Handy selbst halten zu müssen. Die neueste Errungenschaft, die der Mann – oder die Frau – von heute haben musste. Sie lächelte, als eben dieser Geschäftsmann mit dem seriösen Kurzhaarschnitt sich umdrehte, eine junge Frau mit knallroten Haaren herzhaft auf den Mund küsste und dabei seine eigenen Ohrringe im Licht blitzten.
Sie überquerte den Marktplatz und achtete mehr auf die Stolperrillen des Kopfsteinpflasters als auf die entgegen kommenden Menschen, die ihr in den engen Gängen zwischen den Marktständen nur schwer ausweichen konnte. Immer weiter ging es Richtung Bertha-von-Suttner-Platz, wo erst das hektische Klingeln einer herannahenden Straßenbahn sie brutal aus ihren schlendernden Gedanken riss. Sie war wieder in der Wirklichkeit.
Vor ihr lag das Maritim und sie verspürte einen solchen Magendruck, dass sie nicht wusste, ob ihr Magen oder ihr Herz bis zum Hals klopfte. Sie gab sich einen Ruck und ging durch die Drehtür.
Die Eingangshalle war leer. An der Rezeption arbeiteten ein Mann und eine Frau, im typisch dezenten Dunkel-Blau gekleidet. Langsam ging sie auf die sie höflich ansehenden Gesichter zu.
„Entschuldigung“ sprach sie den Mann an. „Können Sie mir sagen, wo ich das Restaurant finde?“
„Aber gern“ antwortete das Gesicht mit dem genormten Lächeln und einem unüberhörbaren, amerikanischem Akzent.
„Nicht nötig, ich werde die Dame dorthin geleiten.“ Das Lächeln wand sich dem Neuankömmling zu, ohne auch nur das Aufflackern einer Verwunderung erkennen zu lassen. Es war Bernd.
Wie aus dem Nichts war er über die weichen Teppiche an der Rezeption aufgetaucht und schaute Christine ohne ein weiteres Wort der Begrüßung an. „Gehen wir?“
Christine nickte und schritt neben ihm her zu einer großen Flügeltür, über der in goldenen Lettern Restaurant zu lesen war.
Er sah tatsächlich noch besser aus als vor dreizehn Jahren. Seine Stirn hatte dank zweier nicht zu übersehender Geheimratsecken endlich das Gegengewicht zu den immer noch strahlend blauen Augen gebildet, um dem ganzen Gesicht eine altersgerechte Ernsthaftigkeit zu verleihen. Sein Mund schien leicht zu lächeln, wenn dies auch unter dem neuen Bart schwerlich zu erkennen war. Alles in allem ein beeindruckender Mann, der sich in diesem Ambiente gewohnt stolz und aufrecht bewegte.
Christine dagegen fühlte sich etwas verloren in ihrer ausgeleierten Jeans samt einem Gürtel, die wahrscheinlich schon die Besiedelung des wilden Westens erlebt hatten, um nun an Christines Taille dem verdienten Ruhestand entgegenzusehen. Dazu ein einfaches, wenn auch farbenprächtiges Rosen-T-Shirt. Und da der Nieselregen sie doch den ganzen Weg treulich begleitet hatte, klebten nun ihre langen Haare am Ledermantel. Zumindest ein Teil, dachte sie verlegen, dass sie nicht wie eine hergelaufene Frau von der Straße aussehen ließ.
Leider musste sie dieses gute Stück am Eingang des Restaurants einer herbeieilenden Angestellten übergeben, die ihn gemeinsam mit Bernds Jacke freundlich lächelnd zur Garderobe trug. Dann wurden sie zum Tisch geführt, den Bernd offensichtlich hatte reservieren lassen. Sie setzten sich. Nachdem Bernd bei dem nächsten heraneilenden, dienstbaren Geist eine Flasche Rotwein von der Ahr geordert hatte, waren sie endlich allein.
