Metamorphose zur Problembär:in
Die Stiftung Brückner-Kühner und der Verlag S. Fischer Theater & Medien rufen seit 2020 ungehaltene Frauen dazu auf, ihre ungehaltenen Reden einzureichen. Wie 212 andere Frauen auch habe ich mich 2025 mit meinem Beitrag ›Die Problembär:in‹ beworben.
Um es vorwegzunehmen, meine Problembär:in gehört nicht zu den ersten sechs Preisträgerinnen, findet sich aber neben all den anderen ›ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen‹ auf deren Homepage und auf YouTube. Nebenwirkung: Die Problembär:in ist geweckt worden, und ich bin ihr Sprachrohr:
Die Problembär:in und was sie zu sagen hat
Dezember 2025: Blick auf die Frau in unserer Gesellschaft
Das Bild der Frau in Religion, der Gesellschaft, Forschung, Arbeitsmarkt …. ich denke, alle wissen, wovon meine Problembär:in reden möchte. Warum das in 2025 immer noch nötig ist, ist eine gute Frage, auf die es nicht nur eine Antwort gibt. Liegt es an den unruhigen Zeiten, dass manche Mitbürger in alte Muster zurückfallen wollen, obwohl das – sorry – nur von absoluter Dummheit zeugt? Sich wieder Demagogen an den Hals zu (unter)werfen, obwohl die Geschichtsbücher zeigen, wohin das führt? Die Meinung der Problembär:in findet ihr
- als Video auf YouTube oder
- als Beitrag ein paar Zeilen tiefer
Hören oder Lesen – egal, Hauptsache Denken 😎
Die erste Rede der Problembär:in
Bevor ich mich bei Ihnen allen dafür entschuldigen möchte, dass ich nicht nur eine Frau, sondern auch eine Problembär:in bin, möchte ich mich bedanken. Bedanken dafür, dass wir bereits seit der Weimarer Republik wählen und seit 1949 rechtlich dem Manne gleichgestellt sind. Gut, in der damaligen Sowjetunion war dies schon 1918 und in der Türkei 1926 der Fall. Aber wir Deutschen lieben die Gründlichkeit und das braucht nun mal Zeit.
Und es ging zügig weiter mit der Gleichstellung. Bereits 1957 durfte die deutsche Frau arbeiten. Natürlich nur, wenn der Ehegatte zustimmte, der Beruf den ehelichen Pflichten nicht im Wege stand und der Lohn ihr Taschengeld nur unwesentlich erhöhte.
Selbstverständlich sehe und anerkenne ich den zügigen Fortschritt in unserem Lande und was bedeutet das alles im Vergleich zu meinem neuen Adelstitel, erkennbar an dem ‚in‘. Nicht am Wortanfang, wie der Herr Doktor, aber zumindest am Ende. Ich bin, und das sage ich mit vollem Stolz, eine Problembär:in.
Ich möchte Ihnen, und damit meine ich vor allem die anwesenden Herren, keine Angst machen. Gott bewahre, wenn ich nur an das unrühmliche Ende von Bruno, dem männlichen Problembär, denke. Aber wir Frauen machen Männern nun mal Angst. Das war schon bei Adam und Eva so. Warum in Drei-Gottes-Namen hätte Adam sonst diesen verdammten Apfel gegessen.
Ungewaschen. Da kriegt man doch Plaque von.
Aber ich streife ab. Wo war ich? Ach ja, bei Gott. Schickt seinen Sohn per unbefleckter Empfängnis in die irdische Welt und so weiter, wir alle kennen die Geschichte, und lässt ihn am Ende am Kreuz den Heldentod sterben. Maria Magdalena, seine Geliebte, hat er leben und ihre Trauer in die Ewigkeit meißeln lassen. Frauen können einfach viel emotionaler trauern, das macht sich auch in den späteren Filmen bemerkbar. Ich finde, er hat da echten Weitblick bewiesen.
Aber wie wir alle wissen, gab es damals weder YouTube noch Instagram, und die Apostel und Co. mussten sich etwas anderes überlegen. Es gab bereits das Alte Testament, jetzt war es Zeit für ein Update, und das möglichst schnell. Schließlich war ihr charismatischer Anführer weg und wie sollte man sonst die ganzen Frauen im Griff behalten, die weiter Jesus und seine Ideen von Liebe und Frieden anbeteten?