Christine öffnete den Mund, um zu reden, schloss ihn jedoch wieder. Erst beim zweiten Versuch gelang es ihr, einen hörbaren Laut hervorzubringen.
„Wie bitte?“ fragte Bernd. Christine zögerte. Hatte sie gar nicht gesprochen, sondern nur gedacht, gesprochen zu haben? Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und versuchte es ein weiteres Mal.
„Wie geht es dir?“
„Gut so weit. Und dir?“ Bernd nahm die Speisekarte zur Hand und fing an, diese, scheinbar unberührt von der ganzen Situation, zu studieren.
Christine schluckte. Sie wusste genau, dass sie ihm jetzt die Wahrheit erzählen musste, die ganze Wahrheit, von Anfang an. Und dies so schnell wie möglich, um endlich diesen Druck in ihrem Kopf loszuwerden und wieder klar denken zu können. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, schaute nicht einmal auf und fing einfach an zu sprechen.
Über ihre Empfindungen, als er damals weg ritt. Über ihre Unfähigkeit, sich zu entscheiden, und über die Entdeckung ihrer Schwangerschaft. Ohne Bernd anzuschauen, ohne Luft zu holen, um ihm nur ja nicht die Möglichkeit zu geben, ihre Beichte zu unterbrechen, fuhr sie fort und erzählte über die ersten Jahre mit Mark. Über ihre Trennung von Michael. Und über ihren Neuanfang vor einiger Zeit in der Agentur. Und dann dieser schreckliche Unfall.
Hier stockte sie zum ersten Mal und nahm einen Schluck Rotwein, der, von ihr unbemerkt, inzwischen serviert worden war. Bernd sprach auch jetzt noch kein Wort und wartete, bis sie weitererzählte.
„Heute hat er zum ersten Mal auf einen äußeren Reiz reagiert. Ich habe ihm vorgelesen, aus einem seiner alten Lieblingsbücher. Die Ärzte meinen, dass er in den nächsten Tagen aus seinem Koma aufwachen wird. Das dieses Koma nur von seinem Körper zum Schutz vor den Schmerzen geschaffen wurde. Und das jetzt, wo alles gut verheilt, dieser Körper nur noch einen kleinen Anstoß braucht, um wieder aufzuwachen.“
Christine blickte auf und sah ihn an, versuchte, etwas in seinen Gesichtszügen zu finden, was ihr weiterhalf. Doch da war nichts. „Bernd, ich weiß nicht, ob du mir jemals verzeihen wirst. Ich hoffe, du bist lange genug hier in Deutschland, um Mark kennen zu lernen, wenn er jetzt aufwacht. Ich habe vieles falsch gemacht, ja. Aber ich habe es nicht besser verstanden. Glaube mir, damit möchte ich mich nicht rausreden, ich möchte dich nur bitten, mir zu glauben, dass ich dir heute die Wahrheit erzählt habe. Ohne Umschweife, ohne Beschönigungen. Die ganze, schlichte Wahrheit. Ich möchte dich nie wieder anlügen oder irgend etwas vor dir verschweigen. Außer Mark bist du tatsächlich der einzige Mensch in meinem Leben, dessen Achtung ich mir so sehr ersehne … so sehr.“
Damit verstummte sie und versuchte, ihre trocken geredeten Lippen mit der Zunge wieder anzufeuchten. Doch es half nicht sonderlich. So trank sie ihr Glas in einem Zug leer. Ein warmes Gefühl rann ihre Kehle herunter und sie fühlte sich immer leichter. Sie wusste nicht, ob es am Alkohol lag. Schließlich hatte sie außer einem Apfel heute morgen noch nichts gegessen. Oder daran, dass sie endlich aussprechen konnte, was den Stein auf ihrer Seele über Jahre hinweg zu einem Felsbrocken wachsen ließ und der jetzt langsam zerbröselte.
„Es wurde wirklich Zeit, dass du mir das sagst.“ Bernd sprach leise, aber sehr bestimmt und ließ sie, nachdem er sie zum ersten Male offen anschaute, nicht mehr aus den Augen. „Ich weiß nicht, ob ich dir glauben soll, dass du mich liebst. Ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt noch wissen möchte. Dass du mir jedoch das Wissen über meinen Sohn vorenthalten hast … Es hat mich fast umgebracht, als ich es letztes Jahr entdeckte.“
Ungläubig hörte sie seine letzten drei Worte wie ein Echo in ihrem Kopf, das von einer Seite zur anderen sprang. Er hat es gewusst! Ging sie denn als Einzige blind durch das Leben, gefangen in einem Lügengebäude, von dem sie bisher glaubte, es wäre unzerstörbar? Während Bernd weitersprach, trommelte die Erkenntnis wie ein ganzes Blitzlichtgewitter in Christines Kopf, dass dieses Lügengebilde nur zum Schutz ihrer eigenen Gefühle und nicht die der anderen war. Um nicht zu sehen, dass sie damals hätte aufstehen müssen, es laut herausschreien, dass sie Bernd liebt und ein Kind von ihm trägt. Und nicht zu schweigen aus Angst, unbekannte Wege einzuschlagen oder irgend jemanden auf die Füße zu treten. Sie allein hatte Schuld. Und mit dieser neu erwachten Klarheit in ihren Gedanken, die nicht mehr nur auf ihre persönlichen Gefühle fokussiert waren, hörte sie Bernd weiter zu.
„Es traf mich völlig unvorbereitet. Es war der Geburtstag meiner Mutter und ich habe ihr Grab besucht. Ich weiß nicht mehr warum, aber anschließen bin ich zum Sportplatz unserer alten Schule marschiert und habe da ein paar Kids beobachtet, die Basketball spielten. Ich habe gar nicht so genau hingeschaut, bis mich ein Mann anstupste, und mich fragte, ob das da mein Sohn wäre, der gerade einen Korb geworfen hatte. Ich war völlig irritiert und habe irgend etwas geantwortet, was ich schon wieder vergessen habe. Und dann habe ich diesen Jungen genauer beobachtet, der da schwitzend in einem Zweikampf um einen Ball verstrickt war, nur um ihn erneut in einen Punkt zu verwandeln und das Spiel zu beenden. Lachend fuhr der Junge sich mit den Händen durch seine Haare mit der gleichen Bewegung, die ich fast täglich in meinem eigenen Spiegel sehe. Und plötzlich hatte ich ein Déjà-vu-Erlebnis, und sah mich selbst wie damals vor über zwanzig Jahren in genauso einen Zweikampf um einen Ball kämpfte. Und ich sah dich am Spielfeld-Rand stehen, mir zuwinkend und so lautstark anfeuernd, dass ich selbst auf die Entfernung deine Zunge im Mund erkennen konnte.“
Selbst in der Erinnerung schüttelte Bernd ungläubig den Kopf. „Ich versuchte zu schätzen, wie alt er war und kam so auf zehn, elf Jahre. Die Erkenntnis traf mich wie ein Boxschlag mitten in den Magen, ohne Vorwarnung. Ich stand da, an diesem Sportplatz, neben diesem völlig fremden Mann und fing an zu weinen, weil innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde die ganze Bedeutung dieser Begegnung über mich hereinbrach. Christine, wie konntest du mir nur so weh tun. Du wusstest, dass ich niemals jemand anders als dich geliebt habe. Und du bist einfach gegangen. Und dann empfängst du in dieser einen Nacht ein Kind. Mein Kind.“ Das Unglaubliche dieser Entdeckung stand Bernd auch heute noch ins Gesicht geschrieben, und Christine sah ihn so am Spielfeldrand stehen.