Maria Magdalena hat man dazu nicht befragt. Und überhaupt, was heißt hier ›schnell‹? Die Herren haben sich über hundert Jahre Zeit gelassen und immer mal wieder was geändert. Ich bin nicht sicher, ob mein Chef das akzeptiert hätte.
Die Juden waren da mit ihrer Tora mit sage und schreibe 613 Gesetzen deutlich weiter, haben aber auch viel früher angefangen. Ich weiß nicht, wer von den Christen oder Juden auf die Idee gekommen ist, aber in allen Varianten hat man die Frau dem Manne untertan gemacht.
Tja, das konnten sich die Muslime, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, natürlich nicht gefallen lassen und haben kurz darauf ihr eigenes Regelwerk nach den mündlichen Überlieferungen ihres Propheten aufgesetzt. Also Hören-Sagen. Da kam die Frau noch krasser weg. Die Muslime haben soviel Angst vor uns, dass sie uns gleich einsperren und mit Tüchern ersticken wollten.
Ups, ich hoffe, ich habe keinem auf die Füße getreten. Das wollte ich nicht, das war mein innerer Problembär, ich meine natürlich Problembär:in, ich muss mich noch an meinen Adelstitel gewöhnen, hat ihre, also meine, Krallen ausgefahren. Glauben Sie mir, das kann ganz schön weh tun, aber es nutzt ja nichts. Denn nicht erst mit der Etablierung der unterschiedlichen Religionen begann die Blutspur, die wir Frauen auf dem Weg durch die Geschichte hinterlassen haben. Ich rede von der Menstruation als Zeichen unserer Macht.
Sie wollen die Angst vor der Macht der Frauen verlieren? Dann lernen Sie Ihre Feindin kennen. Fangen sie damit an, es laut auszusprechen: Men – stru – a – tion.
Frauen menstruieren. Sie menstruieren ganz normales Blut. Da ist nichts Unreines dran. Frauen menstruieren, um die Menschheit zu bewahren. Jeden Monat aufs Neue und oft unter Schmerzen. Wie sieht das aus Sicht des Mannes aus?
- Frau hat ihre rosa Woche – und keine Lust auf Sex.
- Frau hat ihre Ketchup-Woche – und fühlt sich vom Mann genervt.
- Frau hat ihre Erdbeer-Woche – und ein spannenderes Buch am Bett.
Was kann Mann also machen, wenn die Frau an den besagten Tagen zu nichts nutze und die rosa Wochen sich seltsam in die Länge ziehen? Wegsperren hatten wir schon, frauenfeindliche Religion auch, da half nur noch gesellschaftlicher Druck und die 4K der Frau:
- Kinder,
- Küche,
- Kirche,
- Krankenpflege.
Lange verpönt, schleicht es sich gerade als ‚Tradwives’ wieder in die Gegenwart. Doch ich schweife ab. Wo waren wir stehen geblieben?
Ach ja, die weibliche Blutspur und das Dasein als Problembärin, deren Krallen tiefe Furchen in des Mannes Stolz schnitten. Denn der wollte sich vermehren und egal, wohin er den Samen auch verteilte: Es nutzte nichts. Nur die Frau, das weibliche Wesen, konnte Leben schenken, es wachsen und gedeihen lassen.
Es war wie immer, kaum ist das eine Problem gelöst, taucht schon das nächste auf. Und wer ist schuld? Die Frau natürlich, warum stellt die sich auch immer so zickig an?
Gott, Allah und wie sie alle heißen, haben uns Frauen nur deswegen diese Macht gegeben, weil so eine Geburt echt schmerzhaft ist. Wenn die Frau sie denn überlebt. Außerdem, neun Monate mit Hormonschwankungen, dickem Bauch und geschwollenen Füßen herumzulaufen, ist auch kein Spaß. NeNe, das ist schon alles gut so. Die Frauen sollen das mit dem Kinderkriegen schön weitermachen, die Männer spielen so lange Krieg. Ist ja auch blutig.
Gründe für Krieg gibt es mehr als genug und irgendjemand muss doch Gerechtigkeit walten lassen. Denkt nur mal an diesen Göttinnen-Glaube zurück. Sowas musste doch verboten werden. Kein Wunder, dass Frauen so überheblich sind. Echte Hexen, die alles besser wissen wollen und dann, wenn es zu spät ist, am Scheiterhaufen rumstehen und jammern.