„Ich habe versucht, dich zu finden.“ Ganz leise, kaum hörbar kam Christines Stimme über den Tisch. Bernd hatte sich wieder im Griff und trank ein wenig von seinem Wein. „Ich weiß.“
„Du hast gewusst, dass ich dich suchte?“
Bernd nickte. „Ja. Ich hatte im ersten Jahr noch ab und an Kontakte zu meiner alten Firma. Das Sekretariat hat mir erzählt, dass eine Frau aus Deutschland mehrfach versucht hätte, mich zu erreichen. Ich habe gesagt, ich kümmere mich selbst darum, und sie mögen bitte meine Adresse nicht weitergeben. Wie du siehst,“ und damit lehnte sich Bernd scheinbar entspannt in seinem Stuhl zurück, „bin auch ich nicht ganz ohne Schuld an dieser Situation.“
Christine fühlte, wie eine kalte Hand nach ihrem Herzen griff. Nein, sie war nicht erleichtert darüber, dass Bernd eine gewisse Mitschuld auf sich nahm. Sie hatte ihr Herz ausgeschüttet, sich innerlich völlig nackt ausgezogen. Noch nie hatte sie so viel von sich selbst offenbart. Sie hatte mit Vorwürfen gerechnet, mit Anschuldigungen und war bereit, diese ohne Widerspruch entgegenzunehmen. Aber sie hatte beileibe nicht mit dieser Gelassenheit, fast Gleichgültigkeit, gerechnet, die Bernd hier ihr gegenüber an den Tag legte. Das war zu viel. Sie riss sich so zusammen, dass ihr Herz schmerzte und als Seitenstiche in den Rücken zog.
„Also warst du das vor ein paar Tagen im Krankenhaus. Du hast Mark besucht, oder?“
Bernd nickte. Immer noch verriet sein Gesicht keine Regung. „Ich bin am Freitag am Köln/Bonner Flughafen gelandet. Ich hatte lange überlegt, was ich tun sollte, zu lange. Aber dann hatte ich nur noch einen Gedanken. Ich wollte dich und Mark sehen, um reinen Tisch machen zu können. Also flog ich nach Deutschland. Es war so gegen Abend, als ich vor deinem Haus stand und klingelte. Ich glaube, es war eine Nachbarin, die mir sagte, dass du ins Krankenhaus gefahren wärst, weil dein Junge einen Unfall gehabt hätte.“ Ohne zu fragen, füllte er ihre beiden Gläser auf. „Ich konnte zunächst nichts tun und fuhr ins Maritim, um einzuchecken. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass es tatsächlich so ernst aussah. Als ich es dann erfuhr, wusste ich zunächst nicht, was ich machen sollte. Dich in so einer Situation zur Rede zu stellen, war wohl nicht ganz passend. Aber ich wollte wissen, wie es Mark geht. Meinem Sohn. Weißt du, dieser Gedanke war ein ganz neues Gefühl für mich. Und da konnte ich einfach nicht anders und habe die erste Gelegenheit genutzt, um ihn zu sehen.“
Gedankenverloren spiele er mit dem dünnen Stil des Rotweinglases. „Die Schwester hatte mir sofort abgenommen, sein Onkel zu sein. Er sieht mir ja tatsächlich ähnlich.“
Bevor Christine es unterdrücken konnte, lächelte sie Bernd zärtlich an. „Oh ja, das tut er. Er hat mich immer an dich erinnert. Jede Minute seines Lebens, vor allem, wenn er mich so von unten herauf angelächelt hatte. Das war dein Gesicht. Ich durfte es jeden Tag sehen. Dies war Trost und Folter zugleich für mich. Glaubst du mir das?“
Bernd zuckte die Schultern. „Vielleicht.“
Eine Stille stand zwischen den beiden, nicht voller Vertrauen, Ruhe und Gelassenheit wie früher. Nein, voller Spannung, die nur auf den Funken wartete, um zu explodieren. Da fiel Christine noch etwas ein. „Bernd, warum hast du eigentlich mit Mark englisch gesprochen?“
Bernd schmunzelte in der Erinnerung. „Du darfst nicht vergessen, dass diese Schwester mich zwar ohne Probleme als Marks Onkel akzeptierte. Da sie mich aber vorher noch nie gesehen hatte und eine ausgesprochen neugierige Person war, ließ sie uns beide nicht eine Sekunde allein. Ein kleiner Testsatz zeigte mir sofort, dass sie kein Wort Englisch sprach. So konnte ich Mark alles erzählen, ohne dass irgend jemand davon erfahren hätte. Und ich hatte ihm viel zu erzählen.“
„Was denn?“
Sofort trat ein verschlossener Zug in Bernds Gesicht. „Das war nur für seine Ohren bestimmt.“
Christine nickte. „Ich verstehe.“
Jetzt wurde Bernds Stimme ungeduldig. „Tatsächlich? Ich bin mir da nicht so sicher. Hast eigentlich du oder dein Ex-Mann diesen Detektiv hinter mir hergeschickt.“
Im ersten Moment wusste sie nicht, wovon Bernd sprach, aber dann fiel ihr Jackson ein. „Meinst du Jackson? Das ist der Sicherheitschef von Michael. Ich habe wirklich nichts mit diesem Mann zu tun. Was wollte er denn von dir?“ Besorgt schaute sie Bernd an. Dann, plötzlich, überkam sie ein Gedanke und dieser ließ sie erblassen.
Auch Bernd blieb dies nicht verborgen. „Also wusstest du doch davon?“
„Nein, bitte glaube mir. Ich habe wirklich gar nichts mit Jackson zu tun. Um ehrlich zu sein, habe ich auch nicht mehr sehr viel mit Michael zu tun. Aber darum geht es hier jetzt nicht. Ich denke, das Problem ist ein anderes. Jackson hat herausgefunden, dass der Unfallwagen ein englisches Fabrikat war. Und du lebst in England. Vielleicht hat er geglaubt, dass …“
Bernd stieg die Zornesröte ins Gesicht. „Du willst doch nicht behaupten, dass ihr tatsächlich geglaubt habt, ich könnte ein Kind überfahren und einfach abhauen? Noch dazu mein eigenes? Was willst du mir eigentlich noch alles antun?“ Bernds Stimme übertönte die Gespräche der anderen Restaurant-Besucher, die irritiert aber auch neugierig zu den beiden rüber schauten. Der Ober nahm die Gelegenheit war, an den Tisch zu kommen und nach den weiteren Wünschen zu fragen. Bernd winkte jedoch so energisch ab, dass sich der Ober schnellstens und ohne ein weiteres Wort zurückzog.
Doch nun regte sich Christines Widerspruchsgeist. „Nein, Bernd, ich will dir gar nichts antun. Und das solltest du mir auch langsam glauben. Ich habe dir heute geschworen, dir nie wieder etwas zu verheimlichen. Das war mir sehr ernst. Ich habe dir meine innersten Gefühle offenbart, die selbst ich bis vor kurzem noch nicht kannte. Zugegeben, ich habe großen Mist gebaut. Aber das war in der Vergangenheit! Was sollen also diese Anschuldigungen jetzt?“ Christines Hände zitterten, sie bekam kaum Luft vor lauter Seitenstichen und fühlte einen Kloß ihre Luftröhre hoch wandern, der ihr mit Sicherheit sagte, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, bevor sie dem langen fälligen Nervenzusammenbruch erliegen würde. Aber nicht hier. Das schwor sie sich und begann, langsam und bewusst zu atmen. Und tatsächlich. Ihr Pulsschlag wurde ruhiger und der Nebel lichtete sich, so dass sie sein etwas besorgtes, aber doch freundlicher erscheinendes Gesicht wieder sehen konnte.