Es kann nur einen Gott geben und das ist ein Mann. Welcher, das klären die Männer am liebsten auf dem Schlachtfeld, da sind sie ganz unter sich. Während sie für die wirklich wichtigen Dinge ihr Blut auf dem Schlachtfeld lassen, können sich Frau und Kind zu Hause ausruhen und dabei Steine aus zerbombten Häusern sammeln, Kleider aus Uniformen nähen, über Schmugglerpfade Essen besorgen, die Kinder großziehen, die Verletzten pflegen und die Toten betrauern. Wenn die Männer dann vom Schlachtfeld kamen, musste alles wie vorher sein. Aufgeräumt, Bett gewärmt, Essen auf dem Herd.
Jetzt übernahmen wieder die Männer das Ruder. So, wie es ›Gott‹ gewollt hat.
Bitte entschuldigen Sie, aber meine Krallen schmerzen erneut, so eingeklemmt hinter meinem freundlichen Lächeln. Ich muss sie kurz raus lassen:
Hört auf Angst vor uns zu haben! Nutzt unsere Stärken und vergeudet sie nicht, indem ihr von eurem Glasboden auf uns herab seht. Das ist so eine Verschwendung!
Das tat gut. Danke für Ihre Geduld und ich versichere Ihnen, dass ich die Krallen wieder eingefahren und die Problembärin in die Höhle zurück geschickt habe.
Wie Eingangs gesagt, ich bin stolz und dankbar auf mein ‚in’. Genauso wie auf das Ampelweibchen statt der Ampelmännchen. Oder auf die Elternzeit der Männer, während der Stillzeit, damit ich in Teilzeit arbeiten kann. Ich fühle mich so gesehen, ich, eine Minderheit von nur 50,7%. All der Aufwand, den der Staat und die Gesellschaft für die Wertschätzung der weiblichen Minderheit betreiben muss. Was tragen wir mit unseren Teilzeitjobs und sozialen Engagements schon zum Bruttosozialprodukt bei, während wir die zukünftigen Steuerzahler aufziehen?
Weiblichkeitsbedingt weniger als die etwas über 76% Männer in Führungspositionen.
Natürlich haben unsere Männer das Problem erkannt und sie arbeiten daran. Zum Beispiel durch die wertschätzende Beobachtung des Gender Pay Gap von 16% (bereinigt 6%), dem fulminanten Applaus für alle Pflegerinnen, Erzieherinnen und all die anderen Niedriglohn-Empfängerinnen, die während und auch nach Corona nicht im Home Office arbeiten wollten.
Ganz besonders jedoch bedanke ich mich dafür, dass, im Gegensatz zu früher, medizinische Behandlungen und Medikamente für Frauen nicht mehr nur an Männern getestet werden. Und das, obwohl unsere hormonellen Schwankungen solche Tests verzögern, verfälschen und verteuern. Da war es doch günstiger, Frauenkrankheiten erst gar nicht oder nur unzureichend zu erforschen.
Erinnern Sie sich an Contergan, das Schlaf- und Beruhigungsmittel der Firma Grünenthal mit Sitz bei Aachen? Es wurde auch bei Schwangerschaftsübelkeit empfohlen. Schließlich wies keiner der Tests an Männern auf massive Fehlbildungen bei Neugeborenen hin. Ebenfalls konnte niemand ahnen, dass ein Herzinfarkt bei Frauen ganz andere Symptome zeigt und Aspirin nur bei Männern, nicht bei Frauen, präventiv wirkt.
Die Tests gaben das nicht her und es ist doch bekannt, dass bei unklaren Krankheitsbildern der Frau die Ursache oftmals die weiblichen Psyche ist: Wenn es außerhalb des Unterleibs krampft, die Lungen nur noch zu 20 Prozent arbeiten, das Herz unrhythmisch schlägt oder der Schlaganfall mich nicht mehr nett lächeln lässt.
Doch ich habe noch mein Lächeln, bei mir ist das Glas immer halb voll und wenn Sie, liebe Männer, die andere Hälfte beisteuern, sind wir ein unschlagbares Team. So, wie es Jesus und Maria Magdalena sicherlich auch gewollt hätten. Ich freu mich auf unsere gemeinsame Zeit.
Bis dahin schleife ich meine Krallen weiter.
Seid gewarnt,
Eure