„Entschuldige bitte. Ich denke, wir sind beide mit der ganzen Situation etwas überfordert. Vielleicht machen wir einen Moment Pause. Möchtest du etwas essen?“
Doch Christine konnte jetzt nicht mehr. Wieder fühlte sie, wie ihr Herz anfing zu rasen, wie die Hitze hochkroch und ihren Blick erneut vernebelte. Nur noch ein paar Minuten, schwor sie sich. Nicht mehr lange, und du hast es geschafft. Langsam und sehr, sehr vorsichtig stand sie auf. „Danke Bernd, aber ich denke, ich habe genug für heute. Außerdem muss ich zurück zu Mark. Ruf mich doch in den nächsten Tagen an, ich halte dich dann auf dem Laufenden.“
Die Antwort von Bernd konnte sie durch das Rauschen ihrer Ohren nicht hören. Nur raus hier. Dieser Gedanke war das Einzige, das sie noch auf den Beinen hielt.
Frische Luft! Wo war nur der Ausgang? Schwankend durchmaß sie das Restaurant, durchschritt die Flügeltür und erkannte wie das Licht am Ende eines Tunnels die Drehtüre nach draußen.
Die Sonne blendete sie und sie hob schützend die Hand vor ihre Augen. Dann war es Nacht, pechschwarze Nacht. Nur ein eintöniges Summen drang in ihr Gehirn.
Sie fiel, bereits ohne Bewusstsein. So konnte sie auch nicht merken, dass es Bernd war, der sie auffing.
Als sie erwachte, lag sie auf einer kahlen Liege in einem Raum mit vielen Geräten. Sie blinzelte, denn eine helle Deckenlampe schien ihr direkt ins Gesicht. Das Rauschen in ihrem Kopf entzerrte sich und sie erkannte menschliche Stimmen, darunter die ihrer Schwester. „Christine, komm endlich zu dir.“
Verwundert öffnete sie die Augen und sah Beas Gesicht dicht vor ihr. „Was ist passiert?“
Bea heulte fast vor Erleichterung. „Alles ist passiert! Mark ist aufgewacht und er hat nach dir gefragt! Ich habe sofort im Maritim angerufen. Die waren in heller Aufregung und haben mich mit Bernd verbunden. Und der erzählt mir, dass du gerade ins Krankenhaus gebracht wirst, weil du einen Kreislaufkollaps hattest. Konntest du dir nicht einen besseren Zeitpunkt dafür aussuchen?“ Lachend und weinend drückte Bea Christines kalte Hand, in die langsam wieder Wärme einzog.
„Mark ist aufgewacht? Mein Gott, und ich war nicht da. Bitte, hilf mir, ich will sofort zu ihm. Ist er etwa allein?“
„Nein, Michael ist da.“ Bea drückte Christine zurück auf die Liege. „Warte noch eine halbe Stunde. Die Schwester kommt gleich und misst deinen Blutdruck. Dann bringe ich dich hoch zu Mark. Okay?“
Christine ergab sich und schloss erschöpft für einen kurzen Moment die Augen und die Erinnerung an die Ereignisse der letzten Stunden kam sofort zurück.
„Hat Bernd was zu dir gesagt?“
Bea schüttelte den Kopf. „Nein, nichts. Sollte er?“
Christine antwortete nicht, nur eine Träne lief aus ihren geschlossenen Augen.
Eine knappe Stunde später nahm sie Mark in die Arme und hielt ihn fest, ganz fest. „Mama, lass doch, ich krieg’ keine Luft mehr.“ Etwas verlegen wand sich Mark aus den Armen von Christine. „Mir geht’s wirklich gut. Papa hat mir schon alles erklärt und der Arzt hat gesagt, dass ich bald nach Hause darf. Jetzt hör auf zu weinen, okay?“
Christine wischte sich ihre Tränen aus dem lachenden Gesicht. „Schon okay. Wir hatten nur so eine Angst um dich. Rob hat übrigens nach dir gefragt, er wollte dich besuchen. Ich denke, wenn Dr. Peters nichts dagegen hat, kann er morgen vorbeikommen. Ist dir das recht?“
„Mensch, das wäre prima. Und sag ihm, er soll seinen Gameboy nicht vergessen. Ich vergehe hier sonst vor lauter Langeweile!“ Und voller Vorfreude sprangen seine Finger über die Decke.
„Okay mein Schatz, aber nur ausnahmsweise. Und wenn du wirklich so große Langeweile hast, macht es dir sicherlich nichts aus, wenn ich dir noch ein paar Schulbücher oben drauf lege, oder?“
„Och Mama, muss das denn sein? Kann das nicht noch warten?“ Marks Enttäuschung über die zerstörte Hoffnung eines kleinen Urlaubs stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Bea und Christine konnten nur lauthals lachen. Das war Mark, wie er leibt und lebte. Er war wieder da.
Als Christine spät abends nach Hause kam, fand sie vor ihrer Tür ein großes Paket mit ihrem Namen, aber ohne Anschrift. Verwundert nahm sie es an sich und suchte nach dem Absender. In gleichen Moment klingelte das Telefon durch die Tür und Christine schloss schnell auf. Es war Michael. „Hallo Christine, ich hatte gehofft, dass du schon da bist.“
Mit einem Fußtritt schloss Christine die Haustür, ließ das Paket fallen und setzte sich mit dem Telefon auf den untersten Treppenabsatz. „Ich bin gerade im Moment hereingekommen. Was ist denn los?“
„Stell dir vor, Jackson hat gerade angerufen. Sie haben ihn gefunden.“
Christine verstand nicht sofort. „Wen haben sie gefunden.“
„Na, den Fahrer. Es war ein junger Mann, der sich einen original englischen Rolls Royce gemietet hatte, um seine Freundin zu beeindrucken. Die wohnt in Frankfurt und genau da hat die Polizei den Wagen gefunden. Mit dem zerbeulten Kühler und dem Bonner Kennzeichen war schnell klar, um was für ein Fahrzeug es sich handelte und die Autovermieter rückten natürlich sofort mit der Adresse raus. Der Mann sitzt jetzt in Untersuchungshaft.“
Christine hatte mittlerweile ihren Mantel ausgezogen und klemmte das Telefon unter das andere Ohr während sie das Paket im Blickfeld hielt. „Hoffentlich brummen sie ihm ordentlich was auf. Ich bin übrigens morgen früh wieder bei Mark, kommst du auch?“
„Ich denke schon, aber etwas später. Ich wollte vorher noch mit Jackson bei der Polizei vorbei.“
Christine stand auf und ging mit dem Telefon Richtung Kommode. „Alles klar, dann bis morgen.“
„Bis morgen und schlaf dich mal ordentlich aus. Tschüss.“ Dann legten sie beide auf und Christine steckte das Telefon zum Aufladen zurück in die Basisstation.
Das Paket nahm sie mit in die Küche auf der Suche nach einer Schere, um die Kordel aufzuschneiden. Sie beschlich ein seltsames Gefühl.
Der Karton war alt, sie erkannte dies an dem ehemaligen Weiß unter dem Gilb. Gespannt nahm sie den Deckel ab. Obenauf lag eine kurze Notiz. „Es hat lange auf dich gewartet. Ich glaube, es könnte dir noch passen. Bernd.“
Vorsichtig schob sie mehrere Lagen weißen Seidenpapiers zur Seite. Zum Vorschein kam das rote Abendkleid, in das sie sich vor fast vierzehn Jahren in einer Londoner Boutique verliebte und nicht kaufen konnte. Fassungslos fiel sie auf einen Küchenstuhl und fragte sich, wann endlich Ruhe in ihrem Leben einkehren würde.
Epilog
Die Tür knallte mit so viel Schwung ins Schloss, dass das ganze Haus wackelte. Christine lächelte.
Vorsichtig hielt sie ihre erdigen Hände hoch und ging zum Spülbecken. Schnell wusch sie die Blumenerde ab und beobachtete das braune Wasser, welches in kleinen Kreisen, den Abfluss herunterlief.
Wo war nur die Handbürste? Unter ihren Fingernägeln befand sich so viel Dreck, dass sie davon wahrhaftig einen zweiten Kübel mit Blumen auf der Terrasse hätte bepflanzen können. Suchend und mit noch tropfenden Händen wanderte ihr Blick durch die Küche.
Seit Mark vor drei Wochen aus der Rehabilitations-Klinik entlassen wurde, war er nur noch auf dem Sprung. Als wenn er die verlorene Zeit seines Krankenhaus-Aufenthaltes nachholen musste.
Es klingelte und sie musste erneut lächeln. Das konnte nur Mark sein. Er war auf dem Weg zum Basketball-Training und hatte mit Sicherheit irgendwas vergessen. Zu trinken, ein Handtuch oder was auch immer.
Es klingelte ein zweites Mal und sie schrie nur „Hintenrum!“ so laut sie konnte. Wann würde der Junge endlich lernen, dass die Terrassentür grundsätzlich für ihn und seine Freunde offenstand. Wäre dem nicht so, könnte sie mittlerweile mit Leichtigkeit an einem Marathon teilnehmen und diesen sicherlich auch gewinnen.
Leise den neuesten Hit von Whitney Houston summend, machte sie sich daran, mit einem Zahnstocher unter dem laufenden Wasserhahn ihre Fingernägel zu reinigen. Draußen schien die Sonne und einige Bienen umschwirrten den kleinen Apfelbaum, der dieses Jahr zum ersten Mal Früchte trug. Langsam fühlte sie eine gewisse Unruhe ihren Rücken hochkriechen. Irgend etwas stimmte nicht. Aber was?
Wie ein Echo hallte das Türklingeln erneut in ihrer Erinnerung. Wo war Mark? Wer hatte eigentlich geklingelt?
Alarmiert drehte sie sich um, ging durch die Küche ins Wohnzimmer und schaute durch die Terrassentür in den Garten. Sie musste die Augen zusammenkneifen, um den Mann im Gegenlicht zu erkennen, der lässig im offenen Türrahmen lehnte. Zunächst sah sie jedoch nicht mehr als einen Vollbart, über den ein paar besonders helle Augen zu strahlen schienen.
„Hallo Christine,“ sprach eine raue und bestens bekannte Stimme mitten aus den dunklen Umrissen. „Ich dachte, wir könnten heute ausreiten. Die Sonne scheint so schön. Hättest du ein Pferd für mich?“
Sie schnappte tatsächlich wie ein glitschiger Fisch nach Luft. Um sie drehte sich alles und aus diesen, immer schneller werdenden, sich nach innen verengenden Kreisen, löste sich allmählich der Schatten dieses Mannes und fing sie im letzten Moment auf. Es dauerte einige Sekunden, bevor sich die Kreisel um Christine verflüchtigten und auch sie selbst sich nicht mehr drehte. Ungläubig öffnete sie die Augen und sah Bernds Gesicht unmittelbar vor ihr.
Er lächelte sie aus seinen tiefblauen Augen an. „Ich muss tatsächlich eine umwerfende Wirkung auf dich haben. Ich hoffe jedoch, dass sich das irgendwann einmal ändert. Ich möchte dich nicht immer wieder ins Krankenhaus fahren müssen.“
Sie schluckte. „Schon mal was von Anmelden gehört?“
Bernd lächelte und hielt sie weiterhin fest. „Wozu?“
Und dann küsst er sie mitten auf den Mund.
Lange.
Sehr lange.
Ende